SAN JOSÉ DEL GUAYABAL IM JUNI 2020

Seit 26 Jahren ist die Kinderhilfe ein Grundpfeiler der Gemeinschaft von San José del Guayabal, der sie zum ersten Mal Unterstützung geben konnte, als am 6. Juni 1994 jene schreckliche Tragödie geschah. Ein furchtbares Erdbeben forderte 1100 Tote und tausende Verletzte. Als die Dorfgemeinschaft in San José del Guayabal neu angesiedelt wurde, konnte die Kinderhilfe ihr in vielen Bereichen helfen. Aber für die Gemeinschaft war das Wichtigste der Bau einer Schule, die ihr Motivation und eine solide Grundbildung ermöglichte, indem ihre Kinder von Anfang an eine Schule besuchen konnten. Im Laufe der Jahre sind dadurch mit der Unterstützung der Drachenflieger in verschiedenen Berufsgruppen, zum Beispiel im Bereich der Bildung, der Gesundheit, der Kommunikation und der Rechte, viele gut ausgebildete Fachleute hervorgegangen. Dafür ist die Gemeinschaft immer sehr dankbar gewesen und hat von Anfang an der Bildung, die in diesem Land am dringendsten benötigt wird, die größte Bedeutung gegeben.

Ohne Bildung ist ein Land zum Scheitern verurteilt. Und vielleicht ist es genau das, was in unserem Land Kolumbien passiert, wo die Bildung in Vergessenheit gerät, denn unseren profitgierigen Politikern passt kein gebildetes und intelligentes Volk. Es ist so, dass in vielen Indigenen Gemeinschaften keine staatliche Bildung angekommen ist, und der Staat sich nicht um den Bau von Schulen und die Bildung von tausenden von Kindern bemüht. Deshalb wird unser Land von Tag zu Tag dekadenter. Die Kinderhilfe hat nicht nur die Schulgebäude gebaut, sondern seitdem für eine gute Ernährung der Kinder gesorgt, indem sie monatlich das Geld für eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung schickt, die Kinder so sehr benötigen. Auch stattet sie zu Beginn eines jeden Schuljahres alle Kinder mit Materialien, wie Schulheften und allem Nötigen für das ganze Schuljahr aus, was diese sehr motiviert.

Abgesehen davon bekommen sie Mehl, Margarine, usw. geliefert, damit die Kinder täglich eine umfangreiche Zwischenmahlzeit bekommen, mit einem Stück Brot oder Teigwaren, die aus dem, was der Verein liefert, hergestellt werden. Auch bekommen sie das Geld für das Gas, womit der Verein in jeder Hinsicht eine riesige Unterstützung war und ist. Die Kinderhilfe ist immer da gewesen, wenn die Gemeinschaft sie brauchte, und diese hat sich immer sehr dankbar gezeigt. Und so beherbergt die Schule heute nicht nur Indigene Kinder, sondern auch Kinder der Landbevölkerung aus der Umgebung und afrokolumbianische Kinder, die alle zusammenleben und ein Vorbild an Inklusion und Gleichheit sind und ein gutes Beispiel dafür, dass es nirgendwo Diskriminierung geben darf. Es ist wunderschön, das zu erleben und wir müssten das vielleicht alle verstehen und von der Gemeinschaft lernen. Indigene Gemeinschaften wie diese haben auch die Verwüstungen des Krieges der ungesetzlichen Gruppen, wie der ELN, der FARC und den Paramilitärs erleben müssen, die das Blut vieler sozial eingestellter Anführer vergossen haben, die ihre Rechte von der Regierung einforderten und Gerechtigkeit und Gleichheit verlangten. Das ist jedoch nie ein Hindernis gewesen, um voranzukommen, so dass heute unsere Gemeinschaft große Fortschritte gemacht hat. Fortschritte zeigen sich in vielen Aspekten des täglichen Lebens, in der gesamten, auch emotionalen Entwicklung. Vielleicht sind die Indigenen Gruppen die einzigen, die kampferprobt genug sind, um sich dem Staat entgegen zu stellen.

Trotz der vielen toten Indigenen Brüder hat man ihre Stimmen nicht zum Schweigen bringen können und sie kämpfen weiter, für bessere Lebensbedingungen, für Bildung und für ein besseres Land für ihre zukünftigen Generationen, was in einem Land wie unserem kaum zu erwarten ist. Aber diese Gemeinschaft verliert nie die Hoffnung, und die Kinderhilfe hat sie dabei auf besondere Weise unterstützt, indem sie in all den Jahren (durch die Drachenflieger) die Bildung der Kinder garantierte. So wie aus der Gemeinschaft schon so viele gut ausgebildete Spezialisten hervorgegangen sind, legen sie auch den Schwerpunkt auf die Stärken als Gemeinschaft und ihre musikalische Begabung. Inzwischen ist ein junger Mann, der in der Schule von San José del Guayabal aufgewachsen ist, ein Mitarbeiter der Kinderhilfe in Popayan geworden. Jesus Arbey hat drei Jahre lang als Lehrer der Kinderhilfe in der Schule von San José gearbeitet und unterrichtet jetzt die Kinder des Vereins in Popayan in Musik.

Außerdem leitet er das Projekt des Schulgartens im Casita 2 und in den anderen Häusern des Vereins den Chor. Dieser junge Mann, der durch seine Bescheidenheit, Solidarität und Liebe zur Natur und den Kindern auffällt, hat die Zuneigung aller gewonnen und jetzt kann er all diese Werte der Gleichheit, Solidarität und vor allem der Inklusion, die in den Indigenen Gemeinschaften gelebt werden, in der Kinderhilfe in Popayan multiplizieren. Indem der Verein Jesus Arbey einstellt ermöglicht er ihm die weitere Ausbildung, denn Jesus ist sehr bildungshungrig und studiert jetzt Musik und Englisch. Er liebt sein Studium und die Arbeit mit den Kindern und seine Umwelt.

Vor der Pandemie des Covid-19 teilte er sein Leben in die Arbeit als Musiklehrer und in die als Tagelöhner in San José del Guayabal auf. Er ist sehr fleißig und möchte vorankommen und eines Tages seine eigene Musikgruppe haben, die er schon mit seinen Brüdern begonnen hat. Aber vor allem möchte er diese Kenntnisse weitergeben und mit so vielen Kindern im Verein teilen, die das so sehr brauchen. Wir im Verein legen Wert auf Gleichwertigkeit, Gleichheit und die Inklusion aller Kinder, egal welcher Herkunft, mit ihren verschiedenen Begabungen, um eine bessere Welt zu erschaffen. Die Covid-19 Katastrophe ist auch für die Gemeinschaft von San José del Guayabal fatal, denn sie bewirkt, dass die Indigenen Gruppen ganz strenge Maßnahmen ergreifen, die den eigenen Leuten verbieten, nach Popayan zu fahren und besonders denen aus Popayan zu der Gemeinschaft zu fahren, denn diese möchte um jeden Preis verhindern, dass sie infiziert wird. Natürlich haben sie Recht, sich davor schützen zu wollen, und deshalb müssen wir auf der Fahrt nach San José del Guayabal sechs Sperren oder Kontrollposten passieren. Diese werden von Leuten der verschiedenen Dörfer kontrolliert. Aber es herrscht auch Alarm, weil man glaubt, dass einige Straßensperren von ungesetzlichen Gruppen, wie der ELN oder den FARC, die das Gesetz der Berge sind, organisiert sind. Diese fordern, dass alle Regeln, die sie aufstellen, von allen befolgt werden und lassen nicht zu, dass die Menschen von einer Seite zur anderen gehen, weil sie um jeden Preis verhindern wollen, dass das Virus in ihr Territorium gelangt. Mehr noch, die Indigenen, die in der Stadt Popayan waren, konnten nicht in ihre Heimatorte zurückkehren, weil verlangt wurde, dass sie in Popayan bleiben mussten.

Damit die Kinderhilfe in die Dorfgemeinschaft gelangen konnte, war es notwendig, genaue Genehmigungen von den regionalen Autoritäten zu besitzen, natürlich, nicht ohne vorher mit jenen Gruppen oder deren Anführern gesprochen zu haben. Diese sind es, die fremden Personen das Passieren der Sperren genehmigen, um gefahrlos in die Dorfgemeinschaft zu gelangen. Definitiv kann kein Mensch oder Auto ohne Erlaubnis dieser Gruppen dorthin gelangen. Weil diese Fahrt so kompliziert war, wurde es nötig, dass die Gemeinschaft jemanden schickte, in diesem Fall Jesus Arbey, um uns in Popayan abzuholen. Mit seinem Motorrad begleitete er uns auch auf dem Rückweg von dem Dorf aus. Außer ihm brachte uns auch ein weiteres Mitglied der Gemeinschaft zurück nach Popayan, um jedes Risiko zu vermeiden. Es ist so, dass diese Dorfgemeinschaften allein den Eintritt von Leuten erlauben, die humanitäre Hilfe bringen, wie Nahrungsmittel im Falle der Kinderhilfe. Diese Nahrungsmittel wurden dringend benötigt, denn da die Kinder nicht mehr regelmäßig zur Schule gehen können, wie sie es vor der Pandemie taten, wo sie ihr Essen bekamen, müssen sie jetzt zuhause ernährt werden. Dabei ist die Kinderhilfe von unschätzbarem Wert während der Notlage durch Covid-19.

Aber die Gemeinschaft ist sich bewusst, dass die Kinder weiter lernen müssen, und sei es auf Distanz. Die Lehrer ermöglichen, dass die Kinder an einem oder zwei Tagen in der Woche in die Schule kommen, um sie zu unterrichten oder um ihnen Aufgaben zu geben, damit sie nicht total den Anschluss an den Lehrstoff zu verlieren. Gleichzeitig stehen die Lehrer, samt des Lehrers Tito Armando, den die Kinderhilfe bezahlt, den Kindern bei den Aufgaben zur Seite und erklären ihnen die schwierigen Sachen. Einigen Kindern werden die Aufgaben ins Haus gebracht, damit sie üben können und nicht die Freude am Lernen verlieren, vor allem aber, damit sie nicht vergessen, was sie in diesem Jahr schon gelernt haben. Alle warten darauf, welche Maßnahmen die Indigenen Autoritäten anordnen werden, und dass sie mit dem Unterricht beginnen können. Im Moment ist das aber noch nicht möglich, weil sich Covid-19 von Tag zu Tag weiter ausbreitet. Wir übergaben an 47 Familien Lebensmittel und deren Reaktion war sehr bewegend. Die Familien kamen sehr pünktlich, um sie in Empfang zu nehmen und sie brachten dabei mit, was sie in ihren Gärten haben, wie Kochbananen, Yuca, Limonen und gepresste Zuckerrohrblöcke. So gab es einen traditionellen „Trueque“ (bargeldloser Warentausch) zwischen Popayan und San José del Guayabal, wodurch wir für viele unserer Familien in Popayan Nahrungsmittel mitbringen konnten.

Immer dann, wenn wir in die Gemeinschaft kommen, gibt es dort etwas, das wir auf dem Rückweg mitnehmen können. Aber diesmal hat uns die große Menge überrascht. So konnten wir sie unter 16 Familien aufteilen und außerdem noch Bananen und verarbeitete Guayabas aufbewahren, um sie an die Babys unserer Babykrippe zu verteilen. Dies ist ein großartiges Zeichen der Liebe, der Verantwortung und des Zugehörigkeitsgefühls, das die Gemeinschaft der Kinderhilfe gegenüber hat. Es ist kaum möglich, dass die Gemeinschaft Zugang zu dauerhaften Lebensmitteln hat, weil sie ihr Territorium nicht verlassen können. Auch wenn sie im Augenblick viel selbstgeernteten Kaffee haben, müssen sie ihn aufbewahren, bis sie ihn wieder zum Verkauf nach Popayan bringen können, denn wegen der Pandemie haben alle Geschäfte geschlossen, auch jene, die diese Kaffeeernten annehmen. Deshalb bekommen die Familien auch kein Geld für ihre Erzeugnisse und müssen im Augenblick nur von dem leben, was ihre Gärten hergeben und was die Kinderhilfe ihnen liefert.

Ohne uns wäre es sehr schwer für sie, ihre Kinder zu ernähren, und deshalb machen die Lehrer dort ständig Hausbesuche und zeigen den Familien, wie sie die Lebensmittel rationieren können, damit sie lange damit auskommen und sie für viele Tage zu essen haben.

Es ist wundervoll zu sehen, wie sich die Solidarität der Kinderhilfe multipliziert und damit die Hilfe für so viele Familien, auch wenn die Probleme durch Covid-19 überall sind. Aber wir haben so viel von Deutschland bekommen, vor allem die Hoffnung, nicht vergessen zu werden, wie es leider so vielen kolumbianischen Familien passiert, zu denen der Staat nicht kommt. Die ärmsten Gegenden haben nichts zu essen und in dieser Not nicht einmal die Hoffnung darauf. Deshalb können wir nur vielmals Dank sagen für so viel Unterstützung, die SIE uns im Augenblick geben, wo wir sie so sehr benötigen. Dank an all die Spender, die dieses so wunderbare Werk möglich machen.

Sandra Yicel Medina Sanchez