Casita 2 in Popayán, drittes Quartal 2022

Bei der KINDERHILFE können Kinder wieder lachen, träumen und stark werden. Jeden Morgen öffnen sich die Türen der Häuser der KINDERHILFE, um vielen Kindern und Jugendlichen eine andere Welt zu zeigen. Ihr Horizont erweitert sich und sie entwickeln neue Lebensziele. Oft steht am Anfang nur die Bitte um einen Platz und der dann folgende Hausbesuch, bei dem wir die verschiedensten Vorgeschichten erfahren. Immer wieder finden sich dabei eine oder mehrere Notlagen. Die KINDERHILFE wird so für jene, die sonst nie Unterstützung erfahren würden und keine Hoffnung mehr hatten zur Chance ihres Lebens.

Viele unserer Kinder schaffen es inzwischen, von Anfang bis Ende an allen Gruppen teilzunehmen, und es ist erfreulich zu sehen, wie ihr Aufenthalt ihr Leben und das ihrer Familien verändert – trotz des schwierigen Umfeldes aus dem sie kommen. Um irgendwie an Geld zu gelangen werden leider immer wieder Grenzen überschritten. Selbst Freunde fordern dazu auf, von zuhause fortzugehen, die Regeln zu brechen und die Schule zu verlassen. Es ist schwer dem zu widerstehen und viele geraten deshalb auf die schiefe Bahn.

Deshalb betrachten wir jeden Jugendlichen, der immer noch bei uns ist, als Erfolg. Hinter ihnen stehen oft die Träume ihrer Mütter. Sie möchten, dass ihre Kinder ein anderes Leben führen können, als sie es führen müssen, sei es, weil sie einmal im Leben die falsche Entscheidung getroffen haben, oder weil sie niemanden hatten, der sie dazu anregte, dem schlechten Leben zu entkommen.

Inzwischen sehen viele Mütter das Leben ihrer Kinder mit anderen Augen. Sie selbst haben schlimme Erfahrungen gemacht. Ihr jahrelanges Leiden hat sie aufwachen lassen. Sie wissen jetzt, dass ihre Kinder etwas anderes verdienen. Bei der KINDERHILFE finden sie die notwendige Unterstützung, um ihr Leben zu ändern, denn in ihren Kindern sehen sie Hoffnung.

Um die Arbeit der KINDERHILFE deutlicher zu machen, möchten wir nun die Geschichte einer Jugendlichen und ihrer Familie erzählen :

Sie kam im Alter von 3 Jahren in die Kita des Casitas und später als Schulkind in die Gruppe HOFFNUNG FÜR KINDER, wo sie bis bleiben konnte, da sie von Paten unterstützt wird. Inzwischen ist sie 17 Jahre alt. Als sie aufgenommen wurde, lebte sie zusammen mit ihren Eltern und 4 Geschwistern in einem „Lager“, in dem der ungehemmte Konsum und Handel mit Drogen als normal galt. Beim Betreten ihres Viertels sah man an jeder Ecke Jugendliche, Erwachsene und sogar Kinder, die unter Drogen standen, verloren in einer ausweglosen Welt. Die Familie lebte mitten in den Bandenkämpfen zwischen den eigenen Verwandten, denn die Hütte, in der sie wohnten, lag direkt neben denen der anderen. Die Not in dieser Familie war offensichtlich, denn es galt viele Kinder zu ernähren. Es gab kaum das Nötigste. Sie mussten sich mit dem wenigen abfinden, was die Eltern durch ihre Arbeit besorgen konnten. An manchen Tagen gingen sie mit nur 2 kargen Mahlzeiten am Tag schlafen, da es für mehr nicht reichte. Die Eltern versuchten, den täglichen Unterhalt durch den Straßenverkauf von selbst geerntetem Obst zu verdienen. Dazu nutzten sie einen einfachen Holzkarren, trotz des Gewichtes der Waren, die sie auf den Straßen anboten. Manchmal hatten sie gutes Wetter; andere Male mussten sie die stechende Sonne oder den heftigen Regen zusammen mit ihren Kindern aushalten. Damit diese sie begleiten konnten saßen sie oft inmitten des Obstes, da niemand sonst auf sie aufpassen konnte. Nach unserem ersten Hausbesuch beschlossen wir, ihre Tochter und dann auch einen Bruder aufzunehmen.

Unsere Jugendliche, nennen wir sie Valeri, musste schon als kleines Kind den ganzen Tag ihre Eltern beim Straßenverkauf begleiten. Genau wie ihre größeren Geschwister, die neben dem Karren herliefen. Als die beiden Kinder begannen, ins Casita zu gehen, war das für die Eltern eine große Erleichterung, denn sie konnten jetzt schon früher aufbrechen, um zu arbeiten und so mehr Geld verdienen. Sie waren dadurch eher in der Lage Schulsachen für die älteren Geschwister zu kaufen, gesundheitliche Probleme anzugehen und etwas für Tage ohne Einnahmen zurücklegen. Kleidung wurde allerdings weiterhin nur am Jahresende gekauft. Deshalb bekamen die Kinder von uns das Jahr über und im besonders im Dezember Kleidung und Schuhe, die sie vor der Witterung schützten sollten.

Zur schlechten finanziellen Lage dieser Familie kam das steigende Alkoholproblem des Vaters hinzu. Schon seine eigene Mutter hatte immer getrunken, so war es von daher schon ein Familienproblem. Valeri musste schon als ganz kleines Kind in Angst vor dem betrunkenen Vater leben, der oft sehr wütend wurde und die Mutter misshandelte. Die Exzesse wurden immer häufiger, und es gab Tage, an denen das Mädchen und seine Geschwister ebenfalls misshandelt wurden.

Valeri bekam im Casita von Anfang an regelmäßige Mahlzeiten, wurde betreut und beschützt. Bei den Erzieherinnen fand sie immer ein offenes Ohr und Beistand in den schweren Momenten, von denen sie freimütig berichtete. Es tat ihr gut, von den Erlebnissen zuhause zu erzählen, es erleichterte sie sogar. Sie berichtete uns vom harten Arbeitsleben ihrer Mutter, und wie sie versuchte sie an bestimmten Tagen beim Blumenverkauf zu unterstützen. Sie standen an einer Ampel neben dem Karren der Mutter, von dem diese das Obst verkaufte und warteten darauf, dass Autos anhielten, um den Fahrern die Blumen anzubieten. Nicht immer wurden sie gekauft, und am nächsten Tag musste sie es dann erneut versuchen und mit dem wenigen nach Hause gehen, das sie eingenommen hatte. Davon konnten sie nur das Allerbilligste kaufen, wie Innereien von Hühnern, Nudeln und Bohnen. Für mehr reichte das Geld nicht. Während sie heranwuchs, wurde ihr diese schwierige Lage bewusst, und deshalb empfing sie mit Freude das, was man ihr am Tag anbot.

Die familiären Probleme nahmen nicht ab. Aber durch die KINDERHILFE, konnte sie sich bei den Hausaufgaben ablenken und danach mit ihren Freunden am liebsten auf dem Spielplatz spielen. Sie setzte Puzzle zusammen, spielte Verstecken und Fangen und setzte sich zum Reden mit Gleichaltrigen auf die Wiese. Die positive Atmosphäre im Casita förderte ihre gute Entwicklung. Hier war es ihr möglich, Abstand zu den Problemen in der Familie und dem schlimmen Umfeld zu bekommen. Von Anfang an zeigte sich Valeri besonders nett, liebevoll und verantwortungsbewusst in ihren Tätigkeiten und schulischen Aufgaben. Tag für Tag lernte sie neue Werte, mit denen ihre Persönlichkeit gestärkt wurde. Während sie in der Gruppe HOFFNUNG aufwuchs, konnte sie erleben, wie andere Kinder, genau wie sie, von klein auf von uns Hilfe bekamen. Sie entwickelte großes Interesse daran ihnen zu helfen. Als sie dann alt genug war, half sie, nachdem sie mit den Hausaufgaben fertig war, begeistert den Betreuerinnen beim Ankleiden und Frisieren der Kleinen.

Gleichzeitig erlebte Valeri zuhause wie die Eltern über das Geld stritten, wie sie sich etliche Male trennten. Dadurch wurden auch die Geschwister mehrere Male getrennt, denn einer von ihnen ging mit dem Vater. Das hatte böse Folgen, denn sein Vater konnte sich nicht um ihn kümmern, und der Bruder verlor die Orientierung im Leben und in der Schule. Für die Mutter bedeutete das noch mehr Anstrengung, um die Kosten für Haushalt und Geschäft aufzubringen. Sie verkaufte jetzt Guanabana-Frucht-Eis auf der Straße. Dieses Obst musste sie sich jedoch erst auf Kredit besorgen und mit dem Erlös vom Verkauf bezahlen.

Später, als Valeri schon in der Oberstufe war, begann sie, den kleineren Kindern ihrer Gruppe bei den Hausaufgaben zu helfen. Wir konnten zuverlässig mit ihrer Unterstützung rechnen. Jetzt, wo sie die Sekundarstufe beendet, hat sie allerdings neue Verpflichtungen. Aber an den Tagen, an denen sie ins Casita kommen kann, macht sie konzentriert ihre Aufgaben. Sie hatte Schwierigkeiten in einem Fach, wobei wir versuchten, ihr zu helfen.

Valeri hat inzwischen die häuslichen Probleme überstanden. Ihre Mutter hat ihr gezeigt, dass man inmitten von alldem doch weiterkämpfen kann, dass man sich nicht unterkriegen lassen darf und dass ihre Mühen inzwischen ein wenig belohnt werden. Im Augenblick hat sie ein friedliches Zuhause und wohnt in einem anderen weniger gefährlichen Viertel. Obwohl sie viele Jahre unter den Auswirkungen des Alkoholismus ihres Vaters leben musste, ist sie jetzt eine zielstrebige Jugendliche. Sie weiß heute wie schwer der Weg für ihre Mutter war bis sie eine etwas gesichertere Arbeit gefunden hattet. Anstatt auszugehen, treibt sie in ihrer Freizeit Sport und spielt Volleyball. In Kürze beendet sie die Schule und möchte dann eine Ausbildung machen. Sie hat nun eine Vision von ihrem zukünftigen Leben, dank der langen Zeit, die sie in der KINDERHILFE verbracht und in der sie gelernt hat, an sich und ihre Fähigkeiten zu glauben.

Da sie schon ein wenig in den Gruppen helfen konnte, kann sie sich vorstellen etwas zu erlernen, mit dem sie anderen helfen könnte. Die Arbeit mit kleinen Kindern gefällt ihr und sie möchte eventuell eine Ausbildung in diesem Bereich machen.

Die Geschichte von Valeri zeigt, wie sehr die KINDERHILFE sich einsetzt, um die Familien in ihren Problemen zu begleiten. Wir können zwar nicht sagen, dass alle bis zum Ende bei uns bleiben, viele jedoch schaffen das und haben am Ende genaue Vorstellungen von ihrem Leben. Selbst Jugendliche, die vorzeitig ausgeschieden sind, erinnern sich mit Dankbarkeit an das Casita und seine Betreuerinnen. Sie erzählen uns, dass auch sie, dank der KINDERHILFE, anders denken, dass sie sich anders verhalten als die anderen Jugendlichen ihres Viertels, dass sie unsere Werte und Ratschläge weiterhin im Kopf haben, dass sie, auch wenn sie nicht mehr bei uns sind, doch versuchen irgendwie zu arbeiten oder eine Ausbildung zu machen, die ihnen ermöglichen soll, auf ehrliche Weise das Geld für ihren Unterhalt zu verdienen.

In diesem Quartal konnten wir erleben, wie für etliche Jugendliche ein neuer Lebensabschnitt begann. Sie sehen jetzt, dass ihr jahrelanger Fleiß es ihnen heute ermöglicht weiterzukommen und sich damit eine bessere Zukunft aufzubauen. Das können wir z.B. an unserer neuen Mitarbeiterin Luisa Luna erleben. Sie hat begonnen in der Gruppe Hoffnung mitzuarbeiten. Als Patenkind hat sie das Studium mit dem Diplom einer Grundschullehrerin beendet, hilft jetzt vor allem bei den Schulkindern und an einem Tag der Woche auch in der Kita für Kleinkinder.

Luisa ist noch sehr jung und wendet mit viel Enthusiasmus all ihre Kenntnisse bei der Arbeit in den Gruppen an. Sie hilft den Kindern vor allem bei den Hausarbeiten. Ihr liebes Wesen bewirkt, dass die Kinder bei ihr ständig Zuwendung und Hilfe suchen, dabei lernt sie ihre Schüchternheit zu überwinden und eine Gruppe von Kindern zu leiten.

Zu ihrer Arbeit bei uns gehört auch der emotionale Aspekt. Die Kinder brauchen jemanden, der ihnen zuhört und der sie umarmt, damit sie ein wenig Abstand von ihrem bedrückenden Leben in den Hütten bekommen. Die Kinder bekommen neben den erholsamen Tätigkeiten, den Hausaufgaben und Spielen in allen Gruppen die nötige Zuwendung, um sich zu entfalten.

Jede einzelne Lebensetappe ist wichtig, und deshalb müssen wir auch unbedingt noch die Neuerungen in der Handarbeitsgruppe erwähnen. Seit der Unterbrechung durch Corona haben einige Frauen nun wieder damit angefangen und es jetzt wieder zu einer ansehnlichen Gruppe gebracht. Zurzeit häkeln sie mit viel Geschicklichkeit und Konzentration Taschen. Diese gemeinsamen Treffen stärkten besonders die Solidarität, die Hilfsbereitschaft und das Miteinander unter ihnen. Die langwierige Arbeit an dieser Tasche hat sich gelohnt und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Am Ende möchten wir unseren Dank an die Señora Ute und an jeden der Spender wiederholen, die eine Veränderung im Leben so vieler Kinder möglich machen. Vielen Dank an SIE, die Sie unserer Arbeit vertrauen, denn dadurch können wir jeden in den Gruppen erreichen und in den einzelnen Etappen helfen. Ohne SIE wäre das nicht möglich.

Sandra Anasco