Drei Wochen in der Kinderhilfe in Popayán

Auf unserer viermonatigen Reise durch Südamerika waren wir drei Wochen zu Gast in der Kinderhilfe in Popayán und durften die Kinder, die im Verein  arbeitenden Frauen,  sowie das Leben in der Kinderhilfe kennen lernen.

Tagesablauf und Aktivitäten

Wir konnten in einem Nebenraum des Haupthauses der Kinderhilfe am Rande des Zentrums der Stadt übernachten. Von montags bis freitags fing unser Tag damit auch um 7:30 Uhr im Haupthaus an. Um diese Uhrzeit kamen die ersten in der Kinderhilfe arbeitenden Damen, um den Tagesplan, insbesondere den täglichen Essensablauf, vorzubereiten. Gegen 8:00 Uhr trafen dann auch schon die Kinder ein, die erst am Nachmittag zur Schule mussten. Abwechselnd blieben wir dann im Haupthaus, fuhren in die Casita 2  (dorthin auch jeden Samstag Vormittag) oder statteten dem in der gegenüber vom Haupthaus liegenden Casa Ursula untergebrachten Kindergarten/der Krippe einen Besuch ab. Am zweiten Freitag besuchten wir zudem die Indigena-Schule in San José de Guayabal.

In jedem Ort beschäftigten wir uns ununterbrochen mit den Kindern. Wir lasen vor, lehrten Wörter auf Deutsch und Englisch (hier bestand ein besonders großes Interesse seitens der Kinder), spielten (Bingo, Memory, Puzzle, Begriffe raten, Malen, Seilspringen, Verstecken, Fangen, Fussball,  Basketball, Jenga, Duplo, Würfel, Karten, etc.), halfen bei der Hausgabenbetreuung, erzählten von unserer Heimat (etwa von unseren Osterbräuchen oder der geographischen Lage Deutschlands anhand des Studiums der Weltkarte), aßen miteinander, tobten, usw. Zudem organisierten die Damen besondere Aktivitäten, an denen wir teilnahmen: die Obsternte in der Casita 2 (Mandarinen, Orangen, Guave), die Wanderung auf den Hügel zu den „Tres Cruces“ , das Bemalen von Eiern für Ostern und die Ostereiersuche im Park.

Die Kinder wurden täglich um spätestens 17:00 Uhr abgeholt, sodass der Abend dann zu unserer freien Verfügung stand. Diese Zeit nutzten wir teilweise, um viel benutzte deutsche Bilderbücher aus der Casita 2 ins Spanische zu übersetzen. Bisher dachten sich die Damen kreative eigene Geschichten zu den deutschen Büchern aus.

Am 23. März besuchten wir die von der Kinderhilfe  erbaute und unterstützte Indigena-Schule in San José de Guayabal. Schon der Weg dorthin, sowie die Landschaft vor Ort beeindruckten uns sehr. Wir wurden sehr herzlich und nach einem kleinen Fußballspiel sogar zeremoniell empfangen. Zunächst bedankten sich zwei Kinder im Namen der indigenen Bevölkerung und ihrer Vorsteher für den Besuch. Dabei legten uns – zu unserer Rührung – weitere Kinder jeweils ein selbst gemachtes Armband als offizielles Willkommensgeschenk an. Im Anschluss sangen die Kinder für uns und führten Dinge auf (es wurden uns selbst ausgedachte Rätsel gestellt und ein eigener Schauspielsketch mit besonderer Symbolik für die Indigenas vorgeführt). Die Señoras Sandra und Soledad, die uns aus Popayán mitbegleitet hatten, übergaben sodann die durch eine Spende aus Deutschland finanzierten neuen Spiele, die wir mit großer Freude der Kinder direkt mit ihnen ausprobieren konnten. Außerdem durften wir miterleben, wie sehr sich die Kinder über die aus Popayán mitgebrachten Kleiderspenden aus

Deutschland freuten.

Nach dem Mittagessen unterhielten wir uns viel mit der herzlichen „Hauptdame“ der Einrichtung, Doña Flor, und wurden im Anschluss vom dortigen Lehrer der Kinderhilfe, Señor Jesus, durch das Dorf geführt. Wir konnten die Kaffeeernte begutachten und bekamen eine Tour durch die Kaffee- und Zuckerrohrfelder. Uns wurde zudem die Maschinerie zur Gewinnung des Zuckerrohrsaftes gezeigt. Wir wurden den vielen freundlichen Dorfbewohnern vorgestellt, etwa einer 104 Jahre alten Dame und einer Mutter einiger der in der Schule lernenden Kinder. Diese gewährte uns sogar Zutritt zu ihrem Haus und wir wurden Zeuge der rudimentären und auf das Notwendigste beschränkten Einrichtung.

Eindrücke

Organisation

Wir waren sehr beeindruckt von der Organisation innerhalb der Kinderhilfe. Alle „Senoras“ treffen sich zweimal im Monat, die Administration sogar jeden Mittwoch, um den Plan der nächsten Tage und Wochen zu koordinieren. Dabei wird auch vor allem über die einzelnen Kinder gesprochen. Es herrscht eine klare Aufgabenverteilung für die Tagesorganisation aller Häuser. Zudem rotieren die Damen zwischen den Häusern. Im Tagesablauf werden Spiel-, Essens-, Hausaufgabenzeiten eingerichtet, fast täglich ein gemeinsamer Parkbesuch ermöglicht und ab und zu besondere Aktivitäten eingeschoben (s.o.) Die Essensvorbereitung ist besonders hervorzuheben. Das meist von der Hauptköchin- und Bäckerin Doña Carmen Julia zubereitete Essen ist vielfältig und schmeckt sehr gut. Die Kinder wirken sehr dankbar um die für sie mit großer Hingabe zubereiteten Gerichte und essen dementsprechend gerne in der Kinderhilfe. Es gibt zum Fleisch/Fisch immer Reis oder Nudeln und als Beilage Gemüse oder Salat, zudem wird stets ein frischer Saft zubereitet. Dazu kommen Zwischenmahlzeiten (Jogurt oder das traditionelle „Arepa“ mit Tee/Saft) um jeweils 10 und 15 Uhr. Auch für uns war der Aufenthalt in Bezug auf unsere Ernährung damit sehr reichhaltig und gesund.

Frauen

Die Damen der Kinderhilfe  haben wir sehr ins Herz geschlossen. Beispielhaft etwa Doña Carmen Julia und die Damen der Bäckerei/Küche, die für uns stets Lebensmittel zum Kochen für unser Abendessen in den Kühlschrank legten oder zusätzlich extra für uns Brot/Kuchen/Kekse backten. Señora Sandra, die uns vom Flughafen abgeholt hatte, uns die Stadt zeigte und dabei mit uns einige Dinge unternahm. Die vereinseigene Juristin und Leiterin der Babykrippe,  Janeth, die uns sehr bei einem Problem mit der Einreise nach Kolumbien half, immer ansprechbereit war und uns viele Zusammenhänge der Kinderhilfe erklären konnte, etc. Die vielen Frauen pflegen einen beeindruckenden Umgang miteinander – immer geprägt von absolutem gegenseitigem Respekt und großer Herzlichkeit. Genau diesen Umgang erfuhren wir in gleicher Weise, wofür wir wirklich sehr dankbar waren.

Kinder

Im täglichen Umgang mit den Kindern war es sehr schwierig, nachzuvollziehen, aus welchen Verhältnissen die Kinder kommen, was für Schicksale sie haben und was für Bürden sie mit sich herumtragen müssen. Unbefangen und ohne Kenntnis einzelner Lebensgeschichten haben wir erst in der letzten Woche durch Gespräche mit den Profesoras von den häufig schlimmen persönlichen Geschichten und Schicksalen erfahren. Die Kinder sind fast durchweg aktiv und herzlich. Einige sind sehr intelligent, andere sehr sportlich. Es tut einem fast weh, tatenlos mitansehen zu müssen, dass die Strukturen in Kolumbien eine individuellere Förderung kaum hergeben. Man würde manche Kinder am Liebsten in einen Fußballverein, zur Matheolympiade oder zu einem Fremdsprachenwettbewerb schicken. Auch für die Kinderhilfe selbst wäre eine derart individuelle Talentförderung aufgrund der Menge an Kindern und dem finanziellen/personellen Aufwand kaum möglich.

Viele Kinder sind sehr zuneigungsbedürftig, was in manchen Fällen auch daran liegen mag, dass sie von Zuhause häufig nur wenig Liebe erfahren. Teilweise klammern sich die Jüngeren aus dem Kindergarten in der Casa Ursula so fest an einen, dass man kaum loskommt. Allgemein waren wir von der Offenheit, Zutraulichkeit und Empathie der Kinder sehr beeindruckt und teilweise fast gerührt. Wir wurden bspw. von zwei Kindern gefragt, deren Kommunionspate zu werden, haben zwei sehr bewegende Briefe der Dankbarkeit zum Abschied erhalten von Kindern, die neun und elf Jahre alt sind, uns wurden Murmeln und Comics geschenkt und wir wurden gefragt, ob man einen mit auf die weitere Reise und nach Deutschland mitnehmen könne. Wie wir später erfahren haben, stecken dahinter häufig schwer vorstellbare aber reale Schicksale –  Kinder, die Familienmitglieder aufgrund von Drogenkonsum oder im Bandenkrieg verloren haben, deren Brüder teils sogar selbst „sicarios“ (Auftragskiller) sind oder deren Familien zumindest so wenig Geld haben, dass die Kinder zuhause kaum Essen bekommen.

 

Miteinander

Das Miteinander in der Kinderhilfe ist großartig. Der Verein wirkt wie eine große Familie. Hier wird nicht der einzelne Beruf der Köchin/Bäckerin/Erzieherin ausgeübt, sondern ein familiärer Umgang mit den Kindern gelebt. Die Mehrheit der dort arbeitenden Frauen stammt selbst aus der Kinderhilfe. Dadurch existiert eine sich selbst erhaltende Struktur der Liebe und des Respekts, die für ein tolles Umfeld für die Kinder sorgt, in denen die Kinder viel Zuneigung erhalten und auch eine Perspektive vorgelebt bekommen. Für einige wird es etwa möglich sein, eines Tages selbst im Verein zu arbeiten. Alle hier arbeitenden Frauen gehen unglaublich herzlich mit den Kindern um. Niemand schaut auf die Uhr und schielt Richtung „Feierabend“,  sondern alle Señoras sind zu 100% bei Ihrer Arbeit und bei den Kindern – und das scheint Ihnen auch gar nicht schwer zu fallen, denn sie wirken nicht nur zufrieden, sondern auch erfüllt von Ihrer Arbeit. Innerhalb der Damen wird keine Hierarchie je nach Tätigkeit erkennbar, es wird auch untereinander die Tätigkeit gewechselt, wenn es nötig ist. Alle packen mit an und ziehen an einem Strang. Jedes Kind begrüßt und verabschiedet die Profesoras mit einem Kuss als Zeichen der Zuneigung aber auch des Respekts. Wir hatten den Eindruck, dass jede in der Kinderhilfe  arbeitende Frau für die Kinder ein absolutes Vorbild ist – ein in deutschen Kindergärten unvorstellbares Phänomen. Auch der Umgang der Kinder zwischen den Altersstufen ist besonders. Die Älteren beschäftigen sich auch mit den Jüngeren. Auch das ist in einer deutschen Kindertagesstätte nur selten anzufinden. Wir hatten das Gefühl, dass sich alle Kinder sehr wohl fühlen und sich freuen, Zeit in der Kinderhilfe verbringen zu können. In drei Wochen haben wir nur ganz wenig Weinen beobachtet, eigentlich wird immer gelacht.

Fazit

Die drei Wochen in der Kinderhilfe waren für uns persönlich sehr prägend und inspirierend. Die Kinder und Frauen sind uns ans Herz gewachsen, sodass uns der Abschied am Ende sehr schwer fiel. Es wurde deutlich, was die Kinderhilfe für die einzelnen Kinder bedeutet. Egal ob Patenschaft oder Naturalspende. Alles kommt zu 100% bei den Kindern an. Mit den Mitteln aus Deutschland bekommen die Kinder die Ernährung, Bildung, erfahren Liebe und Respekt, wodurch sich das Leben der Kinder um ein Vielfaches verbessert und eine Perspektive für ihre Zukunft ermöglicht wird. Wir werden alles daran setzten, den Kontakt aufrechterhalten und schon bald wiederkommen.

Fritz & Jakob