Babykrippe in Haus Ursula in Popayán, 2. Quartalsbericht 2022

Der soziale Bereich in unserem Staat setzt große Hoffnungen auf den neu gewählten Präsidenten und die Umsetzung seiner Ideen und Wahlversprechen. Die kolumbianische Bevölkerung hofft, dass sie sich erfüllen und er sich in seiner Regierungszeit durchsetzen kann. Man darf aber nicht vergessen, dass für eine grundlegende Wende, sehr viele Veränderungen nötig sind, denn die Folgen der Fehlentscheidungen seiner Vorgänger sind schon fest etabliert. Es ist klar, dass es für einen einzigen Kandidaten schwer ist, das alles in kurzer Zeit zu korrigieren. Schon jetzt ist sichtbar, wie die Parteien sich annähern, damit keine politischen Posten frei bleiben und dabei Neutralität von der Regierung verlangen. Das Departement Cauca hatte schon viele korrupte Beamte loswerden wollen. Diese beginnen sich aber schon wieder strategisch zu positionieren, um sich als Freunde des gewählten Präsidenten anzubieten und dann Posten einzunehmen, in denen sie unser Departement weiter schwächen.

Leider lässt sich auch nicht behaupten, dass in Kolumbien bei den Wahlen alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Nicht immer wurde die Wahlfreiheit respektiert. Es ist bekannt, dass in unserem Departement Cauca die ländlichen Gegenden immer schon gezwungen wurden, für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen, der dann ein überragendes Ergebnis bekam. Außerdem wurde bei der Registrierung die Wählerstimmen manipuliert, wodurch sehr viele Politiker ungerechtfertigt an die Macht kamen. Hier soll es aber nicht gegen die aktuelle Präsidentenwahl gehen, sondern gezeigt werden, dass sogar in diesem Bereich in Kolumbien die Gewalt vorherrscht und das einfache Volk darunter leidet, keine freie Meinung äußern zu können. Es kann sich nicht frei in den Dörfern oder Landstraßen bewegen und noch viel weniger hat es das Recht, Veränderungen der Lebensumstände zu wünschen oder durchzuführen. Sogar hier gibt es Unterdrückung, denn leider sind die Politiker, die sich wirklich um die Gesellschaft gesorgt hatten, verschwunden, und ihre Nachfolger sind weiterhin in Drogenkriminalität und Gewalt verstrickt.

Niemand kann sagen, wie lange diese zwiespältige Situation für das kolumbianische Volk anhalten wird. Es fällt schwer, die Machtkonzentration oder die Drogenkriminalität zu ignorieren,

während das Volk weiterhin Kinder, Jugendliche und jene Erwachsene begräbt, die sich gegen Korruption wehrten und dies in der Hoffnung taten, die Schuldigen würden verfolgt werden und nicht sie selbst bei diesem Versuch sterben. Die kolumbianische Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, Terror zu säen und ihren Willen immer gewaltsam durchzusetzen. Mit Mord und Morddrohungen werden Menschen zum Schweigen gebracht. Jugendliche und Kinder gewöhnen sich an Frauenmorde und sexuelle Gewalt bereits in ihrem Elternhaus. Die Zahlen in den Statistiken hierzu steigen unaufhaltsam.

Es ist deutlich zu sehen, wie gewalttätig und aggressiv die Lage unter den Kolumbianern geworden ist. Es braucht nur eine kleine

Meinungsverschiedenheit, um Bedrohungen in Gang zu setzen und sie aus dem Hinterhalt auszuführen. Die Veränderung muss direkt in den Familien zuhause beginnen, wo es oft schon niemanden mit guten Prinzipien mehr gibt. Gutes Benehmen ist nicht mehr bekannt, und es gibt keine Sicherheit mehr an den Schulen oder in den Elternhäusern.

Daher ist die KINDERHILFE zu einem Lichtblick für die Familien geworden. Hier ist es an der Tagesordnung, dass wir die Kinder schluchzen hören, dass jemand aus der Familie Geld oder Sachen gestohlen habe, um Drogen kaufen zu können. Sie erzählen, dass eingebrochen wurde, um ihre Angehörigen anzugreifen, oder dass sie mit ihren Geschwistern vor der Haustür spielten, als gedungene Mörder kamen, um aus Rache einen Nachbarn oder Angehörigen zu erschießen, die in ihrem eigenen Viertel bewacht werden mussten, in dem man sich nicht frei bewegen kann. Ganz anders in der KINDERHILFE, wo man diese Erlebnisse durch ein gesundes, freies und angenehmes Umfeld eintauschen kann. Hier können Mütter im Verein aufatmen, da sie auf die Betreuung der Kleinen vertrauen können. Nicht alle folgen den Spuren ihrer Angehörigen, die durch eine gewalttätige Kindheit gezeichnet sind. Manche kämpfen ganz allein, um die Zeit zu nutzen, auch wenn sie das Gewicht der Armut mit sich herumschleppen, die es ihnen unmöglich macht, sich aus dem Umfeld zu entfernen, in dem sie aufgewachsen sind.

Dieser Bericht trifft auf fast alle Familien der KINDERHILFE zu, deren Kindheit von Gewalt und Hunger geprägt wurde. Aber wir werden uns hier auf Doña Maria beschränken. Sie ist eine Frau, die schwerst gezeichnet ist durch seelische Vernachlässigung, durch eine Kindheit, in der sie sich ständig an wechselnde Wohnorte gewöhnen musste, wo ihre Mutter sie „verschenken“ wollte. Immer wieder wurde sie dort zurückgegeben weil sie nur weinte. Schließlich blieb sie am Ende dort, wo ihre Mutter endgültig verschwand und ihr nichts anderes übrig blieb, als sich zu fügen. Sie konnte kaum einen Stift halten, wurde aber gezwungen, Besen und Feudel zu handhaben. Sie musste die Wäsche waschen und alles tun, was die Hausherrn und ihre Kinder ihr befahlen. Sie hatte weder Kindheit, noch Zuwendung und weiß von keinen fröhlichen Momenten zu berichten. Wenn man sie nach ihrer Kindheit fragt, wird sie wütend und zieht sich zurück.

Wenn wir die Kindheitserlebnisse von Doña Maria im Einzelnen beschreiben würden, könnte man es nicht ertragen, von so viel Leid zu lesen, denn sie wurde schon ganz früh sexuell missbraucht. Sie musste sogar einen ihrer Vergewaltiger bis zu seinem Tod pflegen. Als sie alt genug war, wurde sie in die Stadt geschickt, ohne zu wissen, was gut oder böse war. Sie stand vor dem Nichts und begann unter großen Schwierigkeiten zu arbeiten. Sie entschied sich für den Straßenverkauf, denn die Arbeit als Hausmädchen hatte ihr ein Trauma hinterlassen.
Durch die Vernachlässigung in ihrer Kindheit, weiß sie bis heute nicht, ob sie Liebe empfinden kann oder nicht. Durch Zufälle lernte sie ihre Geschwister kennen, alle mit ähnlichen Geschichten, zum Teil sogar noch schlimmeren. Immer wenn sie sich treffen und reden, wissen sie nicht, wem von ihnen es am schlechtesten ergangen ist. Einer ihrer Brüder hat sich vollkommen von der Familie abgesetzt, weil er einen seiner Brüder umgebracht hat, als er erfuhr, dass seine Mutter mit ihm mehr Jahre verbracht hatte, als mit dem Rest ihrer Kinder.

Gerade hat Doña Maria telefonisch eine neue Schwester kennengelernt, die ihr ihre Geschichte erzählt hat. Von ihr erfuhr sie, dass diese in Bogota auf der Straße gelebt hatte und ganz jung drogenabhängig wurde. Auch sie wurde sexuell missbraucht und hatte sich völlig aufgegeben an diesem fürchterlichen Ort, wo Menschen zerstückelt werden, um sie verschwinden zu lassen. Wo sie sich verkaufte, um an Drogen zu gelangen. Es war ein Ort des Verbrechens, der Morde, Drogen, Prostitution und Verbrechen an der Menschlichkeit. Laut Doña Maria, ist das, was ihre Schwester erlebt hat einfach unbeschreiblich. Es gelang ihr, von dort fortzukommen. Sie lebt jetzt im Nordosten Kolumbiens, in Cartagena. Dorthin hat sie sie eingeladen, damit sie sich kennenlernen, denn sie will nicht nach Popayán kommen, weil sie weiß, dass dort ihre Mutter lebt, der sie nicht begegnen möchte. Sie hat sie damals in dieser Stadt ausgesetzt und verlassen.

Es ist bekannt, dass Menschen mit einer so traumatischen Kindheit und die dann als Erwachsene noch erfahren, dass alle Geschwister dasselbe erfahren haben, seelische Schäden davontragen, dass als Folge davon sogar die nächste oder übernächste Generation auf die schiefe Bahn gerät. So haben die Neffen von Doña Maria schon Schwierigkeiten mit den Behörden, Drogenprobleme und Rache zu befürchten. Auch Doña Marias ältester Sohn hat begonnen, Boxer (Klebstoff) zu inhalieren, hat Verhaltensauffälligkeiten und verliert sich tagelang. Nur, wer erbarmt sich dieser so von aller Welt verlassenen Menschen? In unserer Gesellschaft kann man kaum Verständnis für Menschen erwarten, die mit so wenig Zuwendung und Gefühl aufwachsen mussten.

Doña Maria redet nicht darüber. Ihr fehlt das Vertrauen, ihre Gefühle zu zeigen, und sie ist daran gewöhnt, alles hinzunehmen, was ihr geschieht. Nur in der KINDERHILFE hat sie sich aussprechen können und einige Tränen vergießen können von den vielen, die sie unterdrückt hatte. Nur im Verein kennen wir ihre Geschichte und ihre empfindsamere Seite. Allein an diesem Ort hat sie die nötige Hilfe und Anleitung finden können, grade als sie dabei war, eine Abtreibung vorzunehmen. Es war ihr gleichgültig, dass dabei ihr Leben in Gefahr war, und ihrer anderen Kinder ebenfalls. Sie wollte nur allem ein Ende machen, was für sie Probleme bedeutete. In der KINDERHILFE fand sie in der Babykrippe schließlich Unterstützung, damit sie eine ruhigere Schwangerschaft haben konnte.

Dieser Fall zeigt ganz deutlich die Wirkung, die der Verein auf die Familien hat. Denn wenn es auch ganz sicher unmöglich ist, das erfahrene Leid in ihrem Leben auszulöschen, so ist doch spürbar, dass diese Mutter hier einen Ort gefunden hat, wo sie geschützt wurde, wohin sie sich vertrauensvoll wenden konnte. Sogar mit ihrer jüngsten Tochter, dem Baby, wirkte sie sehr ängstlich und bedrückt, denn sie war daran gewöhnt, Gefühle in ihrem Leben nicht zuzulassen. Aber in der Babykrippe begannen wir, mit ihr daran zu arbeiten und ihr zu zeigen, dass ihr Leben und ihre Gefühle wertvoll und wichtig sind, dass sie Liebe und Ärger zeigen kann, zärtlich sein, usw. Bei ihrer anderen Tochter, die schon ein Schulkind war und sich nicht konzentrieren konnte, weiß Doña Maria nicht einmal, wie sie ihr bei einer Aufgabe helfen soll. In der KINDERHILFE konnten wir ihr mit ganz viel Geduld helfen und sie jetzt auch sonnabends zur Nachhilfe schicken. Inzwischen hat sie keine Probleme mehr in der Schule. Die beiden Schwestern kommen inzwischen mit viel Freude in die KINDERHILFE.

Das Leben von Doña Maria ist alles andere als perfekt. So fällt es ihr schwer ihre Kinder richtig zu erziehen. Sie weiß, dass sich ihre Kinder anderswo mal schlecht benehmen. Aber anders, als in ihrer Kindheit, können ihre Töchter sich frei ausdrücken. Sie selbst wurde im gleichen Alter nur missbraucht und musste dabei auch noch schwer arbeiten. In der KINDERHILFE können diese Mädchen jedoch Ermahnungen und Hinweise annehmen, und sie zeigen dafür den Betreuerinnen trotzdem gerne ihre Zuneigung. Abgesehen davon haben sie hier ein Umfeld aus Lebensfreude, Bildung und Schutz. Während der Pandemie, sogar in den Ferien, gab es für die Doña Marias Töchter keinen sichereren und besseren Ort als die KINDERHILFE, denn wahrscheinlich hätten sie sonst den tragischen Lebensweg ihrer Mutter wiederholt.

Inzwischen arbeitet Doña Maria als ambulante Verkäuferin hauptsächlich im Umfeld von Schulen. In den Ferien muss sie es in Parks versuchen und riskiert es auch, in gefährliche Gegenden zu gehen. Aber grade deshalb kann sie dort gut verkaufen. Um sie herum gibt es niemanden, der sie trösten könnte; aber sie ist ein Vorbild darin, dass sie ihre Kinder nicht verlassen hat, dass sie nicht den Weg des Lasters und der Kriminalität gewählt hat, sondern eine fleißig arbeitende Frau wurde. Und aus dem Nichts schafft sie es, die wenige Zuneigung aufzubringen, die sie ihren Kindern zukommen lässt.

All das ist möglich, dank der KINDERHILFE, die Tag für Tag positiv unsere Familien beeinflussen kann, die den Samen der Hoffnung säen kann, der sich in den Kindern festsetzt und die traumatischen Folgen einer schrecklichen Kindheit leichter macht.

Vielen Dank liebe Paten von Haus Ursula, die SIE mit Ihren Beiträgen solche Ergebnisse erst möglich machen. Dadurch konnten wir eine bessere Kindheit für diese Kinder schaffen. Ihre Mutter ist beruhigt und kann abgesehen von der Unterstützung die Woche über, auch die Lebensmittel für das Wochenende mit nach Hause nehmen. Ihre Töchter haben Nachhilfeunterricht bekommen und als sie in die Schule kamen, konnten wir sie mit Uniformen und Schulmaterial ausstatten.

Den Dank findet man schließlich in den strahlenden Kindergesichtern.

Yaneth Rocio Rivera Pantoja