Casita 2 in Popayán: Erster Quartalsbericht 2021

Die Corona-Krise hat in Kolumbien tausende von Menschen auf grausame Weise getroffen. Am schlimmsten die Allerschwächsten, die täglich ums Überleben kämpfen. Selbst große und mittlere Unternehmen haben diese Krise nicht überstehen können und sehen sich gezwungen zu schließen.

Auch für die Kinderhilfe ist es eine schwere Zeit gewesen, aber dank der konstanten Unterstützung konnten wir jeden Raum wieder neu beleben. Das Casita bemüht sich unsere Familien weiter zu betreuen, die in der täglichen Betreuung ihrer Kinder ein Hoffnungslicht sehen konnten. Dafür haben wir hier von der Ankunft der Kinder bis zum Tagesende die nötigen Hygienemaßnahmen getroffen. Die Eltern kommen meistens zu Fuß oder mit dem Fahrrad, um die Kinder zu bringen, voller Eifer trotz ihrer Erschöpfung, denn für sie haben sich auch die Arbeitsumstände und die der Familie sehr verändert. Für sie ist es ein Gefühl der Sicherheit, wenn sie ihre Kinder unseren Händen anvertrauen. Es ist eine große Entlastung, dass ihre Kinder das Casita besuchen, während sie arbeiten gehen. Sie haben viele Termine, Abgaben und eine Überlastung an Arbeit, was sicherlich, wenn es die Kinderhilfe nicht gäbe, zu einem Schulabbruch führen würde. Die Eltern müssten die Kinder sonst mit zur Arbeit nehmen oder, wo das nicht möglich ist, sie zuhause einschließen, bis sie wieder von der Arbeit zurückkämen.

Die Kinder kommen jeden Morgen mit ihren verschiedenen Schulaufgaben zu uns, die einige zu Hause erhalten haben, während andere sie in der Schule abholen müssen. In der Kinderhilfe drucken wir für 10 unserer Kinder monatlich die Arbeitsblätter aus, wobei jedes Paket aus 30 Blättern besteht, um die Aufgaben in den verschiedenen Fächern lösen zu können. Die Betreuerin muss dafür sorgen, dass sie das Material zur Verfügung haben und dass sie die Aufgaben erledigen. Im Augenblick betreuen wir hier im Haus 30 Kinder auf ganz individuelle Weise, obwohl sie alle im selben Raum sind, denn die Vorgabe ist, dass sie mindestens einen Meter Abstand voneinander haben. Daher müssen sich die Betreuerinnen der Schulkinder zu jedem einzelnen Kind setzen, um ihm das Material zu übergeben und die Aufgaben zu erklären. Wenn die Aufgabe erledigt ist, müssen sie diese kontrollieren, was alles viel mehr Zeit am Tag verlangt. Aber nur so können die Kinder das Schuljahr mit einer gewissen Grundlage beenden, denn andere Kinder, die nicht diese Möglichkeit des Casitas haben, werden zwar versetzt, haben aber nichts vom Lehrstoff verstanden und werden in Zukunft immer große Lücken haben. Die negativen Folgen nehmen zu, bis eines Tages wieder Normalität in den Schulen einkehrt. Dann ist es ziemlich sicher, dass sie in die frühere Klasse zurückgehen müssen, und Kinder, die nicht versetzt werden, müssen damit rechnen, von ihren Eltern misshandelt zu werden, die nicht verstehen können, warum sie das Jahr nicht geschafft haben. So haben unsere Kinder Glück, zur Kinderhilfe zu gehören, die nach einer Möglichkeit sucht, mit der Betreuung weitermachen zu können.

Deshalb musste es einige Veränderungen geben, wie die Erlaubnis, Handys und Computer zu benutzen. Das bedeutet zwar für die Eltern hohe Kosten, aber die müssen sie auf sich nehmen, damit ihre Kinder weiterhin Schulunterricht bekommen können. Sie müssen neue Schulden machen, weil die Schulen es so erwarten oder gar fordern. Um am virtuellen Unterricht teilnehmen zu können, bringen die Kinder jetzt Handys oder Tablets mit. Auch mussten wir zwei weitere Räume herrichten, wo die Kinder nach Alter und Bedürfnissen untergebracht werden. Die 9 Jugendlichen sind in einem separaten Raum und die anderen Kinder teilen sich den großen Raum und den, an dem sich die Frauen der Handarbeitsgruppe treffen. Andere Kinder werden weiterhin zuhause betreut und die Gruppenleiterin muss, wegen der besonderen Notlagen, die dort auftreten, mit 3 Familien in Verbindung bleiben. Diese Betreuung findet normalerweise außerhalb der Arbeitszeit statt, denn während der Arbeit ist das wegen der vielen Aufgaben, die zu erledigen sind, nicht möglich. Der Tagesablauf variiert, und die Betreuerinnen bemühen sich, allen Verpflichtungen nachzukommen. Deshalb helfen einige bei den Arbeitsplänen, andere achten auf den Unterricht und diejenigen, die etwas Freiraum haben, betreuen die Kinder beim Lesen oder Malen. Es wird auch Wert auf das Spielen gelegt, denn inmitten von so viel Anspannung, kann das den Stress abbauen. Natürlich müssen die Kinder dafür die Gesichtsmasken tragen und wenn sie zusammen spielen wollen, auch ein Visier, das noch etwas mehr Schutz bietet. Alle Verpflichtungen im Projekt gehen weiter und die Mitarbeiterinnen versuchen irgendwie die Berichte zu schreiben und soziale Notlagen der Familien zu betreuen. Auch die Vertretung der kranken oder abgemeldeten Betreuerinnen ist fähig und bereitwillig, ihre Hilfe anzubieten. Die Kinder haben sich an diese Art der Hilfe schon gewöhnt.

All das ist jetzt unser Alltag, aber es gibt Geschichten aufzugreifen von Kindern, die zwar noch nicht viele Jahre bei uns sind, wo unsere Arbeit aber noch viel wichtiger wird und bedeutet, ein Menschenleben zu retten, das eine Geschichte im Verein hat seit seiner Aufnahme im Casita. Ohne die Kinderhilfe könnte ein weiteres Leben enden, das eines Menschen ohne Anlass zum Träumen, umschlossen von Hunger und absolutem Elend, denn die häuslichen Probleme würden ihm ein trauriges Ende bereiten. Deshalb wollen wir von dem Jungen Mario berichten, dessen Name wir zu seinem Schutz geändert haben. Er ist 8 Jahre alt und musste von klein auf die Armut und Instabilität seiner Eltern erleben, die ihn verlassen haben. Von ihnen ist keiner weitergekommen, weil schon ihre Herkunftsfamilien von der Armut gezeichnet waren.

So hatte Marios Großmutter mütterlicherseits, die er nie kennenlernte, weil sie starb, als seine Mutter 2 Jahre alt, immer von der täglichen Suche nach Arbeit gelebt. Ihr Vater versuchte, mit der schwierigen Tätigkeit als Eisverkäufer mit einem Wagen, der von Hand geschoben wird, den Unterhalt zu verdienen, wie er es bis heute tut. Das Überleben ist für diese Familie alles andere als leicht, denn er muss von morgens bis abends, im Regen und bei strahlender Sonne, arbeiten, was immer Schäden bei seiner Gesundheit hervorruft. Inmitten seiner schwierigen Lage hat er sich bemüht, seine Kinder durchzubringen. Aber als Marios Mutter 10 Jahre alt war, wurde einer ihrer älteren Brüder umgebracht, und als sie 16 Jahre alt war, wurde ein anderer Bruder getötet, so dass nur noch sie, ihr Vater und ihr jüngerer Bruder übrig blieben. Dieser letztere arbeitet als Lastenträger( indem er Lieferungen von Kochbananen, Yuca, Ullucos und anderen Produkten, die vom Land in die Stadt kommen, ablädt) auf einem der Märkte der Stadt. Emotional völlig instabil und voller Frustrationen lernte Marios Mutter mit 19 Jahren John Jairo kennen, mit dem sie eine Beziehung hatte, die ein Jahr dauerte, bis sie schwanger wurde. Die Schwangerschaft musste sie allein durchstehen, weil der Vater ihres Sohnes kriminell wurde und einen Raub verübte. Da er noch minderjährig war, kam er ins Jugendgefängnis (Toribio Maya). So musste sie, inmitten ihrer Not, einsam und voller Angst sehen, wie sie ihren Sohn in den ersten Lebensjahren unterhalten konnte, in denen ersichtlich war, dass Mario weder gut ernährt wurde, noch dass es für ihn Beständigkeit gab. Er ist es und wird es immer sein, der die Folgen der Handlungen seiner Eltern erleiden muss. Immer wieder erlebte Mario die Abwesenheit seines Vaters, der mehrmals wegen Delikten wie Diebstahl, dem Tragen illegaler Stichwaffen oder Drogen, im Gefängnis war. Wenn er frei ist, hilft er finanziell nur sehr wenig und ist noch viel weniger ein gutes Beispiel für Mario. Währenddessen hat der Junge bei seiner Mutter überlebt, aber diese verfiel vor 2 Jahren völlig der Verzweiflung, denn ihre Arbeit, das Waschen von Wäsche in fremden Haushalten, war nicht fest und regelmäßig. Als sie die Kosten für den Schulbesuch des Jungen, wie Uniformen, Schulsachen, das Schulfrühstück nicht bezahlen konnte, sah sie keinen anderen Ausweg, als das Angebot einer Freundin anzunehmen, mit dieser Marihuana zu verkaufen. Sie war noch nicht lange dabei, als die Polizei sie schnappte und ins Frauengefängnis brachte als Strafe für das Verbrechen des Drogenhandels. Mario blieb dabei außen vor, und das Jugendamt schaltete sich ein. Normalerweise hätte der Großvater das Sorgerecht für ihn bekommen, weil er der nächste Verwandte ist, denn der Vater des Jungen ist zurzeit noch im Gefängnis. Aber in Anbetracht seines Alters und seiner Arbeit sollte er nicht das alleinige Sorgerecht bekommen. Die Angst der Familie war groß, dass man den Jungen an einen anderen Ort bringen könnte, wo sie ihn nicht mehr sehen könnten oder erst wieder in etlichen Jahren, so dass sie einen langen Prozess begannen, an dessen Ende erreicht wurde, dass die Taufpatin des Jungen das Sorgerecht für diesen beantragte. Das Jugendamt wollte dem aber nicht nachgeben, weil sie nicht mit ihm verwandt ist, sprach aber am Ende dem Großvater das Sorgerecht zu, mit der Auflage, dass er von der Taufpatin unterstützt würde. Diese bat sofort um einen Platz für Mario in der Kinderhilfe, der dann in unsere Hausaufgabenbetreuung kam und danach in die Sondergruppe aufgenommen wurde. Seine Bedürftigkeit war offensichtlich und sein Verhalten als Junge sehr auffällig, der aber trotz seiner Probleme bereit war, Ermahnungen anzunehmen. Mario lebt tageweise in der Hütte bei seinem Großvater, der 78 Jahre alt ist und ihm in keiner Weise bei den Hausaufgaben, seiner persönlichen Pflege helfen kann und der ihm auch keine Hilfe ist bei seinen täglichen Erfahrungen, der aber in seiner großen Liebe zu ihm, immer noch durch die Straßen zieht, um Kunden für sein Eis zu finden, damit er weiterhin die Kosten für den Haushalt und den Jungen aufbringen kann. So ist für Mario die Kinderhilfe die Chance, mit der Abwesenheit seiner Mutter zu überleben, die er bei einigen Besuchen im Gefängnis hat sehen können. Jetzt aber gibt es nur Videotelefonate wegen der Gefahren durch das Virus. Auch in der Pandemie hat die Kinderhilfe sie nicht alleingelassen. Weil der Großvater nicht mehr hinausgehen konnte zum Arbeiten, hätten sie normalerweise auch nichts mehr zu essen gehabt. Aber die Kinderhilfe hat sich um sie gekümmert mit einem monatlichen Lebensmittelvorrat zum Überleben. Die Begleitung seiner Patentante ist an den Wochenenden sehr wichtig und an einigen Stunden am Nachmittag, in der restlichen Zeit hat der Junge seine gesicherte Ernährung in der Kinderhilfe, wird er behütet, bekommt er Liebe und Hilfe bei den Aufgaben und kann altersgemäß spielen. So ist er kein Junge geworden, der auf den Straßen umherirrt, große Not leidet und vielleicht schon in die Welt der Drogen und Jugendbanden geraten ist, in der er lebt. Auch hat Mario im Casita seine Schüchternheit verloren und in der Schule aufholen können. Nach und nach hat der Junge lesen und schreiben gelernt und geht im Augenblick in die dritte Klasse. Er wirkt wie ein sehr fröhlicher Junge, verspielt, aktiv, ganz lieb und sanft, der in der Kinderhilfe alles bekommt, was er für seine körperliche und geistige Entwicklung braucht. Seine Mutter ist immer noch im Gefängnis. In einigen Monaten wird er vielleicht wieder mit ihr vereint sein. Aber wenn sie ihn dann sieht, ist es ein ganz anderer Mario, physisch und geistig, und so ist es für die Kinderhilfe ermutigend zu wissen, dass wir ein weiteres Mal jemanden inmitten der Armut haben erretten können.

Um auf die Arbeit in der Kinderhilfe zurückzukommen, so konnten auch die kleinen Kinder inzwischen wieder in die Kita zurückkehren. Ihre Angehörigen berichten, dass ihre Begeisterung einzigartig war, als sie erfuhren, dass sie ihre Kameraden und Betreuerinnen wieder treffen würden. Im Augenblick betreuen wir hier täglich 15 Kinder, da mehr nicht in den Raum passen.

Da aber einige nicht alle 5 Tage kommen, wechseln wir sie und können wieder 18 Kinder aus dieser Gruppe betreuen. Abgesehen davon wollen wir auch die Kinder erreichen, die noch zuhause sind, mit einem Paket von Beschäftigungen, das wir monatlich für sie vorbereiten, mit den entsprechenden Materialien, die sie an den Wochentagen brauchen. Sie sind sehr glücklich mit unseren Aktivitäten, und nach Feierabend kümmern wir uns um ihre wertvollen Fortschritte, wie auch um jede Notlage, die in der Familie auftaucht. Inzwischen beteiligen sich die anwesenden Kinder sehr aktiv und glücklich, wieder in der Kita sein zu dürfen, an allen Beschäftigungen, die wir jetzt auf andere Weise anbieten, indem wir an die Sicherheit der Kinder denken. Ihr Bedürfnis, anderen Kindern ganz nahe zu sein, wird angesichts des Virus zu einer Gefahr. Deshalb geben wir uns Mühe, sie zu schützen und ihnen die Gefahr bewusst zu machen. Jetzt, da sie sich schon etwas bereitwilliger die Mund- und Nasenmasken anlegen lassen, kennen sie die Routine des Desinfizierens, und wenn sie mit ihren Kameraden spielen, wissen sie, dass sie das Visier anlegen müssen, auch wenn sie es als sehr störend empfinden. Aber wir müssen darauf dringen, um sie zu schützen, und sie wechseln sich mit dem Tragen des eigenen Visiers ab, mit Ausnahme der Geschwister, die dann Distanz zu den anderen Kindern der Gruppe halten müssen.

Wir haben hier auch sehr kritische Situationen, wie die Unterernährung, die fatal für das Leben unserer Kleinen sein kann. Deshalb bemühen wir uns in den Gruppen täglich um ihre Ernährung und ihnen auf verschiedene Weisen zu helfen. Im Augenblick leiden 3 unserer Kinder daran, und unsere Unterstützung ist ihre einzige Chance, ihr Leben zu verändern und das von jedem der Kinder, die schon im Mutterleib nicht ausreichend ernährt werden konnten.

Auch die Frauen der Handarbeitsgruppe hatten ungeduldig darauf gewartet, wiederkommen zu dürfen, so dass wir auch für sie erneut die Türen des Casitas geöffnet haben am Freitag. Bei ihrer Ankunft desinfiziert jede von ihnen ihre Hände mit einem provisorischen Spender, den die Senora Carmen Lilian kreiert hat. Jede begibt sich an ihren bestimmten Tisch, und damit die meisten der Gruppe wieder teilnehmen können, wurde die Gruppe geteilt und wechselt sich ab. Die Frauen sind begeistert, wieder ihre Geschichten austauschen zu können, weiter neue Maschen und Stiche zu handarbeiten, die im Laufe der Tage aufgetaucht sind. Weil aber die ältesten von ihnen noch nicht wieder kommen, bleibt die Senora Carmen Lilian weiter in Kontakt mit ihnen, um zu wissen, wie es ihnen geht, wobei zwei von ihnen auch von zuhause aus handarbeiten.

Und so wiederholen wir einmal mehr unseren Dank an die Senora Ute und jeden einzelnen Spender, die es möglich machen, dass dieses Werk in jeder Hinsicht weitergehen kann, trotz einer Krise, die zweifellos das Geld knapper werden lässt, während die Kosten für die weitere Betreuung neue finanzielle Anstrengungen bedeuten.

Sandra Anasco