Schule von San José Del Guayabal – Erster Quartalsbericht 2020

DIE VIER EPIDEMIEN KOLUMBIENS

In Kolumbien haben wir es nicht nur mit einem Virus zu tun, sondern mit Vieren, dem Covid-19, der Korruption, dem Krieg im Lande und dem Hunger. Die beiden letzten haben mehr Tote gekostet als jede Pandemie. Und für die letzte gibt es auch eine Impfung, das ist Essen. Aber die permanente Korruption gegen das eigene Volk gibt keinen Pardon, nicht einmal in dieser nationalen und weltweiten Krise, sondern ist eine gute Gelegenheit, wieder einmal so erschreckende Beweise sozialen Verfalls zu zeigen und sich erneut die minimalen Hilfen, die von der Regierung angeordnet wurden, in die eigenen Taschen zu stecken. Dabei werden immer die Angehörigen der Politiker begünstigt. Deswegen hängen Viertel und ganze Gemeinden ihre roten Lappen aus ihren Hütten in der Hoffnung, dass eventuell etwas Essen zu ihnen gelangen könnte. Und damit wird sichtbar, dass unsere Bevölkerung Hunger leidet, eine Bevölkerung, die nicht weiß, was sie tun soll, um gehört zu werden. Sie haben Plakate aufgestellt, protestiert, aber das reicht nicht.

Das Ganze bewirkt, dass die bewaffneten Gruppen die Kontrolle über alle Dörfer unseres Departments übernehmen werden, denn die halten sich nicht an die Quarantäne. Soziale Führer und ehemalige Kämpfer werden weiterhin bedroht, vertrieben und zum Angriffsziel erklärt, und der Kampf ums Territorium führt zu Zusammenstößen. Die Bevölkerung ist verängstigt, eingesperrt – nicht nur durch die Quarantäne, sondern durch den Krieg. In diesen Tagen starb ein Kind bei den Kämpfen. Außerdem werden die Zufahrten in die Dörfer kontrolliert. Bei jeder Straßensperre gibt es ein Mitglied der subversiven Gruppen, die kontrollieren, ob die indigenen Wachen ihre Aufgabe erfüllen. Deshalb nahm die Kinderhilfe bei diesem letzten Besuch (um dringend benötigte Lebensmittel zu bringen)

ein Risiko auf sich, denn es wurden Namen, Ausweis-nummern und Autokennzeichen notiert. Aber die Not, die in der Gemeinschaft sichtbar ist, recht-fertigt jede Art von Risiko, weil die Familien völlig im Stich gelassen sind. Die Waren, die ins Dorf kamen, waren extrem teuer geworden und kosteten fast das Doppelte des Preises. Sie konnten keinen Vorrat anlegen, weil ihre finanzielle Lage das nicht ermöglichte. Es gab keine Reserven an Lebensmitteln und die Kinder waren ohne die Schule ohne ihr tägliches Essen. Deshalb war es dringend notwendig, dass Lebensmittel zu ihnen gelangten, denn wenn schon hier in der Stadt keine Hilfe kommt, noch viel weniger geschieht das in den ländlichen Gebieten.

So befanden wir uns wieder in einer vollkommen vom Staat verlassenen Gegend, der Vergessenheit anheim gegeben, unter der Kontrolle von bewaffneten Gruppen und mit der Angst vor einer Infektion. Falls das Virus tatsächlich dorthin kommen sollte, gibt es dort weder ärztliche Betreuung noch eine Möglichkeit, die Patienten in die Stadt zu bringen.

Deshalb ergreifen sie die notwendigen Maßnahmen und behelfen sich mit Kräutern und ihren traditionellen Heilern.

Es ist ganz wichtig, die Worte der Lehrer dort hervorzuheben, mit denen sie die Erfahrungen der Gemeinschaft in dieser schweren Zeit der Quarantäne beschreiben. Nur sie können von den Erlebnissen und der Solidarität untereinander berichten. So bekräftigen sie, dass die Dorfgemeinschaft sehr hart getroffen ist. Das gilt auch für die schulische Bildung der Kinder, denn sie konnten nur noch drei Tage nach der Anordnung der Regierung arbeiten. Aber sie haben auf eine Anordnung der indigenen Autorität gewartet, bevor sie den Unterricht aussetzten. Dann haben die Lehrer den Kindern in den verschiedenen Fächern Aufgaben gestellt, damit sie leistungsmäßig nicht zu sehr zurückblieben.

Seitdem haben sie den Kontakt zu den Kindern nicht verloren und sind ständig in Erwartung, welche Entscheidungen von Seiten des Reservates getroffen werden. Auch werden sie aufgerufen, Wachdienste zu leisten in einem Zeitraum von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.

Das Reservat hält weiterhin seine Versammlungen ab, und im Augenblick diskutieren sie über die pädagogische, gesundheitliche und territoriale Politik. Und da noch kein Fall des Coronavirus dorthin gelangt ist, untersuchten sie die Möglichkeit, wieder mit dem Unterricht zu beginnen, mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen, um das Wohlergehen der Kinder zu gewährleisten.

Am Anfang haben sie, wie alle im Cauca, geglaubt und darauf vertraut, dass das Virus nicht zu uns kommen würde. Aber im Laufe der Zeit haben sie gemerkt, wie die Menschen immer mehr gestresst waren. Es kam die Verzweiflung, weil die Lebensmittel zu Ende gingen; es gab weder Arbeit, noch Geld, und auch der schulische Druck beunruhigte sie. Aber sie können nur nach den Anweisungen handeln, die von höchster Stelle kommen, was bei Ihnen der CRIC ( Rat der Indigenen des Cauca) ist, und der beruft sich auf die Anordnungen der National-Regierung.

Die ganze Dorfgemeinschaft ist finanziell betroffen. Aber es gibt auch Familien in besonders schwierigen Situationen. Es gibt hier Familien, die können ein Stück trockenes Brot mit Zuckerwasser zum Frühstück haben, aber andere Familien haben nicht einmal das. Diese Situation bedrückt die Lehrer sehr, weil sie alle persönlich kennen. Vier Kinder haben schon davon gesprochen, dass sie arbeiten gehen wollen, weil man sich schon genau vorstellen kann, was kommen wird. Zur Zeit der Ernte werden die Kinder schon auf den Feldern bei der Arbeit helfen, um Einkünfte zu haben, oder sie helfen irgendwo beim Unkrautjäten, das aber mit der Erlaubnis der Eltern und um diesen zu helfen und selber etwas zu Essen zu haben.

Jetzt hat jedoch eine bewaffnete Gruppe hier bekannt gemacht, dass jeder nur auf dem Stück Land arbeiten darf, das ihm gehört. Sie werden nicht zulassen, dass Arbeiter in der Landwirtschaft tätig werden, sondern jeder müsse in seiner Siedlung oder seinem Reservat bleiben.

Daher versuchen die Familien, sich ein wenig zu behelfen, indem sie beim Nachbarn Kaffee pflücken. Aber da kein Geld vorhanden ist, und weil man in dem Dorf kaum etwas kaufen kann, gilt das nicht als finanzielle Einnahme. Es ist so, dass, wenn ein Nachbar nichts zu essen hat, bringt ihm der, der neben ihm wohnt, etwas zu essen, wofür der erste ihm dann wieder bei seiner Arbeit hilft. So helfen sich alle gegenseitig, weil alle gerne arbeiten würden.

Niemand hier in der Gemeinschaft konnte dauerhafte Lebensmittel besorgen, wie Reis, Bohnen, Linsen, Mehl oder Öl. Deshalb sind sie auch der Kinderhilfe so unendlich dankbar, weil die Hilfe „so überraschend“ kam, wie die Lehrerinnen sagten. Dieselbe Gemeinschaft erklärte: „ Es ist ein Segen, wie von so weit her Hilfe für uns kommt, die es in unserem Land nicht gibt“.

Sehr traurig erklärten sie, dass die Regierung in den Nachrichten davon redet, etliche Kisten mit Lebensmitteln für die indigenen Gemeinschaften zu schicken, und obwohl sie ständig nachgefragt haben, wann diese Hilfe endlich käme, tauchte diese Unterstützung niemals auf und es kam nichts an. Immer verschwinden hier die Hilfsgüter auf dem Wege bei so viel Korruption und das einzig Sichere in Kolumbien ist, dass der Staat ihnen nicht helfen wird.

Wie die Lehrer dort Hausbesuche gemacht haben, um den Familien zu erklären, wie sie sich vor dem Virus schützen können, so handhaben sie dort auch alle die traditionelle Medizin mit vielen heißen Kräutertees, wie von Taubnesseln, Ringelblumen, Kamille und Thymian. Aber diese Pflanzen gehen ihnen aus, weil die wenigen Kräuter, die sie hatten, aufgekauft wurden und sie nur noch wenige für den eigenen Konsum angebaut hatten. Es lohnte sich nicht mehr, sie zum Markt zu bringen, weil es nur noch selten Transportmöglichkeiten gab und die sehr teuer geworden sind. Aber die wenigen, die die Dorfgemeinschaft zusammen bekam, verteilten sie auf die Häuser, damit sich die Menschen täglich vorbeugend behandeln konnten. Die Gesundheitsberaterin der Gemeinschaft geht von Haus zu Haus, um sich zu vergewissern, dass die Leute die Heilmittel auch zubereiten und konsumieren. Und abends helfen die traditionellen Heiler mit ihrer Arbeit am spirituellen Teil.

Die im Moment am schlimmsten betroffene Familie hat den Nachnamen „Lopez“ (Name geändert). Die Mutter hat elf Kinder, darunter ein Baby von eineinhalb Monaten. Sie braucht besonders dringend Arbeit und jetzt ganz viel Hilfe.

In ihrer Unterkunft gibt es weder Wasser noch Strom, und sie muss abends eine Kerze anzünden. Das Wasser muss sie in Eimern aus einem Bach holen und zum Kochen erst das Holz für den Ofen suchen. Das Traurigste ist, dass sie nach Essbarem suchen muss, was sie nicht findet, und ihr Baby kann sie halbwegs mit Muttermilch ernähren, je nachdem, was sie selber essen kann. Im Allgemeinen bekommen zuerst die Kinder zu essen und dann erst die Mutter.

Dann ist da noch eine andere Familie, die zwei Kinder hat und der Lebensgefährte der Frau ist nicht der Vater der Kinder. Die Mutter ist sehr jung und ihre Lage hat sich durch ihre Unerfahrenheit im Überleben noch verschlechtert, weil sie nirgends Hilfe finden kann.

Aus diesem Grund war es notwendig gewesen, der Gemeinschaft zu helfen. Es war ein Aufatmen in dieser schmerzlichen Lage der Verzweiflung, nicht nur den Hunger zu stillen, sondern auch für einige Tage der Erholung von der Verzweiflung zu ermöglichen. Es ist eine Erleichterung und Hilfe für das Zusammenleben. Die Anführer gaben Anweisungen, wie die Vorräte bis zu einem Monat reichen könnten. Aber bei diesen so zahlreichen Familien ist das unmöglich. Deshalb wird die Gemeinschaft mehr Hilfe benötigen, besonders wenn die herrschenden Gruppen in diesen Gegenden weiter die Sperren aufrechterhalten.

Als Mitarbeiterinnen des Vereins in Popayan, schulden wir Ihnen unendlichen Dank für Ihre Bemühungen in Deutschland, wo sie dieselben Probleme durchleben, wie wir in unserem Land, und dass Sie dennoch weiterhin helfen, indem Sie hunderten von Familien Hoffnung geben, die zwischen Armut und Elend leben und die von einer gleichgültigen und korrupten kolumbianischen Regierung vergessen wurden. Ohne Sie wäre es nicht möglich, die Lebenshoffnung zu bewahren und dass unsere Familien irgendwann eine bessere Zukunft haben können. Danke auch für die Unterhaltung der Schule und alles, was Sie den Kindern dieses Reservates ermöglichen.

Yaneth Rocio Rivera Pantoja