CASITA 2 IN POPAYAN BERICHT ÜBER DIE MONATE JULI, AUGUST, SEPTEMBER 2020

 FAMILIÄRE ERFAHRUNGEN IN DER PANDEMIE UND DIE HILFE DURCH DIE KINDERHILFE

Das Überleben während der Pandemie durch Covid-19 ist sehr schwierig gewesen, denn abgesehen davon, daß das Virus schon das Leben tausender Menschen hier gekostet hat, nahmen die bewaffneten Gruppen und das Geschäft mit der Gesundheit durch die staatlichen Einrichtungen vielen Kindern, Jugendlichen und alten Menschen das Leben. Und das dauert immer noch an, denn täglich hört man, sowohl im Land, wie im Department Cauca, von Ermordungen von Menschenrechtlern und von Familien, die Gerechtigkeit verlangen, weil ihre Angehörigen an etwas anderem als das Virus erkrankt sind. Es wird von Toten durch Covid-19 berichtet, weil es so schwer ist, den Kampf gegen diese Art von Korruption zu gewinnen, denn es ist schwer zu beweisen, was so vielen Familien passiert ist, weil man die Person, die ins Krankenhaus kommt, sofort dort allein lassen muß.

Weil niemand daran gewöhnt war, eingesperrt zu sein, und durch die schwere finanzielle Krise, in die die Familien gerieten, geschah es, daß die Anzahl der gewaltsamen Tode extrem anstieg. Die Probleme der Heranwachsenden spitzen sich in schlechtem Verhalten zu, wie in Rebellion, mit dem schrecklichen Ende eines Suizids. Die alten Menschen bekamen ebenfalls psychische Probleme durch Verzweiflung und materielle Ängste, und am Ende wurden die Babys oft Opfer von Mißhandlungen und sexuellem Mißbrauch. Bei allen sozialen Problemen war die Wahrscheinlichkeit einer Hilfe durch den Staat extrem gering, denn es wurden Notrufe aktiviert für Anzeigen, aber es ist praktisch unmöglich, dort durchzukommen, weil die meisten nicht aktiviert sind. 

Mit der wachsenden wirtschaftlichen Krise gerieten viele unserer Familien ins absolute Elend, denn die Mütter, die als Aushilfe in Restaurants arbeiteten, in Haushalten von Familien putzten, die einen alten Menschen oder ein Baby betreuten, wurden von einem Augenblick zum anderen völlig unerwartet arbeitslos. Diejenigen, die vom ambulanten Verkauf lebten, konnten wegen der Restriktionen nicht mehr hinaus auf die Straße gehen, weil ihnen hohe Strafen drohten, die das doppelte eines Mindestlohns betrugen, wobei sie nicht einmal das Geld für ein Abendbrot der Familie einnehmen konnten. So waren die Folgen der Quarantäne für unsere Familien die Vertreibung aus ihren gemieteten Unterkünften und die fast aussichtslose Suche nach einer neuen. Verzweifelte alleinerziehende Mütter berichteten verängstigt und weinend von den Problemen, mit denen sie leben mußten und suchten verzweifelt Hilfe bei der Kinderhilfe, ihrer einzigen Unterstützung. Ohne diese wären sie gezwungen gewesen, mit ihren Kindern auf dem Arm auf der Straße zu leben. Ein anderes Problem, das Sorgen machte, waren die Nebenkosten, denn die Anbieter schickten weiterhin die Rechnungen, und die Eltern konnten nicht arbeiten und so kein Geld verdienen. Bei wiederholtem Nichtzahlen mußten sie damit rechnen, daß ihnen diese Dienstleistungen eingestellt wurden. Etliche Familien verließen die Stadt, so daß einige unserer Kinder noch nicht zurückgekommen sind, weil ihre Familien nicht imstande waren, sich finanziell über Wasser zu halten.

Die Pandemie durch Covis-19 hat viele Spuren bei unseren Kindern und ihren Familien hinterlassen. Wir wollen in diesem Zusammenhang vom Vater eines unserer Patenkinder berichten, das in der Gruppe Hoffnung ist, dessen Namen wir aber nicht nennen wollen, um die Privatsphäre der Familie zu schützen. Dieser Vater ist schon in fortgeschrittenem Alter und hat eine Familie zu ernähren, die aus seiner Lebensgefährtin und den drei Kindern besteht. Tag für Tag ging er zum Arbeiten in seine kleine Schusterwerkstatt, die er aus Blechteilen vom Müll gebaut hatte, und wo ihn manchmal seine Gefährtin bei der Arbeit begleitete. An dem Tag, als die Kinderhilfe begann, ihnen anfänglich mit ihrer Tochter und dann auch mit einem Sohn zu helfen, begann ihr Leben leichter und würdevoller zu werden. Aber wegen der angeordneten Quarantäne und der Krise, die mehr als 3 Monate andauerte, in denen es keine Möglichkeit gab zu arbeiten und das Haus zu verlassen, geriet der Vater dieser Kinder in eine ganz tiefe psychische Krise. Dieser Mann war niemals zuvor eingesperrt gewesen und noch viel weniger ohne Arbeit oder Geld, um seine Familie zu unterhalten und begann, emotional die Kontrolle zu verlieren. Er stand nachts auf, um herumzulaufen und wollte voller Verzweiflung aus dem Haus rennen. Dies passierte wiederholt des Nachts, und die Kinder weinten erschrocken und voller Angst, ihren Vater in diesem Zustand zu sehen. Seine Lebensgefährtin mußte ihn festhalten und warten, bis er sich beruhigte, damit alle wieder schlafen konnten. Aber nach zwei Monaten beschlossen die Eltern, die Strafen zu riskieren und zu ihrem Arbeitsplatz zu gehen, wo sie sich zum Arbeiten einschlossen, mit dem Wenigen, was vor der Pandemie liegengeblieben war, denn ihre finanzielle Lage war besorgniserregend, besonders wenn diese psychische Krise andauern sollte. 

Auch einer unserer Jungen aus der Gruppe „Hoffnung für Kinder“ zeigte während der ersten Monate der absoluten Quarantäne psychische Probleme. Sein Verhalten wurde sehr viel auffälliger, als wir es hier im Casita kannten, denn der Junge war schon normalerweise sehr lebhaft und anstrengend, obwohl er sich hier in offenen Räumen befand. Das Eingeschlossensein brachte dieses Kind zur Verzweiflung, zum Weinen und Schreien, daß er hinaus wolle. Er begann, mit Gegenständen um sich zu werfen, schlug seinen Bruder und klagte ständig über Kopfschmerzen. Für seine Mutter war es schwer, mit der Situation fertig zu werden, denn ihr war erlaubt worden, mit ihren Kindern als „Interne“ im Haushalt zu arbeiten, worüber sie sehr dankbar war. Aber sie wußte, daß sie in einem fremden Haushalt die Arbeit verrichtete, wo das schwierige Verhalten ihres Sohnes besonders auffiel. Deshalb mußte sie Strategien entwickeln, wie, mit ihm in den nahen Park zu gehen, mit ihm in der Küche zu kochen, ihn zum Malen und Lesen anzuleiten. So konnte der Junge sich allmählich daran gewöhnen, im Haus zu bleiben, und obwohl er immer noch sagt, daß er es hasse, weiterhin im Haus bleiben zu müssen, ist die Situation erträglicher geworden, weil es weniger Einschränkungen gibt.

Die Kinder der Kita sind ebenfalls emotional von so vielen Tagen des Eingesperrtseins betroffen, denn in den Räumen des Casita 2 werden sie immer spielerisch dazu motiviert, frei zu sein. Für sie ist es besonders anregend, Tag für Tag inmitten von Lernen und Abenteuer zusammen zu sein. Deshalb ist es für die Mütter schwer gewesen, sie zu verstehen und Ruhe und Geduld zu bewahren angesichts der Veränderungen im Verhalten der Kinder, die immer aufsässiger wurden und immer weniger gehorchten. Wenn es sich um Geschwister handelt, streiten diese sich ständig, und die Mütter sind am Ende verzweifelt, weil sie nicht mehr wissen, was sie machen sollen. Deshalb haben wir, vom zweiten Monat der Pandemie an, den Kindern Material und Vorlagen für Beschäftigungen geschickt, die ihr Interesse wecken sollen und sie weiterhin motivieren, spielerisch zu lernen, wie auch ihren Stress durch das Eingeschlossensein zu verringern.

Die finanziellen Probleme betrafen ganz besonders unsere venezolanischen Familien, die keinerlei Unterstützung erwarten konnten. Sie waren ohne jede Arbeitsmöglichkeit, ohne Nahrung für ihre Kinder, eingesperrt und verzweifelt, weil sie nicht wußten, was sie machen sollten mit ihren Kindern, die um etwas zu essen bettelten. Abgesehen davon wurden sie aus ihren gemieteten Unterkünften geworfen, obwohl der Staat eine Regel erlassen hatte, daß niemand aus seiner Wohnung vertrieben werden dürfte und der Hunger durch solidarische Lebensmittellieferungen gestillt werden sollte. Jedoch bei ihnen kam keine Hilfe an, und so war und bleibt für sie die Kinderhilfe das Hoffnungslicht, das sie von Anfang an gewesen ist. Zwei Familien half sie mit der Zahlung der Miete und der ständigen Unterstützung mit Lebensmitteln seit 7 Monaten. Die Mutter, die ein Baby zu versorgen hat, bekam eine besondere Hilfe, denn inmitten ihrer absoluten Armut konnte sie nicht einmal mehr das Baby stillen.

Diese beiden Familien haben wir ständig begleitet. Vor kurzem starb die Großmutter eines Mädchens, die an chronischer Leukämie litt. Als es ihr schon sehr schlecht ging, wurde sie ins Krankenhaus gebracht, wo man ihren Angehörigen nicht erlaubte, dieses zu betreten. Sie kam auf die Intensivstation, und nach zwei Tagen erklärte das Krankenhaus, die Frau sei an Covid-19 gestorben. Dabei stand in ihrer Sterbeurkunde, daß es ein natürlicher Tod gewesen sei, was emotional schwer zu bewältigen war und auch frustrierend zu erleben, wie man aus ihrer Mutter jemanden mit Covid-19 machen wollte. Nach langem Streit wurde der Körper der Frau nämlich übergeben und ihnen erlaubt, sie verbrennen zu lassen und nach Hause zu bringen, was unmöglich gewesen wäre, wenn die Frau in Wirklichkeit Trägerin des Virus gewesen wäre.

Nachdem jetzt die Räumlichkeiten des Casitas renoviert wurden, dank der Unterstützung durch die Spender, haben wir wieder, mit großer Freude begonnen, Kinder zu betreuen, soweit es möglich ist, unter Anwendung aller notwendigen Hygiene- und Schutzmaßnahmen. In der Gruppe „Hoffnung“ wird den Kindern bei den schulischen Aufgaben geholfen, die ihnen ins Haus geschickt werden. Abgesehen davon haben sie hier ihren Platz zum Spielen. Die Kinder der Kita waren überglücklich, sich wiederzusehen; sie beteiligen sich an den Beschäftigungen und verbringen die Tage angenehm beim Spielen, während ihre Eltern wieder unterwegs sind auf Arbeitsuche. Hier bei uns genießen sie die bessere Versorgung und Behütung.

Die drei venezolanischen Mädchen der Gruppe kommen auch wieder mit ihren Kameraden zusammen. Bei einer Familie hat die Pandemie besonders schlimme Folgen hinterlassen, weil die Mädchen stark untergewichtig und nicht mehr gewachsen sind. Ihre Gesichter sind gezeichnet, und ihre Psyche ist angeschlagen, weshalb es offensichtlich ist, daß sie die Betreuung hier dringend benötigen. Aber leider waren ihre gesundheitlichen Probleme zu stark, weil sie Fieber und Erkältungen hatten. Deshalb konnten sie vorübergehend nicht mehr ins Casita kommen, weil das Wohl und die Gesundheit der anderen Kinder gefährdet waren. Aber von dem Augenblick an, da sie wieder zuhause bleiben mußten, haben wir uns ständig um sie gekümmert. Wir haben der Mutter angeboten, das Mittagessen für die Mädchen bei uns abzuholen und ihnen Obst für die ganze Woche mitgegeben. Außerdem haben wir für sie „Dolex nino“ gekauft, ein Medikament zur Senkung des Fiebers der Mädchen, denn in ihrer Familie reicht das Geld, das der Vater mit seiner Arbeit als Helfer auf dem Bau verdient, nur für die Bezahlung der Miete.

Angesichts ihrer gesundheitlichen Probleme und damit sie schneller wieder gesund würden und zu uns zurück kommen könnten, wollten wir auch ihr Leben schützen, das im Moment besonders gefährdet war durch das Virus, weil ihre Widerstandskraft durch die Abwehrschwäche gleich null war. Deshalb haben wir für diese Woche einen „privaten“ Termin bei einem Kinderarzt besorgt, damit sie mit den richtigen Medikamenten schnell wieder gesund werden können.

Und schließlich bedanken wir uns für IHRE beständige Hilfe für all die Familien, die kein Hoffnungslicht gesehen haben. Danke für die Unterstützung unserer Kinder, die nicht hungrig schlafen gehen mußten. Die Ängste der allerbedürftigsten Eltern konnten durch die Kinderhilfe verringert werden, und inzwischen können wieder hier betreute Kinder schöne Tage im Casita verbringen. 

ELABORO SANDRA AÑASCO.