HAUS URSULA IN POPAYAN BERICHT ÜBER DAS DRITTE QUARTAL 2020

             DIE  VERSCHÄRFUNG DER KRISE DURCH DAS CORONAVIRUS

In Kolumbien wird die Lage mit jedem Tag kritischer, denn immer noch leben wir mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen, die sich mit der Pandemie zuspitzen. Es war für uns sehr schwer zu ertragen, dass unsere Familien nicht arbeiten gehen, um etwas zu essen zu besorgen. Dadurch gab es viele vernachlässigte und verlassene alte Menschen und extreme Fälle von Kindesmisshandlungen. Man fand Kinder angebunden, damit sie zu Hause ruhig blieben, während die Eltern auf Arbeitsuche gingen, Mieter, die auf die Straße gesetzt wurden, Schulabbrecher, Beziehungen, die auseinander gingen und ganz viele Fälle von innerfamiliären Misshandlungen.

Auch wenn wir schon vom Schicksal von Señora Maria berichtet haben, der Mutter eines kleinen Mädchens aus der Babykrippe, möchten wir dieses Beispiel noch einmal aufgreifen, denn in Kolumbien gab es zwar immer die extreme Armut, aber die Pandemie bewirkte, dass unsere Familien noch größere tägliche Not kennenlernten, die sie zu extremen Entscheidungen verleitete.

Diese Mutter aus der Babykrippe  musste sich aus Not viel Geld leihen, und einige ihrer Schulden hatte sie bei speziellen „Wucherern“, die sie immer mehr bedrohten. Dabei hatte sie nicht einmal mehr das Geld für die Ernährung ihrer Kinder. Hinzu kam, dass ihre ganze große Familie von Straßenverkäufen gelebt hatte, so dass auf einmal alle vor dem Nichts standen.

Diese Katastrophe ließ die familiären Probleme aufleben. Die lange Isolation verursachte Verzweiflung und alle forderten Lösungen von ihr, weil sie es ist, die immer für die Familie gekämpft hat, die sich den Problemen stellt, die sich auch um die psychische Lage der ganzen Familie kümmern muss, und alle verlassen sich auf sie auch in dieser Krise. Aber sie hat niemanden, bei dem sie sich erleichtern und aussprechen könnte, und das führte zu ihrem Zusammenbruch.

Unglücklicherweise ist diese Familie durch die Erfahrung mehrerer Selbstmorde gezeichnet. Señora Marias Schwester hat etliche Versuche gemacht, mit dem Glück, jedes Mal rechtzeitig  gefunden zu werden. Sie mussten schon mehrere Jugendliche begraben, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen hatten, und diesmal dachte  auch Señora Maria in ihrer aussichtslosen Lage an diese Möglichkeit. Es gab außer der Kinderhilfe niemanden, der sie anhörte. Ihre ganze Familie forderte von ihr Lösungen, dass sie Geld besorgen sollte, und sie sah sich als Zentrum aller Probleme, die immer größer wurden. Um all das zu beenden, wollte sie sich das Leben nehmen, und nur die Kinderhilfe half ihr in diesen schlimmen Momenten. Es war die Kinderhilfe, die das Problem mit der Ernährung ihrer Familie löste, wobei sie während der ganzen Zeit nicht einmal die Babynahrung für ihre Tochter kaufen konnte, die ihr dann von der Babykrippe geliefert werden konnte. Hinzu kam, dass ihre kleine Tochter, die sonst bei uns in der Babykrippe betreut wird, immer schwieriger in ihrem Verhalten wurde, was zu neuen Problemen führte, weil die anderen Familienmitglieder sie ständig zurechtwiesen. Täglich musste sich die Mutter – um Probleme zu vermeiden – mit ihrer Tochter an ihren eigenen Schlafplatz zurückziehen,. Aber sie musste auch hinausgehen, um etwas zu essen zu besorgen.

Deshalb hielten wir es für nötig, die Türen für einige dringende Fälle zu öffnen, in denen Kinder unbedingt wegen der extrem schwierigen Situation betreut werden mussten. Für Dona Maria war es eine riesige Erleichterung, diesen sicheren Ort für ihre Tochter zu haben, wo sie behütet wurde und wo man auch die Mutter anhörte und beriet, so dass sie eine persönliche Hilfe durch unsere Psychologin bekam und die Suizidabsichten für den Moment überwinden konnte.

Eine andere Mutter aus der Babykrippe, Doña Ana, mag sich nicht an ihre Kindheit erinnern, weil die sehr schwer für sie war. Sie hat heute drei Kinder von verschiedenen Männern. Ihr ältester Sohn war schon in Jugendgefängnissen und ihre letzte Schwangerschaft endet aufgrund der erbärmlichen Zustände, in denen sie lebt, mit einer Fehlgeburt. Diese Frau überlebte von den Käufen und Verkäufen von Produkten des Wochenmarktes, die sie immer auf dem Bürgersteig im Zentrum unserer Stadt tätigte. Aber wegen der Quarantäne wurde dieses Zentrum als erstes geräumt, so dass eine weitere Familie sich einschließen musste. Nur durch das Fenster ihrer gemieteten Unterkunft konnte sie verkaufen, was sie noch anzubieten hatte. Jetzt konnte sie ja nicht mehr Waren für den Verkauf einkaufen und hatte auch nicht mehr das Geld, um ihre Miete zu bezahlen. Der Eigentümer der Unterkunft zeigte sich solidarisch, indem er sie ihr einen Monat stundete. Aber wenn sie es nicht schaffte, Geld zu besorgen, würde sie bald die Unterkunft räumen müssen, und in dieser Zeit wurde an niemanden etwas vermietet, im Gegenteil. Ganz viele Familien wurden auf die Straße gesetzt, weil sie kein Geld hatten, um die Miete zu bezahlen.

Doña Ana musste sich heimlich Geld leihen, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen, und hinausgehen, um diese in den Nachbarvierteln zu verkaufen, immer auf der Flucht vor den Behörden, weil sie ihre kleine Tochter bei sich hatte. Die Tochter ist 4 Jahre alt und normalerweise in der Kita der Kinderhilfe. Aber jetzt hatte sie niemanden, der sie betreute, denn einige Nachbarn halfen ihr schon mit der Versorgung ihres Babys.

So riskierte sie es, während der Pandemie  bestraft zu werden, weil sie gegen das Ausgehverbot verstieß. Aber auch so konnte sie nicht viel verkaufen, und die Verzweiflung, nicht zu wissen, wie sie die Miete der Unterkunft bezahlen und ihre anderen Bedürfnisse decken könnte, wurde immer größer. In dieser Not half ihr die Kinderhilfe, indem sie zwei Monatsraten ihrer Miete bezahlte, mit einem monatlichen Lebensmittelvorrat und mit Obst für ihr Baby. Ganz besonders dankbar war sie für spezielle Babynahrung zusammen mit einem Paket Windeln.  Keine unserer Familien kann diese notwendigen Dinge für ihre Babys kaufen.

Leidy ist eine weitere unserer Mütter, ebenfalls sehr fleißig und arbeitsam inmitten so großer finanzieller Probleme. Zusammen mit ihrem Mann haben sie fünf Kinder, drei außerhalb ihrer Verbindung und zwei gemeinsame. Außerdem müssen sie für den Vater des Mannes sorgen, der schon alt ist und für den Onkel ihrer Kinder, der geistig und körperlich behindert ist.

Beide verloren ihre Arbeit und brauchten alle Ersparnisse auf, die sie hatten. Ihr kleiner Sohn benötigt eine gute Ernährung, denn er hat Probleme mit der Lunge und durch das Eingesperrtsein so vieler verschiedener Menschen auf engstem Raum, entwickelte sich die Lage zu einer Krise. Leidy war kurz davor, zu ihrer Schwester zu ziehen, weil die Gesamtsituation für sie zu belastend und unlösbar wurde.

Auch dieser Familie wurde mit der Bezahlung der Nebenkosten für einen Monat geholfen. Sie bekam Obst, Windeln, Brei und die Spezial-Milch für ihr Baby, wie auch die monatlichen Lebensmittelvorräte. Auch wenn diese bei so vielen Familienmitgliedern nicht so lange reichten, versicherten sie doch, dass die Kinderhilfe der einzige Ort gewesen sei, wo man sie nicht im Stich gelassen hätte.

Genau wie diese drei Familien, waren alle aus der Babykrippe überrascht darüber, wie viel Geld der Verein für Babynahrung, Windeln und Obst für die Babys ausgegeben hat, denn das sind Ausgaben, die nicht einmal der Staat für die ganz kleinen Kinder macht. Die Kinderhilfe schaffte es, ihren Jungen und Mädchen auch während der Isolation in der Quarantäne eine angemessene Ernährung zukommen zu lassen.

Die monatliche Lebensmittellieferung war für alle Zugehörigen zur Kinderhilfe eine große Erleichterung. Sie verhinderte schwerwiegende Folgen für das Leben unserer Jungen und Mädchen. Diese monatliche Hilfe kam nicht nur den Kindern in unseren verschiedenen Gruppen zugute, sondern auch ihre Geschwister, Großeltern und Eltern profitierten davon. Eine Hilfe, mit der ihre Nachbarn und Verwandten, die große Not litten, nicht rechnen konnten. Sie beteuern immer wieder, dass die Kinderhilfe ein Segen sei, wie man in Kolumbien sagt. Aber vor allem ist sie die Möglichkeit zum Überleben und um nicht in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit unterzugehen, wie es viele Familien in unserem Land leider tun, weil sie so oft nichts zu essen haben und arbeitslos geworden sind. Wir könnten noch viel mehr erzählen, weil jede Familie ein Beispiel für eine furchtbare humanitären Krise ist, eine Geschichte, die die Wirklichkeit in unserem Land zeigt. Alles ist noch schwerer, weil wir eine korrupte und gleichgültige Regierung haben, die keine Hilfen bietet, um die Krise bewältigen zu können, die aber verlangt, dass die Menschen sich vor Ansteckungen schützen sollen. Deshalb sind die Anforderungen an die Hygienemaßnahmen sehr hoch, um wieder die Türen der Häuser des Vereins für die Kinder öffnen zu können.

Haus Ursula wieder öffnen zu können, hat die Kinderhilfe viel Geld gekostet, denn es wurden viele Renovierungsarbeiten und Reparaturen nötig, um das Haus in einen optimalen Zustand zu versetzen und wenigstens für extrem bedürftige Kinder zu öffnen. So war es notwendig, den Putz an den Wänden zu erneuern, sie alle mit einer besonderen Farbe zu  streichen, einer Farbe, die man desinfizieren kann, ohne dass sie sich schnell auflöst. Das Holz musste erneuert werden, die Türen und Fenster gestrichen und alles ausgewechselt, was beschädigt oder zersetzt war. In der Küche mussten die Holzmöbel ausgewechselt werden, weil Holz in den Küchen vom Gesundheitsministerium verboten wurde. Wie die Türen in allen Häusern musste absolut alles gereinigt und desinfiziert werden. Besondere Matten zur Desinfektion und Thermometer wurden gekauft, die anzeigen, ob jemand beim Betreten der Räume Fieber hat. Es musste Vorschrift des Staates befolgt werden. Außerdem wurden in der Nähstube für alle Kinder des Vereins besonders schützende  Mund- und Nasenmasken aus speziellem (antifluido) Stoff genäht und Schirme für besondere Situationen. All das hat viel Geld gekostet, ist aber die einzige Möglichkeit, Leben zu schützen oder zu retten.

Im Augenblick können wir sagen, dass die Kinderhilfe die einzige Einrichtung ist, die jetzt ihre Türen für die schutzlosesten Kinder geöffnet hat und die eine echte Hilfe leistet, die Notlagen mildert und damit die Verzweiflung der Familien inmitten der Krise.

Dafür und für alles, was SIE jahrzehntelang für die Menschen in größter Not getan haben, sagen wir immer wieder Danke. Danke, dass SIE dieses Licht inmitten der Dunkelheit und Verzweiflung für so viele kolumbianische Familien sind, denn ohne SIE wäre nichts von all dem  möglich.

Yaneth Rocio Rivera Pantojo

Format, Ergänzungen und Revision durch Sandra Yicel Medina Sanchez