Quartalsbericht April – Juni 2020 Pasto

KINDERHILFE FÜR KOLUMBIEN E.V. FUNDACIÓN INFANCIA COLOMBIANA

Programm “Eine Hoffnung für Kinder ohne Zukunft”

Einleitung

Nariño – Eintrittspforte für die Pandemie durch Covid-19

Unser Departement Nariño ist als Grenzgebiet der obligatorische Durchgang für verschiedene soziale Gruppen, die nach Kolumbien einreisen. Seit Beginn der von der Regierung verhängten Quarantäne sind die Grenzen zu den Nachbarländern (Venezuela, Brasilien, Peru und Ecuador) geschlossen, aber die venezolanischen Bürger, die überall vertrieben werden und deshalb verzweifelt versuchen, ihr Heimatland zu erreichen, geraten an skrupellose Schlepper, die sie für horrende Summen über illegale Wege heimlich von Ecuador nach Kolumbien bringen. Das hat zur Folge, dass Nariño und vor allem die Hauptstadt Pasto mit einer exponentiellen Zunahme von Infektionsfällen konfrontiert ist, da die Vertreibung dieser Menschen zu einer ständigen Ansteckungsquelle geworden ist. Wenn sie in Pasto ankommen, streifen sie auf der Suche nach Hilfe und Almosen ohne jeden Schutz durch die Straßen, damit sie ihren Weg fortsetzen können. Die meisten von ihnen kommen aus Ecuador, wo die Zahl der Infizierten sehr hoch ist, so dass viele Menschen schon krank ankommen, und so unsere Region mit insgesamt fast 3.000 Infizierten zu einer der am stärksten von der Pandemie betroffenen Regionen des Landes geworden ist.

Die regionalen Behörden helfen den venezolanischen Migranten mit Nahrung, medizinischer Versorgung und oft auch mit Transportfahrten in die Nähe der Grenze nach Venezuela, aber die Zahl der täglich ankommenden Menschen ist so hoch, dass es einfach unmöglich ist, allen zu helfen. Hinzu kommt, dass viele dieser Menschen bitterarm sind und keine andere Wahl haben, als zu stehlen, was zu Ablehnung und Misstrauen und zu einer unsicheren Atmosphäre in der ganzen Stadt führt. Diese Situation ist sehr besorgniserregend, wenn man bedenkt, dass unser Gesundheitssystem viele Mängel aufweist und nicht in der Lage ist, mit einem so ernsten Gesundheitsproblem wie COVID-19 umzugehen.

Das Zentrum für Wirtschaftsforschung Fedesarrollo schätzte die Schrumpfung der Wirtschaft in Kolumbien höher als 2,7 % ein und die Armut im Land auf 25 % bis 45 %. In gleicher Weise ist die Arbeitslosigkeit von 12 % auf 20 % gestiegen. Auf regionaler Ebene ist sie auf dem Höhepunkt angelangt. In unserer Region gibt es keine Industrie. Die Menschen leben vom Handel, der Landwirtschaft und dem Tourismus, aber in dieser Situation, die durch die Pandemie entstanden ist, sind viele Geschäfte eingebrochen. Läden mussten schließen und Betriebe ihre Angestellten entlassen. Der Verkehr über Land funktioniert nicht mehr und die Produkte der Landwirtschaft kommen nicht mehr in die Städte zum Verkauf. Der Tourismus ist zum Erliegen gekommen, weil es keine Flüge mehr gibt und unter diesen Umständen sind Armut und Arbeitslosigkeit gestiegen. Nur in einigen Bereichen funktionieren die Abläufe wie zuvor, aber dabei handelt es sich um industrielle, handwerkliche oder Baubetriebe. Sozioökonomische Untersuchungen zeigen, dass die Folgen der Pandemie für die Menschen am schwersten sind, die im informellen Sektor arbeiten, und das sind 66% der Bevölkerung! Unsere Familien leben von Tätigkeiten dieser Art wie z. B. Müllsammeln, Straßenverkauf oder dem Verteilen von Prospekten – aber diese Tätigkeiten sind behördlich nicht genehmigt und stellen auch ein hohes Ansteckungsrisiko dar. Andere Mütter arbeiten als Haushaltshilfen bei anderen Familien. Sie putzen, waschen und kochen in deren Häusern. Durch die Ausgangssperre konnten sie nicht arbeiten gehen und nur ganz wenige von ihnen konnten ihren Arbeitsplatz zurückbekommen. Die meisten Frauen sind arbeitslos geblieben. Die Väter unserer Kinder sind oft Maurer oder andere Bauarbeiter und sind nicht fest angestellt. Sie müssen lange suchen, bis sie irgendwo Arbeit finden und manche müssen sogar die Stadt verlassen, um zu arbeiten. Andere bleiben hier ohne eine Ahnung, wie sie Geld verdienen sollen. Sie können die Mieten, die Betriebskosten und die Ernährung ihrer Familien nicht bezahlen.

Diese kritische wirtschaftliche Lage führt bei vielen Menschen zu der Überzeugung, dass man am besten niemanden einstellt oder Reparaturen und Baumaßnahmen nur durchführen lässt, wenn es gar nicht mehr anders geht. Die Menschen halten ihr Geld so gut es geht zusammen und achten darauf, das Bisschen, das sie haben, nicht zu verschwenden. Sie hoffen darauf, dass es bald einen Impfstoff gibt und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation sich normalisieren wird. Wir wissen aber, dass dies so bald nicht der Fall sein wird, sondern dass es noch bis Jahresende so weitergehen kann. Auf lange Sicht wird die aktuelle Situation der kolumbianischen Bevölkerung noch mehr Armut bringen, die lange anhalten und nur schwer zu überwinden sein wird.

Aktivitäten in der Einrichtung:

Schulische Maßnahmen:

Die Regierung hat für die Schüler der Grundschulen und der weiterführenden Schulen eine ausnahmslose Quarantäne angeordnet. Die Bildungseinrichtungen haben daher ihren Unterricht digital erteilt, um das Schuljahr 2020 nicht zu unterbrechen. Diese Programme haben für die meisten Familien der ärmeren Schichten zu ernsten Problemen geführt, denn die wenigsten hier haben zu Hause einen Computer oder gar einen Internetanschluss; sie können daher nicht an dieser Form des Unterrichts teilnehmen.

Angesichts der Klagen vieler Eltern über diese Unmöglichkeit haben die Lehrer Arbeitsblätter entworfen, die die Kinder zuhause durchgehen und dann zu einem bestimmten Datum wieder abgeben sollen, damit sie überprüft und benotet werden können. Manche Eltern wenden sich an Nachbarn oder nahe Verwandte, deren Computer sie benutzen können, aber die meisten müssen sich mit ihrem Handy behelfen, um an den digitalen Unterrichtsstunden teilnehmen zu können. Hier in Pasto haben wir uns entschieden, den Schülern auch per Handy bei ihren Aufgaben Hilfe zu leisten: der Schüler schickt ein Foto des Arbeitsblattes, und dann wird er telefonisch durch die Aufgaben geführt. So werden die Schüler bei ihren Aufgaben unterstützt und gleichzeitig können wir Lücken in den verschiedenen Fächern erkennen und schließen. Mit dieser Methode sind auch die Eltern einverstanden, denn auf diese Weise können ihre Kinder die schulischen Pflichten erfüllen. Viele Eltern haben nämlich keine ausreichenden Kenntnisse, um ihren Kindern bei den Schularbeiten zu helfen.

Chor „Nueva Esperanza“:

Die Musiklehrerin Sandra Mora hat auch für den Chor virtuelle Proben eingerichtet, damit das stimmliche Niveau des Chores erhalten bleibt und die Sänger weiterhin an ihrem Gesang arbeiten können. Sie hat abwechslungsreiche und neuartige Methoden entwickelt und die Patenkinder freuen sich sehr darüber, dass sie weiterhin singen können und dadurch in der erzwungenen Isolierung ein wenig abgelenkt werden.

Kontakt zu den Familien:

Um die Verbindung zu den Familien aufrechtzuhalten, besuchen wir sie wöchentlich zu Hause und führen Gespräche, um ihre Sorgen und dringendsten Bedürfnisse zu erfahren.

Materielle Unterstützung für die Familien:

Durch die wegen der Corona-Pandemie verhängten Ausgangssperre hat sich die Not unserer Familien vervielfacht. Die Kinderhilfe hat sich daher, mit der Hilfe der Spenden der Paten, darauf konzentriert, den Familien wirtschaftliche Hilfe in Form von Lebensmittelpaketen zu leisten, in denen sie nicht verderbliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte und Getreide sowie Obst und Gemüse für die Vitaminversorgung verteilt. Die Familien erhalten außerdem einen monatlichen Betrag von 40.000 Pesos für die Gas-, Wasser- und Stromrechnungen. Diese Art der Unterstützung ist zurzeit für die Familien das Allerwichtigste. Um diese Hilfe leisten zu können, gehen wir zunächst einkaufen. Dann müssen die Lebensmittel gezählt und abgepackt werden. Obst und Gemüse holen wir vom Markt, wo wir die frischesten und unbeschädigten Früchte aussuchen. So liefern wir Pakete mit Bananen, Tomaten, Guaven, Karotten, Zwiebeln, Orangen, Spinat oder Mangold.

Mütter unserer Kinder

Danksagungen:

Die Familien des Programms „Eine Hoffnung für Kinder ohne Zukunft“ bedanken sich für die Hilfe, die die Mitarbeiterinnen und die Patinnen und Paten der Kinder in dieser schweren Situation leisten. Diese Zuwendungen geben ihnen Kraft durchzuhalten und weiterzukämpfen.

Omayra Villota Benavides, Sozialarbeiterin, Pasto

übersetzt von Anette Bauer