Quartalsbericht Juli – Sept. 2020 – Pasto

KINDERHILFE FÜR KOLUMBIEN E.V. FUNDACIÓN INFANCIA COLOMBIANA

Programm “Eine Hoffnung für Kinder ohne Zukunft” Quartalsbericht Juli – September 2020 Sitz: Pasto

Einleitung Räumungen und Misshandlungen als schwerwiegende Folgen der Pandemie

Täglich mehren sich die Nachrichten über Missstände wirtschaftlicher, sozialer oder familiärer Art in diesem ohnehin schon so gebeutelten Land, wir müssen mit ansehen, wie überall die Gewalt wieder zunimmt. Im August wurden Indígene, Bauernführer oder Jugendliche immer häufiger ermordet, dabei gab es in diesem Land schon einmal Zeiten, in denen wir kaum noch solche Nachrichten hören mussten. Aber jetzt sehen wir uns wahren Massakern gegenüber, nicht ein oder zwei Menschen werden ermordet, sondern gleich ganze Gruppen auf einmal werden umgebracht. Wie gewohnt haben die Behörden keine Ahnung, wer für diese Taten verantwortlich ist, aber die Menschen wissen sehr gut, dass es bestimmte soziale Gruppen gibt, die ihre eigenen Interessen um jeden Preis durchsetzen wollen.

In Nariño wurden im August drei Awá-Indígene umgebracht und zwanzig weitere Personen in verschiedenen Bezirken des Departements. In Tambo-Cauca wurden sechs Menschen ermordet und in Valle des Cauca wurden fünf Jugendliche erstochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, ist sehr gering, denn die Prozesse werden in die Länge gezogen und Korruption führt dazu, dass die Gerechtigkeit sich niemals durchsetzen wird.

Auch in den Familien hat während der Quarantäne die Gewalt stark zugenommen, meist sind es die Männer, die ihre Kinder und Partnerinnen misshandeln. Die nationale Notrufnummer 155 registrierte mit 1221 Anrufen, in denen sog. häusliche Gewalt während der präventiv angeordneten Quarantäne angezeigt wurde, 103% mehr im Vergleich zum Vorjahr. Auch bei der Staatsanwaltschaft gingen im gleichen Zeitraum 3027 Anzeigen ein. Unter unseren Familien hier in Pasto gibt es z.B. den Fall der Señora Yovana Rodriguez, deren Tochter Diana Katherine Diaz unser Programm „Eine Hoffnung für Kinder ohne Zukunft“ besucht. Der Ex-Partner der Señora Yovana hat sie beleidigt und ihr die Fenster ihrer Unterkunft eingeworfen, weil sie sich weigerte, wieder mit ihm zusammenzuleben. Das geschah vor den Augen der Kinder und diese sind sehr verstört durch diese Vorfälle. Die Sozialarbeiterin (Omayra) begleitet die Frau durch den Vorgang der Anzeige gegen den Mann, gegen den ohnehin schon mehrere Anzeigen aus gleichem Grund vorliegen. Sie wird auch psychologisch betreut, denn sie hat große Angst vor weiteren Attacken des Mannes.

Ein weiterer Missstand als Folge der Pandemie betrifft die Wohnsituation vieler Menschen. Die meisten Menschen hier haben kein Wohneigentum, sondern müssen die Unterkünfte wählen, für die sie sich die Miete überhaupt leisten können. Da es den Menschen nicht erlaubt war, ihre Häuser zu verlassen, um Geld zu verdienen, konnten viele ihre Mieten nicht mehr bezahlen, weil sie einfach nichts mehr hatten. Und das Wenige, das sie noch auftreiben konnten, brauchten sie dringender für Nahrung und andere lebenswichtige Dinge. Zwar hatten die Behörden angekündigt, dass niemand seine Unterkunft wegen Zahlungsverzögerung würde aufgeben müssen, aber Vermieter haben diese Anordnung schlicht ignoriert und die Mieter unter Druck gesetzt, unverzüglich die Miete zu zahlen oder sich umgehend eine andere Wohnung zu suchen, andernfalls würden sie geräumt werden. Wer es konnte, suchte sich freiwillig eine andere Unterkunft, weil sie die bisher gezahlte Miete nicht mehr tragen konnten. Die Situation ist dramatisch und die Menschen sind verzweifelt, weil sei niemanden haben, an den sie sich wenden können angesichts des Drucks und der Schikane durch Vermieter, und währenddessen wird es immer schwieriger, bezahlbare Unterkünfte überhaupt zu finden.

Auch unter unseren Familien sind fünf von solchen Räumungen betroffen: die Familien von Angélica Ruales, von Sebastian Pinillos, von Diana Díaz, Evelin Espinosa und Melany Ceballos, sie alle stehen vor einem gewaltigen Problem, denn sie mussten ihre Unterkünfte ganz plötzlich räumen und konnten nur eben ihre Habe zusammenpacken. Sie mussten zu Verwandten gehen, bei denen es auch schon sehr beengt ist, oder irgendwo in schlechteren Behausungen unterkommen, weiter entfernt von der Arbeit oder der Schule. Die Existenznot, die unsere Menschen täglich erleben müssen, laugt sie aus und treibt sie in die Verzweiflung, denn Hilfe durch die Regierung können sie nicht erwarten, und so wird die Armut im Land immer schlimmer.

Einzig die KINDERHILFE bringt durch ihr aktives Eingreifen zum Schutz der Kinder Hoffnung zu den Menschen, die am stärksten unter den aktuellen Bedingungen leiden. Im Juli wurden 22 Erwachsene und 30 Kinder der Emberá-Katió-Indígenen aus ihren Unterkünften vertrieben, weil sie zwei Wochen (¡) mit der Miete im Rückstand waren. Foto: César Melgarejo. EL TIEMPO Während der Quarantäne eingegangene Anrufe wegen häuslicher Gewalt Aktivitäten während dieses Quartals: Da im Juli und August noch die Quarantäne galt, mussten wir die Hausaufgabenhilfe für unsere Jungen und Mädchen weiterhin virtuell per Handy erteilen; die dazu gehörigen Erklärungen wurden per Telefon gegeben, Beratungen oder Nachforschungen konnten mit Hilfe der Texte und Arbeitsmaterialien passend zu den Themen aus dem Unterricht geleistet werden. Die Patenkinder haben diese Art der Hilfe sehr begrüßt, denn viele der Eltern haben wenig Erfahrung im Umgang mit dem Internet und auch selten Zugang dazu und können ihren Kindern daher bei den Aufgaben wenig helfen. Chor „Eine Hoffnung“ Musikstunden virtuell zu erteilen ist eine Herausforderung, die die Erzieherin Sandra angenommen hat, um das Niveau des Chores zu halten. Sie hat mit den Kindern bearbeitete Themen wiederholt und sie motiviert, zuhause aus vorhandenen Materialien wie Karton, Plastikflaschen o.Ä. Instrumente zu basteln, um weiter zu üben. Dies hat auch die Kreativität und Vorstellungskraft der Kinder bereichert. Fotos aus den Videos der virtuellen Musikstunden Hausbesuche Um den Kontakt zu unseren Familien aufrecht zu erhalten, haben wir weiterhin Hausbesuche gemacht. So haben wir auch die Nöte und Sorgen gehört und die aktuellen Situationen der Familien gesehen. Es ist auch wichtig für die Familien, dass sie erfahren, dass die KINDERHILFE für sie da ist und sich um ihre Bedürfnisse kümmert. Während dieser Zeit haben wir erfahren, dass einige Familien mit Covid-19 infizierte Mitglieder hatten, und obwohl unser Gesundheitssystem sie nicht ausreichend versorgt und behandelt, haben die meisten die Erkrankung doch überstanden, aber leider sind auch einige Menschen daran gestorben. Ausgabe der Lebensmittelpakete und finanzielle Hilfen Um den vielfältigen Mangel, unter dem die Familien unverschuldet leiden, zu lindern, hat die KINDERHILFE weiterhin monatlich Lebensmittelpakete mit unverderblichen Produkten sowie Obst und Gemüse ausgegeben. Die Familien haben außerdem einen Betrag von 40.000 Pesos bekommen, um Rechnungen für Betriebskosten und Internetzeit für die Schulaufgaben zu begleichen. Wiederaufnahme der Aktivitäten in der Einrichtung Im September erklärte die Regierung die allgemeine Quarantäne für beendet und man konnte – unter Berücksichtigung der persönlichen Vorsichtsmaßnahmen und der Hygienevorschriften – zum normalen Leben zurückkehren. Die Schulen des Landes nahmen aber den Unterricht noch nicht wieder auf, weil doch zu viele Schüler zusammenkommen würden und die Ansteckungsgefahr zu hoch wäre. Daher wird der Unterricht für den Rest des Jahres virtuell erteilt. Wir haben unter unseren Familien eine Umfrage gemacht, um zu erfahren, ob sie wünschten, dass wir unsere Arbeit wieder aufnehmen würden. Einige Eltern waren eher vorsichtig und hatten Angst, dass ihr Kind sich anstecken könnte, andere wollten gern, dass wir ihre Kinder wieder in der Einrichtung betreuen und haben daher eine Einwilligung unterschrieben, dass ihre Kinder bis auf Widerruf hier betreut werden dürfen. Jetzt sind wieder zwölf Patenkinder hier anwesend, wir beachten die Hygieneregeln, um die Verbreitung des Virus’ zu vermeiden, waschen uns oft die Hände und halten Abstand. Alle Oberflächen werden regelmäßig desinfiziert, hierbei helfen uns auch die Eltern dieser Kinder. Die Gruppenleiter arbeiten voller Hingabe und sehr liebevoll mit den Kindern an ihren Hausaufgaben und Übungen, die sie von ihren Lehrern in den Schulen oder per Internet bekommen haben. Danksagung Die Familien der Gruppe ”Eine Hoffnung für Kinder ohne Zukunft” sagt ”Danke!” für die besondere Großzügigkeit der Paten, die in diesen extrem schweren Zeiten geholfen haben. Dank ihrer Spenden mussten die Kinder nicht hungern und konnten sich immer auf die wertvolle Begleitung und Unterstützung durch die KINDERHILFE verlassen.

OMAYRA VILLOTA BENAVIDES Sozialarbeiterin – PASTO übersetzt von Anette Bauer