Hausbesuche bei Familien der Babykrippe: Haus Ursula

Von dieser obligatorischen Isolation fühlen sich unsere Familien der Babykrippe sehr hart betroffen, denn alle sind von ambulanten Arbeiten abhängig. Grundsätzlich befinden sich alle in einem Zustand der Verzweiflung. Aber bei den großen Familien besteht das Leben inzwischen aus einer Mischung aus der Notwendigkeit, den Hunger zu stillen und den Problemen im Zusammenleben, wie im Fall der Familie von Santiago Daniel (Name geändert), der ein Jahr alt ist. Er kam sehr früh in die Babykrippe, damit seine Eltern arbeiten gehen konnten. Sie haben in ihrer Obhut einen Behinderten, der weder mithelfen kann, noch sich irgendwie verständigen, auch den Großvater des Babys und dessen vier Kinder. Leider können jetzt beide Eltern nicht arbeiten und haben keinerlei Einkünfte. Jetzt, da sie gezwungen sind, zuhause zu bleiben, inmitten von Not und quälender Enge, benutzt der Großvater sehr harte Worte, um sich an die beiden älteren Söhne von Santiagos Mutter zu wenden. Praktisch verlangte er von ihnen, dass sie den Platz, den sie im Hause einnähmen, räumten. Sie war so weit, dass sie bei ihrer Schwester Zuflucht suchen wollte, wo sie nicht einmal in die Unterkunft passen würden. Aber ihr Mann konnte schlichten und sie in einen anderen Raum umziehen, damit sie keinen Kontakt mehr zum Großvater hätten. Aber damit hat sich das Zusammenleben ja nicht geändert, und sie müssen verhindern, zusammen zu kommen, indem die Unterkunft geteilt wird und die Kinder zusammengedrängt in einem Raum, auf einem Bett die Hausaufgaben machen müssen.

Unsere Eltern wissen, dass der Verein in dringenden Notlagen für sie da ist, und die Mutter von Santiago berichtet, dass sie uns gerade anrufen wollte, weil sie nichts mehr zu essen hatten. Diese Mutter hat nie versucht, Mitleid zu erregen, sondern sich immer alles selbst erarbeitet. Sie diese so aufrichtigen Worte sagen zu hören, ist daher ein Beweis dafür, dass die Familien nur mit einer sicheren Hilfe rechnen können, und das ist weder der Staat, noch der Bürgermeister. Es ist die Kinderhilfe. In jenem Moment hatte ihr Bruder ihr Hilfe gebracht. Aber die Nahrungsmittel gehen zu Ende, und ihre Angehörigen werden diese Hilfe nicht erneuern können. So wird nur die Kinderhilfe dieser Familie Lebensmittel bringen und die Stabilität des Zusammenlebens, denn wenn der Hunger größer wird, geraten die Charaktere an ihre Grenzen, und die familiären Streitigkeiten brechen auf, wobei hier die Kinder besonders angegriffen werden. Sie werden als Eindringlinge in die Familie gesehen, weil sie nicht die Enkel des Hausbesitzers sind.

Auch haben wir die Familie von Alejandro David (Name geändert) aufgesucht, ein Baby, das im Januar dieses Jahres aufgenommen wurde. Seine Familie musste sich in das Haus der Großmutter flüchten, weil sie ebenfalls nicht mehr arbeiten und daher die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Im Augenblick ist es dort überfüllt, weil in einem kleinen Haus die Großmutter des Babys mit ihrem Partner lebt, die Urgroßmutter und die Eltern von Alejandro mit seinem Bruder. Manchmal können die Männer der Familie sich behelfen, indem sie Lasten in Großlagern tragen, und das sind die einzigen Einnahmen für den Unterhalt aller. In dieser Familie gibt es Schwierigkeiten mit den Nachbarn, denn leider betätigen sie sich im Verkauf von halluzinogenen Substanzen, denn trotz der Pandemie hat dieser nicht aufgehört. Das aber will die Familie der Mutter nicht tolerieren, zumal sie sich immer für eine Bekämpfung der Drogen eingesetzt hat, weshalb man in ihr eine Informantin der Behörden sieht. Daher ist Dona Isabella (Name geändert), die Mutter des Babys sehr frustriert wegen des Streits zwischen den Familien, und normalerweise müssen die Betreuerinnen im Verein sie oft anhören, weil sie sonst niemanden hat, um sich zu erleichtern. Ihre Mutter hat sie ständig beschuldigt, in die Familie eingeheiratet zu haben, die sie am meisten im Viertel gemieden hat. Während dieser Quarantäne, wo keiner arbeiten gehen oder den Platz verlassen kann, treffen sie ständig aufeinander.

Die Mutter berichtet, dass sie sich, dank des Breis und der Milch, die die Kinderhilfe ihnen gebracht hatte, nicht um die Ernährung ihres Babys sorgen musste. Aber obwohl sie davon noch ein wenig übrig haben, wird es notwendig sein, sie erneut zu unterstützen, damit das Baby weiterhin angemessen ernährt werden kann.

Eine weitere Familie, die wir besuchten, war die des Babys Isabella Maria (Name geändert). Ihre Mutter Dona Sofia (Name geändert) gehörte zu den am schlimmsten Betroffenen durch den Verlust ihrer Ersparnisse und ihres Ladens. Nun hat sie nur noch Schulden. Sie hat sich viele Überlebensstrategien einfallen lassen und versucht, ihren Nachbarn zu helfen, die ebenfalls ambulante Verkäufer sind. Sie suchte die Läden in der Nähe auf und bat dort, wenigstens mit einem kleinen Lebensmittelvorrat einer Familie von ambulanten Verkäufern zu helfen, was einige dann auch taten. Auch griff sie auf die Dinge zurück, die sie früher von Haus zu Haus verkaufte, wie Parfums, Kosmetika und auch einige Töpfe. Diese tauschte sie ein, aber nicht gegen Geld, weil sie weiß, dass niemand das jetzt hat. So tauschte sie alles gegen Lebensmittel ein. Sie ist leider die einzige in ihrer Familie, die sich etwas einfallen lässt, um überleben zu können. Praktisch hat sie die Verantwortung für die Familie, ihre Nichte, ihre Schwester, ihre Mutter und ihre Kinder. Es sind viele Menschen, die an ihr hängen, und die Kinderhilfe hat hier in dieser Knappheit mit Lebensmitteln geholfen. So viel Familie auf einmal ohne Einkünfte ist erschreckend. Wir möchten erwähnen, dass es eine sehr depressive Familie ist, in der viele in schwierigen Situationen den Ausweg gewählt haben, sich das Leben zu nehmen. Deshalb ist es notwendig, sich um sie zu kümmern, damit die Situation nicht noch schlimmer wird.

Auch besuchten wir die Familie von Valeria Marina (Name geändert), die sich als besonders liebevoll ausgezeichnet hat. Hier ist die Quarantäne eine Gelegenheit gewesen, dass Don Daniel (Name geändert) mit seiner Tochter spielen und sie neue Sachen lehren konnte. Wir haben gesehen, wie er die Materialien, die wir aus der Babykrippe in die Familien geschickt haben, nutzte, damit Valeria die Farben lernte und auch ihre Feinmotorik verbessern konnte. Er lässt sich auf jedes Experiment ein, das seine Tochter mit ihm machen will. Er tut alles, damit seine Tochter nicht spürt, in welcher Lage sie sich befinden, denn sie leiden wirklich große Not. Im Augenblick schulden sie die Miete für ihre Unterkunft und den Raum, in dem seine Frau bedient. Was sie zum Überleben hatten, schwindet dahin, und obwohl sie schon hohe Schulden haben, ist ihr einziger Ausweg, einen Kredit aufzunehmen, und diesen in Lebensmittel zu investieren, um sie zu verkaufen, bis er wieder arbeiten kann.

Die Familie ist sehr erfinderisch und möchte immer weiter kommen. Der wirtschaftliche Tiefschlag aber brachte alle zur Verzweiflung. Sie haben immer nur Positives gezeigt; aber bei diesem Besuch konnte man ihre Not erkennen und ihren verzweifelten Wunsch, etwas zu verändern. Falls es für den Verein möglich sein sollte, würde es sich lohnen, ihnen ein zinsloses Darlehen zu geben, damit sie ein Projekt in Angriff nehmen könnten, um ihre Situatoin nachhaltig zu verbessern. Diese Familie zeichnet sich durch ein großes Verantwortungsbewußtsein aus und durch Zuverlässigkeit, und es wäre nötig, ihnen eine angemessene Frist zu geben, damit sie sich erholen können. Wir meinen, dass man diese Familie mit so starken Prinzipien unterstützen müsste.

Und wieder möchte ich von Dona Gabriela (Name geändert) berichten, der Mutter von Samuel Mateo (Name geändert) und Sofia Valentina (Name geändert). Sie wird leider mit und ohne Quarantäne immer sehr passiv bleiben. Wir müssen hervorheben, dass alle unsere Mütter sich in die Schulen begeben mussten, um Kopien der Aufgaben für ihre Kinder abzuholen. Aber Dona Gabriela erklärte, dass sie das nicht für ihre Kinder tun würde, und sie bat auch nicht ihre Mutter oder irgendeinen Verwandten um diesen Gefallen. So ist es die Lehrerin ihres ältesten Sohnes, die ihr die Kopien ins Haus bringt und die gemachten Aufgaben des Jungen abholt. Weil sie wegen der Situation schon zwei Monate die Miete schuldet, hat der Besitzer der Hütte ihr gesagt, dass sie die Wohnung nach dem Ende der Quarantäne verlassen müsse. Auch hat sie kein Gas mehr und die Lebensmittel werden knapp. Deshalb musste wegen dieser dringenden Notlage die Kinderhilfe bei ihr einen Besuch machen, um Gas zu kaufen, improvisierte Nahrungsmittel zu bringen und vor allem die Milch für das Baby und auch ein paar Windeln, die noch in der Babykrippe zu finden waren. Diese Familie wird noch lange in Not sein. Wie viele andere Eltern auch warten sie nur darauf, dass die Isolation endet, damit sie wieder irgendeine Arbeit aufnehmen können. Aber Dona Gabriela hat gar nichts vor. Sie wartet nur auf das Ende der Quarantäne, damit sie ihre Kinder in die Kita und die Babykrippe bringen kann. Sie weiß nicht einmal, was sie machen wird, wenn sie die Hütte räumen muss. Trotz unserer Hilfe bemüht sie sich nicht, sich selbst zu helfen. Die Betreuerin informierte sie über die Beihilfe für den Kauf vom Gas, und ihr wurde gesagt, dass sie nur darum bitten sollte. Aber nicht einmal das brachte sie fertig, so daß die Betreuerin darum bitten und die Gänge erledigen musste. Leider ist es so, dass sich Dona Gabriela mit dem abfindet, was ins Haus kommt.

Unseren letzten Besuch machten wir bei dem Baby Maria Fernanda (Name geändert), das gerade in die Babykrippe aufgenommen werden sollte, nachdem die Mutter etliche Male darum gebeten hatte. Auch diese Mutter kann im Augenblick nicht arbeiten und wartet sehnsüchtig darauf, dass alles wieder aufhört und sie Geld verdienen kann. Ihr haben wir den Vorrat gebracht, den wir für absolute Notfälle in Reserve hatten, wofür sie sehr dankbar war. Doch besonders strahlend wurde ihr Gesicht, als sie die Babynahrung für ihre Tochter bekam, die für den ganzen Monat reichen wird, denn wegen der hohen Kosten konnte sie die nicht kaufen. Die Kinderhilfe konnte ihr damit die gute Ernährung ihrer Tochter ermöglichen.

Alle Eltern sind der Kinderhilfe unendlich dankbar, und wir alle wissen, dass sich niemand hier in Kolumbien so um alle gekümmert hat wie die Kinderhilfe. Die verteilten Lebensmittel kamen genau richtig in dieser Notlage; aber sie sind schon aufgebraucht, und wir sind unendlich dankbar, dass wir für den Monat Mai erneut Nahrungsmittel verteilen können. Wir schämen uns fast, darum zu bitten, ob es nicht auch möglich wäre, diesen Familien (der Babykrippen) mit einer kleinen Packung Windeln zu helfen. Wenn sie diese mit Stoffwindeln austauschen würden (wie Ute Sonntag es vorgeschlagen hat), müssten die Eltern viel Seife verwenden und vor allem Wasser, um sie zu waschen, und die Kosten dafür wären sehr hoch. In unserem Department hat man die Situation ausgenutzt, um diese Kosten stark zu erhöhen, und unsere Eltern können sie schon unter normalen Umständen nicht bezahlen. Außerdem würde der Tausch einer Wegwerfwindel durch eine Stoffwindel bei den Babys leicht eine Dermatitis hervorrufen, wobei die Kosten für Medikamente und Cremes noch viel höher wären. Wenn wir in der Babykrippe Stoffwindeln benutzen, ziehen die Betreuerinnen es vor, diese im Verein zu waschen, wo sie sauber und steril werden, weil wir wissen, dass das unseren Eltern bei ihren vielen Verpflichtungen und wegen der Umstände nicht möglich ist.

Uns ist bewußt, dass die Kinderhilfe für unsere Familien gekämpft hat. Sie hat effiziente Hilfe leisten können, was unser Staat nicht tut; sie hat in einer verzweifelten Situation für unsere Familien den Hunger stillen können. Unsere Familien kämpfen ebenfalls, um ihren Kindern bei den schulischen Aufgaben zu helfen, die sie selber nicht einmal verstehen. Sie müssen den Ausgang riskieren, um in die Schulen zu gehen, um die Kopien abzuholen, weil sie keinen Internetzugang haben. Sie müssen sich für ihre Aufgaben multiplizieren und jetzt auch noch versuchen, Lehrer zu sein, und wenn die Kinderhilfe nicht wäre, hätten ihre Kinder nichts zu essen.

Yaneth Rocio Rivera