Die Situation in Kolumbien

Jesteburg, Januar 2022

Liebe Paten, Mitglieder und Freunde der Kinderhilfe für Kolumbien,

nach einem schwierigen Jahr für die Kinderhilfe und ihre Familien in Kolumbien, hat erneut ein Jahr mit düsteren Aussichten für alle begonnen, in dessen ersten Tagen es im Süden Kolumbiens schon drei Massaker gegeben hat. Die politischen Morde an Menschenrechtlern und indigenen Führern gehen unvermindert weiter, genau wie die Proteste gegen die Regierung und die Korruption, gegen die die Polizei immer härter und gewaltsamer vorgeht. Auf dem Weg in die USA ziehen massenweise Flüchtlinge aus Haiti und Venezuela durch die Städte und den Urwald, ohne dass sie Hilfe und Beistand erwarten könnten, und die Gewaltspirale zwischen Guerilla, Militär und Paramilitär dreht sich immer weiter, wobei die Indigenen Völker inmitten der Kämpfe überleben müssen.

Offiziell liegt die Arbeitslosenrate in Kolumbien bei 19,8 %, bei Frauen allerdings bei 27,9 % . Aber ein Großteil der Menschen lebt von der täglichen Suche nach einer Arbeit auf dem informellen Arbeitsmarkt. Auch in Kolumbien bestimmt Corona inzwischen den Staatshaushalt, und Omikron sorgt auch dort mit 95 % der Infizierten für noch größere Probleme.

Nicht erst seit diesem Monat ist nach und nach alles erheblich teurer geworden, Transport, Gesundheit, Miete, Bildung, und die Nahrungsmittelinflation liegt inzwischen bei 17, 2 % (offizielle Angaben). Um das ein wenig aufzufangen, beträgt die staatlich angeordnete Steigerung des Mindestlohns in diesem Jahr 10, 07 %, von denen der Staat über die Hälfte wieder an dringend benötigten Steuern einnimmt.

All das trifft die Familien der Kinderhilfe ganz besonders hart, die mit immer mehr Konkurrenz auf dem informellen Arbeitsmarkt zu kämpfen haben. Baustellen liegen still, das Transportwesen leidet unter den Corona-Auflagen, etwas besser gestellte Familien können sich kein Personal zum Putzen oder im Haushalt mehr leisten, und die ambulanten Verkäufer von selbstzubereiteten Speisen bekommen keine Zutaten mehr, weil diese selbst für die Zwischenhändler zu teuer sind.

In Popayan waren etliche Mitarbeiterinnen des Vereins zum Teil sehr schwer an Corona erkrankt und mußten sogar beatmet werden. Immer noch leiden mehrere stark unter den Nachwirkungen und sind kaum imstande, sich allein zu versorgen, geschweige denn, ihrer anstrengenden Arbeit mit den Kindern nachzugehen. Aber da alle sich gegenseitig unterstützen, vertreten und auch größere Patenkinder tatkräftig mithelfen, können Kinder der festen Gruppen durchgehend betreut werden, unter Anwendung extrem anspruchsvoller Hygieneregeln. Dazu gehört das Tragen von Masken auch für die kleinsten Kinder und regelmäßiges Händewaschen und Desinfizieren, was ein erheblicher Mehraufwand für die Betreuerinnen bedeutet. Wegen des erforderlichen Abstands von 1,50m in den Räumen können leider immer noch nicht alle Kinder aus den Gruppen täglich im Verein betreut werden, weil der Platz einfach nicht ausreicht. Aber sie bekommen die dringend benötigten Nahrungsmittel, Material zur sinnvollen Beschäftigung und auch Anleitungen für die Schule nach Hause geliefert. Damit jedes Kind im Verein einen einzelnen Platz zum Essen, Spielen oder Basteln hat, haben geschickte Väter aus dem Holz, das von den Bau- und Renovierungsarbeiten übriggeblieben war, kleine Arbeitstische angefertigt.

Diese Tische werden auch dringend gebraucht für die schulischen Aufgaben, denn bis September hatten alle Kinder nur virtuellen Unterricht, dem sie zum größten Teil an alten Handys folgen mußten, die sie sich oft mit mehreren Geschwistern teilten. Als im September schrittweise und umschichtig der Präsenzunterricht eingeführt wurde, hatten die meisten Kinder so große Lücken, daß viele das Schuljahr nicht schafften, auch weil sie zuhause gar keine Hilfe bekommen konnten.

In SAN JOSE DEL GUAYABAL konnten wir im vergangenen Jahr die Unterstützung im gewohnten Umfang fortführen, dank einiger besonders großzügiger Spender. Da wegen Corona die Drachenversteigerung auf Fanö schon zum zweiten Mal nicht stattfinden konnte, waren wir in großer Sorge um dieses Projekt des Vereins, das bis dahin fast ausschließlich von den Drachenfliegern finanziert wurde. Durch einige Sonderspenden konnten wir aber auch dort die Familien mit den dringend benötigten Lebensmitteln, Gas, Zutaten für die Schulkantine und didaktischem Material für die Schule beliefern und auch den Lehrer der Kinderhilfe weiterhin bezahlen. Dieser kümmert sich, zusammen mit den beiden Lehrerinnen der Grundschule, auch um die Jugendlichen der weiterführenden Schule und die Familien. Da die Indigenen Gemeinschaften sich streng von anderen Bevölkerungsgruppen isoliert hatten, gab es hier bis jetzt auch keinen Fall von Corona, und der Schulbetrieb konnte im vergangenen Jahr normal weiterlaufen. Dadurch bekamen alle Kinder ihr regelmäßiges ausreichendes Essen, das sie in den Elternhäusern nicht erwarten können. Weil diese Besonderheiten unserer Schule sich immer mehr herumsprechen, ziehen, angesichts der immer größer werdenden Not im Lande, viele Familien hierher zurück, die anderswo versucht hatten, ein besseres Leben zu finden, und auch ihre Kinder bekommen vom Verein Nahrung und Hilfe, wie es sie anderswo nicht gibt.

Im vergangenen Schuljahr haben hier zwei Mädchen das kolumbianische Abitur schaffen können, eines als Waisenkind mit besonderer Unterstützung durch die Kinderhilfe, und die andere kommt aus einer bitterarmen kinderreichen Familie. Beide sind hochmotiviert, eine weitere Ausbildung machen zu wollen, was nur in der Stadt möglich wäre und mit Hilfe aus Deutschland.

Insgesamt haben im vorigen Jahr in Pasto, Popayan und San Jose del Guayabal sechs junge Menschen erfolgreich die Sekundarstufe beenden können, die ohne den Verein nicht einmal davon hätten träumen können, und dies unter widrigsten Umständen, die durch Corona noch verschlimmert wurden. Drei weitere haben eine Ausbildung/Studium als Patenkinder abgeschlossen, die sie sich durch ihre Mitarbeit im Verein verdienen mußten. Und Hilfe bei der Kinderbetreuung wird dringend gebraucht, da immer mehr kleine Kinder aufgenommen werden. Wir alle sind froh und dankbar, daß wir inzwischen auch etliche Paten für extrem unterernährte Flüchtlingskinder gefunden haben. Alle diese kleinen Kinder hoffnungsloser und hilfloser Eltern hätten ohne die Kinderhilfe und IHRE Unterstützung keine Aussicht auf eine halbwegs menschenwürdige Zukunft.

So sehr hier die Menschen unter den Auswirkungen von Corona leiden, so hoffnungslos und verzweifelt sind die meisten unserer Familien in Kolumbien, die vom Staat oder anderen Stellen nur Restriktionen und Strafen zu erwarten haben, wenn sie irgendwie versuchen, sich und ihren Kindern Unterkunft und Nahrung zu beschaffen. Immer mehr ist die Kinderhilfe zu einer Zuflucht und Heimat, auch für ehemalige Schützlinge geworden, da unsere Mitarbeiterinnen sich engagiert und begeistert individuell um alle kümmern und sorgen, die an die Tür des Vereins klopfen. Sie kommen fast alle aus demselben Umfeld und sind sich bewußt, welch ein Privileg ihr langjähriger sicherer Arbeitsplatz in der Kinderhilfe ist, auch wenn die Bezahlung eher bescheiden ist.

Die hoffnungslose materielle Not verstärkt latente Krankheiten, soziale Spannungen und die psychische Belastung, weshalb sich die Arbeit der Kinderhilfe immer mehr auf die soziale Betreuung der Familien ausweitet, denen in besonders extremen Notlagen auch finanziell geholfen wird, etwa, wenn sie die Miete, die Nebenkosten oder Medikamente nicht mehr bezahlen können.

Dass im Süden Kolumbiens, in Popayan, Pasto und San Jose del Guayabal so viele notleidende Familien Beistand und Hilfe finden, ist nur durch IHRE großartige Unterstützung möglich, für die wir uns alle in der Kinderhilfe ganz herzlich bedanken.

Ihre Ute Sonntag und Ihr Detlef Hammel