Dritter Quartalsbericht 2022 der Gruppen in Haus Ursula

Wieder einmal sind wir enttäuscht darüber, wie uns die Regierung in die Enge getrieben hat. Immer wieder hoffen die Kolumbianer, dass sich die Lage bessern wird. Alle vier Jahre glaubt man, dass die neue Regierung am Ende an das Volk denken wird. Aber Verzweiflung und Angst lassen Erleichterung in Kriminalität umschlagen. Trotzdem nehmen wir die vielen Angriffe und Verletzungen in unserem Leben einfach hin.

Wie ist es möglich, dass mitten in der Pandemie, inmitten der Kostenerhöhungen, der Arbeitslosigkeit und Armut, ein Minister Carasquilla die Lebenshaltungskosten der Familien noch weiter erhöhen wollte? Der Nationale Streik schaffte dann das, was die Politiker wollten: die Preise stiegen in den Himmel. Jetzt müssen wir wieder wegen des Versagens der vorherigen Regierung das zerschlagene Geschirr dieser desaströsen Finanzpolitik zusammenkehren. Ganz Kolumbien ist in Unruhe.

Es fing an mit der progressiven Erhöhung der Benzinpreise. In der Konsequenz stiegen schließlich alle Preise. Alles wird mit Benzin und Diesel transportiert und dadurch noch teurer. Angefangen wieder mit den Lebensmitteln, dann die Zulieferungen für die Industrie und die Steuern. Wir wissen einfach nicht mehr, welche Regierung in Wirklichkeit den Hunger bekämpfen wird. Es sieht so aus als ginge der Verstrickung von Politik und Korruption so weiter. Das wichtigste bleibt wohl wie immer die öffentlichen Schatzkammern zu füllen. Aber diese füllen sich nie, im Gegenteil. Die finanziellen Löcher werden immer größer, weil in Kolumbien bewaffnete Gruppen begünstigt werden oder Projekte, die nicht den Fortschritt im Auge haben, sondern dazu da sind, möglichst viel Geld einzunehmen. Aber keines davon ist richtig effizient oder wird je vollendet. Es passieren mehr Unfälle denn je auf den Straßen wegen der verpfuschten Bauausführung der Straßenarbeiten, durch Erdrutsche, Städte voller Löcher in den Straßen und einer extrem schlechten Versorgung im öffentlichen Bereich.

Es schmerzt uns, dass das Geld der Kolumbianer immer nur in die Hände weniger gerät. Es ist beschämend für uns, dass wir uns auf das Minimum beschränken sollen, indem wir uns krumm arbeiten, um etwas Essen nach Hause bringen zu können. Das Geld würde für alle reichen, wenn niemand es uns stiehlt. Stattdessen sind wir diejenigen, die die Taschen der Diebe füllen. Wenn das Geld schon nicht für das Essen reicht, ist es einfach sich vorzustellen wie es mit Miete, Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel und Schulbedarf aussieht. Alles ist jetzt fast unerreichbar. Paradoxerweise sieht man in Kolumbien immer mehr Baustellen für die Luxusresidenzen der Drogenhändler und anderen Kriminellen. Und dabei ist das schlimmste Übel der Konformismus der Kolumbianer, der Steuerzahler, der unter der Steuerlast Versklavten und unter dem Druck von Strafen dazu Gezwungenen. Leider kann man sich nicht auf das Gesetz berufen, weil man dann angegriffen wird. Denn wenn einer bei den Wahlen seine Stimme abgegeben hat, endet sein Recht auf Teilhabe. Er wird seiner Freiheit und der Redefreiheit beraubt. In dem Bemühen zu überleben, vergessen viele ihre eigenen Rechte. Denn, zahlt er Steuern, werden sie gestohlen, für Bestechungen, Spekulationen und andere verbrecherische Taten der ehrenwerten Leute im öffentlichen Dienst, die am Ende den Kuchen aufessen. Wir haben uns beschwert in dem Glauben, angehört zu werden. Wir haben die tollsten Versprechungen bekommen und neue Hoffnung geschöpft. Doch leider endet alles mit einem kalten Guss von Seiten des Präsidenten bis hin zum letzten kommunalen Vertreter. Die meisten begnügen sich anscheinend auch mit einem Fußball- oder Fahrradwettkampf, der Wahl einer Schönheitskönigin, einem Rockkonzert. Wir vergessen vollkommen unseren Ärger zusammen mit der Armut und dem Verstoß gegen alle verfassungsmäßigen Rechte. Hier in Kolumbien verlieren nie die staatlichen Funktionäre, nie diejenigen, die die Steuern einziehen, sondern die einfachen, ehrlichen Bürger und vor allem die Armen.

Trotzdem macht die KINDERHILFE weiterhin große Anstrengungen, um eine gute Ernährung in den Gruppen zu gewährleisten. Bei der Inflation, in die wir gerade geraten, können sich unsere Familien keine ausreichende Ernährung mehr leisten. Hatten wir uns vorher schon über den Preis für ein Ei beklagt, das für die Armen die einzige Proteinquelle war, so ist auch das jetzt in den Warenkorb der Reichen gewandert. Brot ist inzwischen unerschwinglich und an Obst, Gemüse, Fleisch und Milchprodukte ist oft nicht zu denken. Nur bei der KINDERHILFE gibt es noch die Nahrungsmittel, von denen sich unsere Familien weitgehend verabschieden mussten. Gott sei Dank besteht die KINDERHILFE weiterhin auf diese Ernährung. Die Babykrippe genießt dabei besondere Privilegien. Obst, inzwischen ein Luxusartikel, gibt es hier täglich zum Frühstück und hilft den Babys bei der Verdauung und der Stärkung der Abwehrkräfte. Wir kaufen nur Nahrungsmittel ohne Zusätze, organisch angebaut, womit wir zusätzlich unsere regionale Landwirtschaft unterstützten. Dadurch sind die Kosten zwar noch mehr gestiegen, aber der Verein hat, in seinem sozialen Bemühen um die einzelnen Familien, ihnen damit eine echte Verdienstmöglichkeit gegeben. Er bezahlt die Menschen gerecht, die sich abmühen, damit gesunde Nahrungsmittel auf unseren Tisch kommen. Dabei fördern wir weiterhin unseren „Trueque“ (bargeldloser Warentausch der Indigenen). Obwohl die Kosten für Gemüse sehr hoch sind, hat die KINDERHILFE Kartoffeln, Kohl, Salat und Zwiebeln bekommen und liefert dafür als Gegenleistung die Produkte unserer Bäckerei.

In der Babykrippe gibt es über eine Neuaufnahme zu berichten. Es ist eine Familie, die besonders unter der extrem schlechten Gesundheitsversorgung, der Arbeitslosigkeit, der Kriminalität und dem Fehlen einer menschenwürdigen Unterkunft leidet. Dabei fällt sie besonders durch ihre Ehrbarkeit und ihren Kampf ums Überleben auf. Für diese Familie bedeutet es eine besondere Erleichterung in der KINDERHILFE zu sein. Es handelt sich um die Familie des Jungen Andres. Sie leidet seit acht Jahren unter der Krankheit seiner Cousine, die als „Osteogenesis Imperfecta“ diagnostiziert wurde. Für dieses Kind gehört der Krankenhausaufenthalt zur Normalität sowie die ständigen Knochenbrüche. Ihre Knochen wachsen gebogen, und deshalb wird sie regelmäßig betäubt, um diese halbwegs zu begradigen. Das geht nur wenn die Krankenkasse es genehmigt. Der Kampf um eine Behandlung ist jetzt aber noch schwieriger geworden als vorher.

Die Mutter von Andres und ihre Schwester müssen sehr gut auf diese Kleine achten, denn bei der allerkleinsten falschen Bewegung könnten schwerste Behinderungen zurückbleiben. Bis zum letzten Jahr konnte sie eine der Schulen in Popayán besuchen. Aber inzwischen wurde mitgeteilt, dass sie diese, wegen Änderungen in den Bestimmungen, verlassen müsste, genauso wie bei den anderen Schulen. Deshalb könnten sie sie nur zuhause behalten oder auf eine private Schule schicken, die sehr teuer ist. Mit einer Klage gegen die Bezirksverwaltung konnte erreicht werden, dass das Kind wenigstens an drei Tagen in der Woche zur Schule gehen darf. An den beiden anderen Tagen muss es zuhause unterrichtet werden. Dadurch ist es im Lernstoff zurückgeblieben und seine Kontakte nach außen sind eingeschränkt. Auch leiden die Einkünfte der Familie darunter, weil jetzt zwei Kinder im Hause betreut werden müssen von einer Person, die nicht arbeiten gehen kann.

Die KINDERHILFE hat nun den kleinen Andres aufgenommen, der sehr ängstlich und schüchtern war. Ihm fehlte das Gleichgewichtsgefühl, besonders in seinem Kopf, der zu einer Seite neigte. Er konnte nicht sicher gehen und fiel ständig hin. All das lag daran, dass zuhause kein Platz war, wo er sich richtig hätte bewegen können. Auch sein Verhalten war auffällig, denn er weinte ständig und verhielt sich aggressiv den anderen Kindern gegenüber. Es war aber nur eine Frage von wenigen Monaten, bis man erste Veränderungen sehen konnte. Durch die gute Ernährung und die ständigen körperlichen Stimulierungen konnte er bald ohne Schwierigkeiten laufen, sich sogar mit den helfenden Patenkindern und Betreuerinnen anderer Gruppen verständigen. Er ist selbstständiger geworden und hat sein Verhalten den anderen Kindern gegenüber gebessert. Sein Lachen und Frohsinn zeigt, dass aus dem schüchternen Jungen ein Kind geworden ist, das seinen Aufenthalt in der Babykrippe genießt.

Derweil arbeitet die Mutter von Andres, die für ihre Kinder und die Nichte verantwortlich ist, illegal mit einem Motorrad, für das sie keine Steuern zahlt. Sie fährt zwischen Schule, Krankenhaus und Babykrippe hin und her und besorgt Nahrungsmittel. Mit ganz großen Mühen hat sie es geschafft, einen Ausbildungsplatz als Krankenpflegehelferin zu bekommen. All das hat sie mit Hilfe der KINDERHILFE erreicht. Denn mit dem kleinen Andres im Hause und den geringen Einkünften lebten sie vom absoluten Minimum. Die Frau wirkte völlig überlastet und verzweifelt, ganz anders als jetzt. Denn obwohl ihre Lage immer noch sehr schwierig ist, hat sich ihr Äußeres verjüngt und genau wie Andres sieht man sie jetzt lächeln. Ihre Kraft zum Arbeiten ist bewundernswert, denn sie hat sehr viele Verpflichtungen. Sie kann nicht den ganzen Tag durcharbeiten, da sich ihre Arbeitszeiten als Motorradtaxifahrerin nach den Unterrichtszeiten ihrer Kinder in der Schule richten. Deshalb fehlt Andres auch nie bei uns. Nicht einmal, wenn es sehr kalt ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Kinderhilfe schon ganz früh am Morgen ihre Türen öffnet bis zum späten Nachmittag.

Andres Mutter wurde durch die Krankheit ihrer Nichte motiviert, eine Ausbildung im Gesundheitsbereich zu machen, für deren Betreuung sie diese Kenntnisse benötigt. In der Hütte, in der sie wohnen, ist diese dauernd in Gefahr, und die Versorgung im Gesundheitsbereich ist überaus mangelhaft. Die Investitionen in das Gesundheitssystem sind so schlecht, dass das Krankenhaus selbst auch eher krank macht.

Es ist erfreulich zu sehen, wie die Familien inmitten von so viel Not sich trotzdem anstrengen. Schade, dass unser Land es nicht schafft, diese Mühen zu belohnen. Die KINDERHILFE hat Teil an diesen Veränderungen und hilft, diese Lasten leichter zu tragen. Sie ermöglicht fröhliche und dankbare Gesichter, eine schnelle Besserung der Gesundheit und eine gute Entwicklung der Kinder in Haus Ursula. Hier betreut gut ausgebildetes Personal die Kinder umfassend und mit viel Liebe. Durch eine gute Planung und Organisation schaffen wir es, die Gruppen emotional zu stabilisieren und zu den Eltern einen guten Kontakt zu unterhalten.

Wir sind Ihnen, den Paten von Haus Ursula und dem ganzen Verein, sehr dankbar, denn wir wissen, dass Sie es sind, die die hohen Kosten für den Unterhalt tragen. Ohne Sie gehörten unsere Kinder zu den vielen mit krankhaftem Übergewicht und den entsprechenden Risiken. Vielen Dank, denn Sie fördern die gute Ernährung, Betreuung und Liebe. Die Familien spüren dies inmitten ihrer harten Realität.

VIELEN DANK!

Yaneth Rocio Rivera Pantoja