Kita und Babykrippe in Haus Ursula Popayan: 4. Quartal 2020

DIE PANDEMIE UND DAS JAHR 2020

Schon vor der Pandemie hatten wir in Kolumbien viele soziale Probleme und extreme Armut; aber mit ihr ist 2020 zu einem besonders schweren Jahr geworden. Die Armut hat sich weiter zugespitzt und Millionen von Familien zur Verzweiflung gebracht. Genau diese Menschen sind es, die die KINDERHILFE das ganze Jahr hindurch betreut hat. Sie hatten das Glück, Hilfe für die notwendigsten Dinge zu bekommen: Unterstützung bei den Nebenkosten, der Miete, bei gesundheitlichen Problemen sowie monatliche Lebensmittelrationen, die jene ergänzten, die sie beschaffen konnten.

Als im September die Wirtschaft ein wenig in Gang kam, konnten einige Eltern wieder beginnen zu arbeiten; leider jedoch nicht im gleichen Maße wie vorher. Wenn beispielsweise eine Hausangestellte vorher die ganze Woche durch gearbeitet hatte, so wurde jetzt diese Arbeitszeit auf zwei oder drei Wochentage reduziert. Oder wenn ein ambulanter Verkäufer vorher gut 5 Euro am Tag verdiente, verdient er jetzt nur noch die Hälfte. Das macht die Lage für die Familien schwerer. Nicht nur ihre Einkünfte sind weniger geworden, sondern in allen Bereichen, wie Ernährung, Bekleidung oder Medikamente, sind die Preise stark gestiegen. Damit lassen sich bisher normale Lebensbedingungen nicht aufrecht erhalten. Leider ist aber vom Staat dazu keine Hilfe zu erwarten.

Die KINDERHILFE ist eine große Unterstützung für alle Familien, die zu ihr gehören, weil dank ihrer die Eltern beruhigt arbeiten gehen können. Aber wir müssen auch klarstellen, dass wir leider im Augenblick im Haus Ursula nur die Hälfe unserer Babys und Kleinkinder betreuen können. Dafür haben wir die Kinder ausgewählt, deren Not und Bedürftigkeit besonders groß ist und die niemanden haben, der sie betreuen könnte. Wir können leider derzeit nicht alle wieder aufnehmen, weil es uns sonst nicht möglich ist die behördlichen Sicherheitsvorschriften einzuhalten – wie Abstand, Maskenpflicht und Hygiene. Aber bei denen, die zuhause bleiben müssen, ist garantiert jemand da, der sie betreuen kann, sei es ein Onkel, Großvater oder Bruder/Schwester.

Es ist uns bewusst, dass auch bei diesen Eltern die Einkünfte stark reduziert sind. Deshalb hilft ihnen der Verein im Augenblick weiterhin mit Lebensmittelvorräten. Dabei liegt unser Augenmerk vor allem auf besonders nahrhaften Produkten, wie Milch, Käse oder Joghurt, mit denen die Eltern die tägliche Ernährung ergänzen und aufbessern können, natürlich alles von guter Qualität und vor allem gesund. Außerdem berücksichtigen wir dabei den Grad der Bedürftigkeit und die Größe der Familie.

Eines der Kinder, die schon wieder in die Kinderhilfe kommen können, ist zum Beispiel Nicolas. Dieser kleine Junge gehörte zu den ersten, die wieder in die Kinderhilfe kommen durften, weil seine Mutter unbedingt wieder arbeiten gehen musste. Sie stammt aus Ekuador und hat ein besonders schweres Leben durch die vielen Probleme mit dem Vater ihrer Kinder. Ihre heranwachsenden Söhne sind sehr schwierig und stecken ständig in problematischen Situationen. Als im September die Lockerungen angeordnet wurden, war ihre Not daher besonders groß, denn sie musste dringend arbeiten um für ihre drei Söhne aufzukommen, deren Vater verantwortungslos und sehr aggressiv ist.

Sie ist ambulante Verkäuferin von Dingen, die sie selber herstellt oder einkauft, wie Handschuhe, Mützen und andere Wollprodukte. Da zuhause niemand den Kleinen hüten konnte, wurde ihr Sohn als einer der ersten wieder von uns aufgenommen, damit die Mutter beruhigt ihrer Arbeit nachgehen konnte. Sie ist immer sehr zuverlässig und pünktlich, und wegen ihrer sozialen Lage wird ihr Sohn auch freitags nachmittags bei uns betreut.

Die Mutter ist sehr dankbar, weil sie auf diese Weise weiter arbeiten konnte, da es verboten ist, die Kinder mit zur Arbeit zu nehmen. Wenn sie diese dem Hunger und der Kälte auf den Straßen aussetzen, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Jugendpolizei sie ihnen wegnimmt, natürlich möchte niemand dieses Risiko eingehen.

Trotz ihrer gesundheitlichen Probleme arbeitet diese Frau sehr hart. Sie hat einen Tumor im Kopf, der schon operiert wurde, weshalb sie vorher lange Zeit arbeitsunfähig war. Auch in dieser Zeit war die KINDERHILFE ihr eine große Hilfe, weil sie sich erholen konnte während ihr Sohn im Verein war. Für ihre Pflege, für den Transport zu ärztlichen Kontrollen und die Besorgung der Medikamente musste sie bei Verwandten Hilfe suchen.

Zu allem Unglück wurde bei der Frau ein neuer Tumor entdeckt. Allem Anschein nach ist dieser nicht bösartig, muss aber erneut operiert werden. Deshalb musste sie zuerst nach Medellin und dann nach Bogota fahren, um die nötigen Papiere zu besorgen. In dieser Zeit kommt Nicolas deshalb nicht in den Verein. Sie hat uns dringend gebeten, dass man ihm den Platz freihielte bis er zurückkommt, denn die Betreuung und Behütung des Jungen, die Erziehung und Ernährung sind für diesen lebensnotwendig.

Abgesehen von der Wiederaufnahme des Jungen, erhielt die Familie Monat für Monat einen erhöhten Lebensmittelvorrat mit Milch, Eiern und Käse für die drei Jungen. Die Mutter verdient viel zu wenig, um die Miete bezahlen zu können und die Familie zu ernähren.

Die Betreuung der Kinder in dieser Zeit ist sehr schwierig, weshalb die Betreuerinnen sich sehr bemühen, ihnen ein gemütliches, ruhiges und lehrreiches Umfeld zu schaffen. Sie denken sich Beschäftigungen aus, die ihnen Freude machen, bei denen sie aber auch Abstand halten und sich nicht zu nahe kommen. Außerdem war sehr viel Geduld, Toleranz und persönliche Zuwendung nötig, um die Kinder an den ständigen Gebrauch der Mund-und Nasenmasken zu gewöhnen, an das Händewaschen, die Desinfektion der Schuhe und eventuell auch die Benutzung der Visiere. Das Abstandhalten ist für sie besonders schwer, weil sie sich immer gerne anfassen, umarmen und zusammen spielen möchten. Jetzt muss man sie für Aktivitäten oder ruhige Spiele trennen, weshalb wir alles so vorbereiten, dass sie die Regeln einhalten können.

Besondere Aktionen waren diesmal das Verzieren von Masken, das Basteln mit Klopapierrollen, das Malen mit den Händen und das Ausstechen von Figuren. Die Pandemie konnte uns auch nicht am Feiern der Geburtstage hindern und bescherte den Kindern ein paar glückliche Momente. Am Ende waren jedoch die Aktivitäten im Dezember am allerschönsten und spannendsten, die zum „lebendigen Adventskalender“ gehörten. Diesmal konnten wir uns nicht mit den anderen Gruppen des Vereins zusammentun. Wir hatten unsere eigenen Aktionen, so etwa eine Aufführung mit Handpuppen, Basteln, Singen, es wurden Süßigkeiten versteckt und gesucht, und die Kinder bekamen zu ihrer großen Freude einen gefüllten Nikolausstiefel.

Am Ende kam mit der letzten angezündeten Adventskerze Weihnachten, und es gab für alle ein ganz besonderes Mittagessen, das sie wieder sehr genossen.

Den Kleinen, die noch nicht wieder zu uns kommen dürfen, wurden die Zutaten zu einem Weihnachtsessen nach Hause gebracht, damit sie es mit der Familie genießen konnten. Bei aller Armut und der finanziellen und familiären Probleme vermittelt die KINDERHILFE weiterhin die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Aus all diesen Gründen sind wir unendlich dankbar für Ihre Liebe, Verständnis, Solidarität, um ein Quäntchen Hoffnung in so viele Familien zu säen und sie in diesem Jahr mit dem Corona Virus in so schweren Momenten nicht alleingelassen zu haben.

Sandra Yicel Medina Sanchez, mit Beiträgen von Soledad Perffety