Frau Sonntag zur Situation im März in Kolumbien

Jesteburg, März 2020

Liebe Paten von Kindern oder Projekten der Kinderhilfe in Kolumbien,

da das Corona-Virus inzwischen auch in Kolumbien und Popayan angekommen ist, hier aber kaum darüber berichtet wird und manche von Ihnen sich vielleicht Gedanken über die Lage der Kinder und Familien des Vereins machen, möchte ich Ihnen einen kurzen Überblick über die AKTUELLE Lage dort geben.

Nach allgemeinen Einschränkungen ist in Kolumbien inzwischen eine mehrwöchige Quarantäne angeordnet worden, während der jeweils nur ein Mitglied des Haushaltes am Tag das Haus für die dringendsten Besorgungen und Arztbesuche verlassen darf. Schon vorher waren alle Schulen und Betreuungseinrichtungen für Kinder geschlossen worden.

Was das für über die Hälfte der Bevölkerung, die im informellen Sektor arbeitet und auf die täglichen Einnahmen im Straßenverkauf oder Müllsammeln angewiesen ist und die auch keinerlei finanzielle Rücklagen hat, bedeutet, können wir an der Verzweiflung unserer Familien und auch der Mitarbeiterinnen der Kinderhilfe sehen. Wie überall in Kolumbien leben die meisten der von uns Betreuten in erbärmlichen Arbeits- und Wohnsituationen, in überfüllten Hütten oder Gemeinschaftsunterkünften und haben keine Sozialversicherung und oft auch kein sauberes Trinkwasser, geschweige denn das Geld für Seife.

Tausende wohnungsloser Menschen, darunter jetzt auch die vielen Geflüchteten aus Venezuela, sind der Verbreitung des Coronavirus schutzlos ausgesetzt. Und in den Gefängnissen protestieren die Insassen aus Angst vor dem Virus gegen die katastrophalen hygienischen Bedingungen. Wegen der Quarantäne können sie jetzt auch nicht mehr von den Angehörigen mit dem Notwendigsten versorgt werden. Die Nachrichten berichteten schon von über 23 Toten allein bei diesen Aufständen. Und zu den Betroffenen gehören auch wieder viele Angehörige unserer Familien, die wegen kleiner und größerer Vergehen (aus Not) ihre Strafe absitzen müssen. In mehreren ländlichen Gemeinden des Cauca ist es wieder zu Kämpfen zwischen der Guerilla und dem Militär gekommen, und die indigenen Reservate sind völlig abgeschottet und können auch nicht mehr beliefert werden.

Die Eltern unserer Kinder können die Miete nicht mehr bezahlen, keine Lebensmittel mehr kaufen, auch ihre Schulden nicht mehr bedienen, die sie bei Wucherern haben, um Kosten für Krankheiten und Medikamente zahlen zu können oder im Laden an der Ecke, wenn die Tageseinnahmen nicht für das Allernötigste gereicht haben. Und die Kinder können nicht mehr die beiden Mahlzeiten im Verein einnehmen und schon gar nicht das Sonnabendessen für alle.

Als sich ein Ausbruch der Pandemie in Kolumbien abzeichnete, haben wir von Deutschland aus die Mitarbeiterinnen angewiesen, so viele Lebensmittel und Seife in der Stadt (Popayan und Pasto) aufzukaufen wie möglich. Damit waren sie das ganze vergangene Wochenende beschäftigt. Aber da war schon nicht mehr alles vorhanden, denn es gab es keine Eier mehr zu kaufen.

Unsere Mitarbeiterinnen hatten schon am Freitag gemeinsam einen Notfallplan entworfen, den sie wegen der drastischen Restriktionen nicht ganz ausführen können. Aber die Lebensmittel wurden familiengerecht aufgeteilt und auch das Altenheim und das „Hospiz“ Cottolengo, wo die Lebensmittel knapp wurden, bekamen einen Anteil ab. Auch das reife Obst im Casita wurde noch schnell geerntet und an unendlich dankbare Abnehmer verteilt. Vor allem die Babynahrung war uns ein Anliegen und ganz viele Haferflocken für die zu überbrückende Zeit.

Die Kinderhilfe in Popayan und Pasto ist inzwischen für unbekannte Zeit offiziell GESCHLOSSEN! Aber die Betreuerinnen haben sich die Familien untereinander aufgeteilt und bemühen sich mit ihnen telefonisch in Verbindung zu bleiben, um auf große Notlagen reagieren und mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können.

Sonderspenden für Patenkinder wollen sie versuchen in Polizei-Begleitung und mit dem Taxi während ihrer Ausgeherlaubnis zuzustellen. Aber ALLE Familien, besonders die alleinstehenden Mütter kleiner Kinder und Babys, brauchen finanzielle Hilfe, um die Miete bezahlen, um zum Arzt gehen zu können und das Nötigste zu kaufen, wenn die Vorräte vom Verein aufgebraucht sind.

Einige von Ihnen haben schon ihre Hilfsbereitschaft gezeigt und geschickt, und ich bin Ihnen sehr dankbar und froh, dass SIE in dieser schwierigen Zeit für uns alle, Solidarität für verzweifelte Menschen auf einem anderen Kontinent, die mit keiner anderen Hilfe rechnen können, aufbringen und zeigen.

Ihre Ute Sonntag