„Haus Ursula“ in Popayan: 1. Quartalsbericht 2020

KRISE DURCH DIE AUSBREITUNG DES COVID 19 VIRUS

Die weltweite Krise, die durch das Covid 19 Virus ausgelöst wurde, war für unser Land weit weg, und wir haben das Virus so sehr unterschätzt, dass unsere Regierenden Entscheidungen getroffen haben, die sich gegen die Sicherheit unserer Nation richteten. Lange war Kolumbien ein Land, in dem das Virus nicht aufzutauchen schien. Dabei befand es sich aber schon längst im Anmarsch, denn Menschen, die ihren Wohnsitz im Ausland haben, brachten das Virus mit.

Trotz aller Informationen über dieses Virus und seine Folgen, die es in sozialer, medizinischer und wirtschaftlicher Hinsicht mit sich bringt, die tragisch sind, wenn man sieht, wie Städte unter der großen Zahl der registrierten Toten kollabieren, ist es notwendig, über unsere Erfahrungen mit unseren Familien zu berichten. Das sind Menschen, die keine festen Einkünfte haben, die täglich ums Überleben kämpfen, die jeden Tag auf die Straße gehen, um Süßigkeiten oder Obst zu verkaufen und Müll zu sammeln. Sie müssen Miete für die Hütten zahlen, in denen sie leben, und wenn sie nur einen Tag bei der Arbeit fehlen, bedeutet das einen Tag ohne Essen. Es ist ein Tag, an dem sie kein Geld für die Zahlung der Nebenkosten zurücklegen können und an dem sie mit der Miete für die Unterkunft im Rückstand bleiben. Deshalb müssen die meisten Kolumbianer, auch wenn sie krank sind, Tag für Tag weiterarbeiten. Diese Familien haben nicht die Möglichkeit, Lebensmittelvorräte zu kaufen. Es sind Familien, die keine Vorratshaltung kennen. Sie geraten angesichts der Anordnung, wegen des Virus im Haus zu bleiben, in Panik. Und das nicht nur aus Angst, das Virus könnte in ihr Heim kommen, sondern auch nicht zu wissen, was sie ihren Kindern in Zukunft zu essen geben sollen, wer ihre Schulden bezahlen wird und wer die Medikamente für ihre Großeltern. – Auch wenn wir als Drittweltland schon gedacht haben, die extreme Armut zu kennen, zeigt uns diese neue Attacke, dass es noch schlimmer werden kann.

Unsere Familien in der Kinderhilfe sind verzweifelt, ganz besonders die in der Babykrippe mit ganz kleinen Kindern, wo sich unsere Eltern die frühkindliche Ernährung noch nie leisten konnten. Die Kleinen wurden gerade deshalb so regelmäßig gebracht, weil die Eltern sich der guten Betreuung und Ernährung sicher waren. Aber niemand möchte das in diesen schwierigen Zeiten noch riskieren, wo das Virus auf verantwortungslose Weise eingeschleppt wurde, hierher, wo das Gesundheitssystem noch NIEMALS dem Bedarf gerecht wurde. Hier ist es so, dass die ärztliche Anordnung einer dringenden Operation erst ankommt, wenn der Patient bereits gestorben ist. Und wenn wir ins Krankenhaus gehen, können wir es mit der Diagnose eines im selben Gesundheitszentrum erworbenen Bazillus wieder verlassen. Ganz zu schweigen von den Menschen aus unserem Nachbarland Venezuela, die sich sehr schnell in ihren Unterkünften verstecken mussten, weil sie keine Papiere haben. Sie haben Angst davor, dass angesichts der Notlage, nur Kolumbianer behandelt würden und sie vielleicht in ihr Land zurückgeschickt werden würden.

Hierzu möchten wir Ihnen die traurige Geschichte einer Mutter aus der Babykrippe erzählen, die wir Maria nennen werden, um ihre Identität zu schützen. Schon ihre Kindheit ist herzzerreißend. Sie wuchs bei Eltern heran, die selbst schon täglich ums Überleben kämpften. So entwickelte sie sich zu einer selbstbewussten Frau, die sich ihren Lebensunterhalt täglich selbst verdiente, indem sie Obst oder Kosmetika von einem Karren verkaufte. Außerdem ging sie täglich putzen und zog dafür durch die Viertel unserer Stadt. Ihr ältester Sohn und ihre Mutter verkauften den ganzen Abend lang Süßigkeiten außerhalb einer Kneipe und ihr Vater verkaufte Süßigkeiten im Zentralpark unserer Stadt. So überlebte die ganze Familie. Dabei übernahm Maria die volle Verantwortung für alles und wurde der Mittelpunkt der Familie. Sie musste alle Probleme der innerfamiliären Gewalt lösen und befrieden, denn in diesem Haushalt leben auch Cousins, Onkel und Neffen. Schließlich führte das bei ihr zu einem Zusammenbruch, weil sie über all die Lasten, die sie zu tragen hat und unter denen sie sehr leidet, mit niemandem wirklich reden kann.

Maria hat immer von einem eigenen Heim geträumt, von einem Ort, an den sie mit ihren Kindern gehen könnte, damit diese nicht mehr so viel Gewalt und Streit erleben müssten, wie es sie im Hause ihrer Mutter gibt. Nach vielen Jahren und mit großer Mühe hat sie einen ganz kleinen Teil sparen können und eigentlich hätte sie kaum daran denken können, den gesamten Betrag für den Kauf eines Stückchen Lands sparen zu können. Sei es auch nur, um darauf aus Brettern ein Zuhause zu bauen. Ihr Traum platzte als sie erneut schwanger wurde. Ihre Familie hatte als ambulante Verkäufer ständig große Schwierigkeiten mit den Behörden gehabt, weil sie ihnen die Waren beschlagnahmt hatten. Sie riskierten es aber, mit Produkten aus Obst zu handeln, wobei sie wie immer die finanzielle Last zu tragen hatte und ihre geringen Ersparnisse beisteuerte. Sie steckte in großen Schwierigkeiten, weil der Vater des Babys, auch wenn er nicht für das Kind aufkam, die Gefrierschränke verkaufte, die Maria noch gar nicht abgezahlt hatte, um davon Wetten zu finanzieren. Auch gab es viele Probleme mit ihren Angehörigen wegen der Behandlung der Kunden. Ihr jüngerer Sohn wurde verhaltensauffällig und man man diagnostizierte schließlich bei ihm Schizophrenie. Einer ihrer Angehörigen beging Selbstmord. Ihre Schwester ist behindert. Bei ihr selbst wurde ebenfalls Schizophrenie festgestellt, was sie in eine Krise stürzte und weshalb sie mehrmals versuchte sich das Leben zu nehmen. Auch ihre Kinder haben typische Verhaltensweisen gezeigt, weshalb sie in ständiger Angst lebt, dass eines davon diesen Weg wählen könnte. Ihr ältester Sohn wirkt depressiv, weil er versucht in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten, indem er Verantwortungen übernimmt, die er nicht bewältigen kann. Er ist es, der seiner Mutter in allem hilft, sei es im Geschäft oder indem er das Baby zur Krippe bringt und es abholt, indem er seinen Großeltern bei den Arztbesuchen beisteht und seinen anderen Bruder betreut. All dies bringt sie dazu, sich nach einem eigenen Heim zu sehnen, obwohl sie viele Schulden hat, denn sie muss Miete für ihr Geschäft bezahlen, das sehr zentral in der Stadt liegt, und dadurch sehr teuer ist. Von den Verkäufen konnte sie bisher die Kosten bezahlen und beruhigt sein, dass die Polizei ihr nicht wieder ihren Besitz fortnähme. Sie konnte sogar weiter investieren, um neue Kunden zu werben und von einer Hütte träumen, um mit ihren Kindern allein darin zu leben.

Als aber die Nachricht kam, dass das Virus in unserer Stadt angekommen war, weshalb man zu Hause bleiben muss, musste Maria ihr Geschäft schließen und abwarten bis die Quarantäne aufgehoben würde. Für ihre Kinder konnte sie nur noch Reis und Kartoffeln kaufen. Mit wütenden Tritten ihrer Füße drückte sie ihren Kummer aus, alle Träume aufgegeben zu haben, bei denen sie die Ersparnisse von neun Jahren für eine eigene Hütte riskiert hatte. Bei der augenblicklichen Krise ist ihr klar, dass sie weiterhin in einem Haus von „Verrückten“ leben muss und dass damit ihre Träume erst einmal ein Ende haben.

Dann ist da auch noch eine weitere Familie mit einem Baby, das wir Angie nennen wollen. Seine Eltern sind sehr jung und darauf angewiesen, von Arbeiten ohne festen Lohn zu leben. David arbeitet im Transport mit dem Motorrad und fährt unter anderem Essen aus. Die Mutter hat es riskiert, einen Friseurladen zu eröffnen, in denen sie auch wohnen. Sie zahlen natürlich monatliche Miete für die Räumlichkeiten. Gerade waren sie dabei, sich von einem Schicksalsschlag zu erholen, denn im Dezember waren sie ausgeraubt worden. Jetzt müssen sie erneut schließen. Damit sind sie arbeitslos, mit Schulden und ohne Ersparnisse, denn unsere Familien können kaum an Sparen denken, wenn sie von den täglichen Einnahmen überleben müssen.

Eine weitere Mutter in der Babykrippe hatte stundenweise in einem Fotokopierladen außerhalb eines Institutes gearbeitet. Mit dessen Schließung hat sie jetzt nur noch Arbeit im Einpacken von Tüten gefunden, eine überaus entwürdigende Arbeit. Ihr Mann arbeitete in einem Geschäft mit Einwegartikeln, das aber auch geschlossen wurde. Sie wohnen zur Miete und können nicht einmal mehr ihre minimalsten Kosten decken.

Es gibt da noch Joanna, die ganz junge Mutter eines Babys, die von einem Karren im Zentrum der Stadt Obst verkauft. Sie weiß nicht, wie sie ihren sechs Monate alten Sohn ernähren soll.

Dann ist noch von dem Baby Daniel zu erzählen, dessen Familie in quälender Enge lebt, weil es so viele Kinder waren, die beide Elternteile aus früheren Beziehungen hatten. Jetzt versorgen sie auch noch einen behinderten Bruder und den Großvater des Babys. Beide Eltern arbeiten in schlecht bezahlten Tätigkeiten – sie im Haushalt einer Familie und er auf dem Bau. All diese Arbeiten wurden mit der Quarantäne eingestellt. Es gibt keine anderen Einkünfte mehr.

Das alles sind Fälle von ganz extremer Armut. Es sind Fälle von Verzweiflung, denn sie haben große Angst die Wohnungen zu verlassen, weil die Ordnungskräfte alle bestrafen, die die Quarantäne nicht einhalten. Außerdem haben sie Angst davor, dass ihre Kinder sich infizieren könnten, weil es keinen Zugang zu einem medizinischen Zentrum gibt. Wie der Präsident gesagt hat, sollen diejenigen, die mit dem Virus infiziert sind, zu Hause behandelt werden. Aber wir wissen, dass eine Behandlung weder in die vom Staat vernachlässigten Heime noch ins Haus kommt.

Und der letzte, noch schlimmere Fall ist die Mutter mehrerer kleiner Kinder und eines Babys, die kaum Ahnung von der Versorgung von Kindern hat. Mehr als je zuvor ist sie jetzt von aller Welt verlassen, weil sie immer allein war. Wenn schon die Eltern, die gearbeitet hatten, nichts sparen konnten, so konnte sie es noch viel weniger. Sie ging keiner Arbeit nach, lebte in einer gemieteten Hütte und weiß nicht, wie sie die monatliche Miete dafür aufbringen soll. Sie muss befürchten, dass sie daraus vertrieben wird. Dabei ist noch nicht die Rede von der Ernährung ihrer vier Kinder, weil sie von der Barmherzigkeit jener abhängen, die ihnen helfen wollen. Mit der Initiative unserer Eltern hat die Kinderhilfe sie unterstützt, indem sie ihr die Lebensmittel ins Haus gebracht hat. So hat der Verein ihr u.a. Babynahrung für das Baby übergegeben.

In diesem Bericht möchten wir vor allem die Hilfe der Spender hervorheben, denen wir unendlich dankbar sind, weil sie ermöglich haben, dass in jedes so bedürftige Heim ein kleiner Vorrat an Nahrungsmitteln gebracht werden konnte, die so sehr benötigt wurden. Wir müssen auch betonen, dass wir dafür beten, dass keine unserer Familien von diesem Virus betroffen wird. Aber auch dann endet diese Krise nicht, wenn die Quarantäne aufgehoben wird. Unsere Familien können dann grade anfangen, sich davon zu erholen, müssen sich aber vor den Schuldnern verstecken. Sie müssen dafür beten, dass sie nicht aus ihren Unterkünften vertrieben werden, weil sie die Miete nicht bezahlt haben. Sie werden kaum den Überlebenskampf wegen der fehlenden Nahrungsmittel überstehen und die wenigen, die es gibt, sind extrem teuer geworden. Unsere Familien haben nicht in Supermärkten eingekauft. Das ist für sie Luxus, und niemand begreift, dass sie Hunger und Not leiden, obwohl die Regierung den Transport von Lebensmitteln erlaubt, denn die Kosten dafür können sie nicht aufbringen. Schon wurde beschlossen, dass die Schulden nicht gestrichen werden, sondern nur gestundet, als wenn wir Kolumbianer noch mehr Schulden tragen könnten. Das wird nur die Kriminalität, die Unsicherheit und die soziale Unordnung weiter verschärfen.

Mit großem Schmerz hat uns getroffen, die KINDERHILFE auf Anordnung der Regierung schließen zu müssen. Aber von Zuhause aus bemühen sich die Mitarbeiterinnen darum, mit den Familien in Kontakt zu bleiben, um zu erfahren, in welchen Krisen sie sich befinden und in welcher Notlage sie stecken, damit sie sich nicht verlassen fühlen. Wenn es möglich ist, wollen wir ihnen von der Kinderhilfe aus weitere Hilfe anbieten, wenn die Spender es uns erlauben. Die Lebensmittelspende, die wir an alle Familien geben konnten, hat ihnen im Moment ermöglicht, einige wenige Tage Vorrat zu haben, denn die Nahrungsmittel, die wir ausgehändigt haben, waren nicht nur für ein Kind, das in die Kinderhilfe aufgenommen wurde, bestimmt, sondern für große Familien, die in einem Topf kochen, was sie unter allen aufteilen müssen. Es wird leider nicht lange reichen und wie schon gesagt leiden viele von ihnen schon Hunger. Bald wird die Not noch viel größer, denn der Staat bietet keine wirksamen Alternativen an, um so viel Not zu lindern.

Kolumbien war darauf nicht vorbereitet – auf keinerlei Katastrophe. Die Familien sind verzweifelt und werden sicher noch ganz viel Hilfe brauchen, auch nach dem Ende dieser Katastrophe.

Niemals haben wir uns eine Krise wie diese vorstellen können. Es ist herzzerreißend und beklagenswert, in diesen Augenblicken so viel Elend und extreme Armut zu sehen, und das Schlimmste ist, dass es für die Familien der Kinderhilfe keine Alternative gibt. Ihre einzige Hoffnung und sichere, zuverlässige und aufrichtige Unterstützung ist die Kinderhilfe. Deshalb sind wir ein weiteres Mal unendlich dankbar, weil nur durch die Unterstützung und Solidarität aus Deutschland die weitere Tätigkeit des Vereins möglich ist.

Wir wissen, dass die Lage auch in Deutschland sehr schwierig ist und deshalb danken wir Ihnen umso mehr, dass Sie uns hier nicht vergessen, in diesem Land so voller Not und Armut, wo wir keine Hoffnung haben, weil unser Staat korrupt und unsensibel ist. Deshalb werden wir Sie weiterhin darüber informieren, was mit jeder der Familien aus Haus Ursula passiert.

Gott segne und behüte Sie, wo immer Sie sich befinden, und wir hoffen, dass diese Krise schnell endet und alles zur Normalität zurückkehrt.

Yaneth Rocio River, in Form gebracht von Sandra Yicel Medina S. (verändert DH.)