„Hoffnung für Kinder ohne Zukunft“ in Popayan: 4.Quartal 2020

WAS UNS DIE PANDEMIE 2020 GEBRACHT HAT
Die Ankunft des Corona-Virus in Kolumbien machte eines der größten Probleme im Land offensichtlich: den Hunger. Erst jetzt konnten wir richtig sehen, wie aufgrund der Quarantäne alle Nöte ins Unendliche wuchsen: die Unmöglichkeit zu arbeiten, um das tägliche Essen kaufen zu können und um die Familien zu unterhalten. Die Lage war so schlimm, dass sie tausende von Menschen in den verschiedenen Departments bewog zu protestieren, um die Aufmerksamkeit des Staates zu erregen. Das ist verständlich, weil es für Eltern schwer ist, am Ende des Tages erleben zu müssen, dass die Kinder immer noch Hunger leiden, ohne dass es ihnen möglich ist, ihnen etwas zu essen geben zu können. Daher sahen sie sich gezwungen, den Staat anzuflehen, der ihnen dann nur wenige Hilfen bot, die in keiner Weise die Bedürfnisse der Familien deckten, die ohne Arbeit da standen, ohne Dach über dem Kopf, ohne Essen, weshalb die Lebensumstände der ärmsten Bevölkerung grausam waren.

Es ist paradox zu erleben, wie viele Male gerade die Menschen, die mühsam einige Nahrungsmittel besorgen konnten, diese solidarisch mit anderen teilten. Andere Familien oder Leute, die nichts mehr zu essen hatten, sahen keinen anderen Ausweg, als zu stehlen, und inmitten der Demonstrationen und Proteste brachen sie in Supermärkte ein, um sich wenigstens etwas zum Abendessen zu holen. Natürlich ist das in keiner Weise zu entschuldigen, dass jene Menschen, die mit ihrer Arbeit ihr Geschäft oder ihre Zukunft aufgebaut haben, dafür zahlen müssen, dass jemand anderes sie bestiehlt. Aber gerade darin besteht die Ungerechtigkeit, in der Untätigkeit eines Staates, der nichts gegen die Auswirkungen der Pandemie getan hat.

Täglich gab es diese Proteste. Gleichzeitig wurde in den sozialen Netzen und Kommunikationsmedien um Spenden gebeten, darum wenigstens mit einem Teller Essen zu helfen, um den Hunger der Kinder zu stillen. Aufgrund dessen versprachen viele staatliche Einrichtungen, ihnen
Lebensmittel zu bringen. Aber diese gelangten nur zu ganz wenigen Familien; die anderen Mittel, wurden von den Reichen genommen oder gestohlen. Nicht einmal während der Pandemie zeigten sich die Korrupten sensibel für die Not der Allerärmsten.
All das hat uns wieder gezeigt, dass Kolumbien nicht imstande ist eine soziale Notlage zu bewältigen, und dass die Korrupten sich immer weiter mit dem Geld, das für das Volk bestimmt ist, bereichern. Auf diese Weise wird das Volk betrogen, da keine Möglichkeiten zur Weiterentwicklung besteht, um die Umstände in so wichtigen Bereichen wie Bildung, Gesundheitswesen und Einkommen zu verbessern. Denn am Ende passt ihnen kein Volk, das imstande ist, für seine Rechte zu streiten. Die Krise hat Millionen Kolumbianer getroffen. Viele Unternehmer haben ihre
Firmen geschlossen, daher ist die Arbeitslosigkeit jetzt noch größer geworden. Dazu muss man erklären, dass die Steuerbehörden jetzt auch die Arbeiten im informellen Sektor dazu zählen, wie die ambulanten Händler, die Helfer auf dem Bau, die Müllsammler, deren Einkünfte unter 75 Euro im Monat liegen, die, wenn sie die Miete bezahlen können, kein Geld mehr für das Essen haben. Die meisten von ihnen leben im Elend und werden doch jetzt zu den Beschäftigten gezählt.

Und wenn wir von Popayan reden, dann ist alles noch schlimmer, denn erneut werden wir in bewaffnete Konflikte hineingezogen. Im Augenblick ist es noch schwieriger, weil dadurch die Vertreibungen immer weiter zunehmen. Nach Popayan sind tausende (venezolanische) Immigranten und vertriebene Kolumbianer gekommen, die nicht nur der Krieg hierher geführt hat, sondern vor allem die absolute Armut. Wörtlich erklären viele von ihnen: „Wir essen Müll, weil wir es leid sind, überall die Leute anbetteln zu müssen“. Das erleben täglich tausende Kolumbianer, die eigentlich darauf hoffen, eine Arbeit zu finden oder Hilfen, die ihre Not ein wenig lindern. An jeder Straßenecke des Landes befinden sich Kolumbianer oder Immigranten, die der Hunger dazu zwingt zu betteln oder kriminell zu werden.

Etwas ganz anderes können die Familien der KINDERHILFE erzählen, in der es auch Familien gibt, die ohne Arbeit und ohne Nahrungsmittel lebten, ohne Geld für die Miete oder die Nebenkosten. Von der KINDERHILFE haben sie bedingungslose Unterstützung erfahren. In besonders großen Notlagen haben sie verschiedene Hilfen in Form von Lebensmitteln und Geld bekommen, damit sie nicht Hunger leiden mussten oder gar aus ihrer Unterkunft geworfen wurden. Die Mitarbeiterinnen der KINDERHILFE waren, mit Sondergenehmigungen, immer an der Seite aller Familien, um ihnen beizustehen. Sie kauften, organisierten und verteilten Lebensmittelvorräte bis zum Jahresende. Allerdings werden die Lebensmittel jetzt gezielter gemäß den Bedürfnissen der einzelnen Familien und gemäß den Anweisungen aus Deutschland zugeteilt, wobei die Qualität der Lebensmittel und ihr Nährwert Vorrang haben. In der Zeit der Pandemie haben die Familien der KINDERHILFE alle schlimme Erfahrungen machen müssen, aber der Verein gab ihnen die Möglichkeit, die Hoffnung zu bewahren, dass die KINDERHILFE immer da sein wird, um ihnen einen Ausweg aus ihren Notlagen zu ermöglichen.

In schulischer Hinsicht ist es ein besonders schweres Jahr gewesen und eine Prüfung für die Schüler, denn der virtuelle Unterricht macht das Verständnis des Stoffes noch schwieriger. Vielen Schülern standen jedoch gar keine Geräte wie Tablets, Computer oder Handys zur Verfügung. Für sie war es daher noch schwerer dem Unterricht zu folgen. Trotz des Verbotes bemühten wir uns, einige in von ihnen in der KINDERHILFE zu unterstützen. Mit der Einhaltung der Regeln und dem nötigen Abstand war es ein fast personalisierter Unterricht. Wir halfen ihnen ihnen halfen, die Aufgaben zu lösen und die Texte für die Arbeiten zu verstehen. Trotzdem schafften es viele nur knapp versetzt zu werden, und sehr viele andere müssen wohl das Schuljahr wiederholen. Ideal wäre es, wenn alle das Jahr wiederholten, aber leider gehen die meisten mit großen Lücken in das neue Schuljahr. Im Verein haben sie sehr viel gelernt, und wir helfen ihnen weiterhin in den schulischen Dingen. Außerdem lernen sie sich vor dem Virus zu schützen und bekommen dafür die nötige Ausstattung. Die Vorsichtsmaßnahmen bei uns sind sehr streng: wir messen die Temperatur, achten auf häufiges Händewaschen, den Wechsel der Mund- und Nasenmasken und vor allem dem ständigen Tragen der Masken. All das zu kontrollieren, bedeutet auch entsprechend Mehrarbeit für die Betreuerinnen, weshalb in jeder Gruppe mindestens zwei Personen sein müssen.

Wir haben das Jahr mit Besinnung, Harmonie und Freude beendet, indem wir den „lebendigen Adventskalender“ wieder zelebrieren konnten, in diesem Jahr allerdings nach Gruppen getrennt, weil die Kinder nicht so nahe beieinander sein dürfen. Trotzdem fanden dieselben Aktivitäten statt, tauschten die Betreuerinnen Ideen aus und halfen sich gegenseitig, um eine schöne Weihnachts- zeit ermöglichen. Den Kindern und Jugendlichen, die noch nicht wieder in den Verein kommen können, brachte der Nikolaus einen mit Süßigkeiten gefüllten Stiefel, der von anderen Kindern gebastelt worden war, die schon regelmäßig hier sein dürfen.

Außerdem bekamen sie die Zutaten für ein richtiges Weihnachtsessen in der Familie. All das waren wunderbare Gelegenheiten, wodurch man alle Kinder zu keiner Zeit allein gelassen hat.

Die Baumaßnahmen des Haupthauses gehen dem Ende entgegen. Deshalb haben wir die Arbeitszeiten der Bauarbeiter verlängert. Es sind Eltern unserer Kinder, die dank des Vereins über mehrere Monate eine Arbeit hatten, die ihnen ihr Leben sehr erleichterte, da es schwer ist in dieser Zeit Arbeit zu finden. Wir sind sehr dankbar, dass wir durch die Renovierungen und strukturellen Verbesserungen den Kindern Sicherheit geben können und ein viel schöneres Ambiente, mit guten Desinfektionsmöglichkeiten, um uns vor dem Virus schützen zu können.

Es war sehr wichtig, wenigstens die Hälfte unserer betreuten Kinder wieder aufzunehmen, denn viele Eltern gingen wieder arbeiten, und die Kinder nutzten dies, um hinaus auf die Straße zu gehen oder sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen. Wegen des virtuellen Schulunterrichtes haben sie offenen Zugang dazu, was sehr schädlich ist, weil es in Kolumbien überall Gefahren gibt und keinerlei virtuelle Beschränkungen. Für die Heranwachsenden und Jugendlichen ist das besonders schlimm, die alles erkunden und erfahren wollen. Daher war es sehr wichtig, etliche von ihnen wieder aufzunehmen, und wir denken besonders an sie, wenn das Haupthaus wieder nutzbar ist.

Zu ihnen gehört das Mädchen Angie, deren Großmutter wieder ihre Arbeit als Hausangestellte aufgenommen hatte und sie allein zuhause lassen musste. Es gab niemanden, der ihr bei den Hausaufgaben hätte helfen können, und außerdem ist sie durch ihre Lebensgeschichte besonders belastet und gefährdet. Sie wurde von Vater und Mutter verlassen und braucht dringend unsere Hilfe und Betreuung, damit sie nicht auf die schiefe Bahn oder in ihrem Viertel in Gefahr gerät. Das Mädchen ist sehr schwierig, oft streitsüchtig und versucht ständig, Aufmerksamkeit zu erwecken. Aber in der KINDERHILFE hat ihr die Erziehung sehr geholfen, ein wenig die Leere zu füllen, die ihre schlimme Lebensgeschichte hinterlassen hat. Hier kann sie eine gute Ernährung bekommen und in der Schule Fortschritte machen, wobei man hier ihr gegenüber sehr geduldig und tolerant ist. Außerdem bekommt die Familie weiterhin Lebensmittellieferungen in Form von Milch, Eiern, Reis, Käse, Joghurt und Linsen, um ihre Ernährung aufzubessern. Gäbe es die KINDERHILFE nicht, würde die Geschichte dieses Mädchens ganz anders verlaufen. Vielleicht befände sie sich schon auf der Straße oder in einer Einrichtung für verlassende Minderjährige, denn unsere Unterstützung ihrer Großmutter ist lebenswichtig gewesen, und nur so hat diese sie bis jetzt unterhalten können.

All das bedeutet große Kosten für den Verein. Aber wir sind allen Spendern unendlich dankbar, die diese Hilfen für so viele so notleidende Familien möglich machen, die heute in der Kinderhilfe einen Ausweg und eine Hoffnung finden. Ohne Ihre Solidarität und Spenden wären nichts davon möglich. Vielen Dank!

Sandra Yicel Medina Sanchez