Die wirkliche Normalität inmitten von Covid-19

CASITA 2 IN POPAYAN: VIERTER QUARTALSBERICHT 2021

Die Corona-Pandemie hat die ganze Welt und unser eigenes Leben destabilisiert. Wir erleben diese Tragödie am eigenen Leib, und bei jeder, diese betreffenden Lebensgeschichte in unserem Umfeld, begreifen wir immer mehr die Realität, in der wir leben. In vielen Teilen der Welt, und dabei ist Kolumbien keine Ausnahme, redet man von einer angeblichen Normalität in vielen Bereichen der Gesellschaft. Aber die Realität unserer Familien in der Kinderhilfe in Popayan ist keineswegs so normal, wie es die Medien behaupten.
Ihrer extremen Armut können diese Familien kaum entkommen, denn wenn die Arbeitsmöglichen vor der Pandemie schon knapp waren, so ist es jetzt noch viel schlimmer. Das Einkommen von Millionen Familien ist mit der Pandemie noch prekärer geworden, und die Gefahr, dass die Kinder Gewalt, Missbrauch, Unterernährung erleiden oder verlassen werden, wird immer größer.

Viele unserer Eltern haben sich bemüht, das Geld für die Grundbedürfnisse ihrer Familie im Haushalt anderer Familien zu verdienen, im ambulanten Verkauf oder im Sammeln von Müll, und grade hier wird auf den Straßen die Konkurrenz immer größer. Auch benötigen ihre Kinder wegen ihrer langen Abwesenheit am Tage, Schutz und Betreuung. Deshalb ist die Kinderhilfe für viele Familien die Hoffnung, weiterhin überleben zu können, denn hier finden sie immer noch für ihre Kinder die Betreuung, Anleitung und Behütung, zusätzlich zu einer gesunden Ernährung, die ihnen ermöglicht, möglichst gesund aufzuwachsen und sich zu entwickeln. Dafür bekommen sie täglich jetzt mehr Obst, Gemüse, Proteine und Nahrungsmittel, die sie kräftigen und ihr Immunsystem stärken, damit sie die Krankheiten und Viren besser überstehen, die uns umgeben.

Einige unserer Familien versuchen nach der langen Quarantäne immer noch, ihre kleinen Geschäfte zu retten, wie die Familie Munoz Pillimue. Vor der Pandemie hatte die Mutter dieser Jugendlichen Obst
von einem Handkarren verkauft. Aber kurz vor der Quarantäne wegen Covid-19 kaufte sie auf Abzahlung einen kleinen Kiosk an einer der wichtigsten Zufahrtsstraßen Popayans, wo sie ihr Obst, Säfte und einige andere Nahrungsmittel verkaufen wollte. Dadurch wurde ihre Arbeit ein wenig leichter, denn sie musste
nicht mehr unter den Wetterbedingungen leiden und hatte einen etwas besseren Ort, um ihre Ware zu verkaufen. Als mit der Aufhebung der Quarantäne die Stadt sich wieder zu beleben begann, ging es auch los mit den Verkäufen im Kiosk. Aber sie verkaufte nur so viel, dass sie ihre Ausgaben wieder hereinbekam und kaum einen Gewinn machte. Trotzdem bewahrte die Senora Pillimue die Hoffnung, dass alles besser werden würde; aber genau das Gegenteil geschah. Die Preise für Lebensmittel sind stark gestiegen, und wegen der hohen Kosten kaufen nicht einmal die Zwischenhändler Waren wie Obst, Eier und andere Dinge, die sie zu so hohen Preisen weiterverkaufen müssten. Dadurch wird auch das Rohmaterial für kleine Betriebe, wie bei dieser Familie, knapp. Mit der Arbeitslosigkeit und dem Geldmangel hat auch die Unsicherheit weiter zugenommen. Zu jeder Tageszeit geschehen Überfälle und Diebstähle, und abends ist es noch viel schlimmer. Auch davon ist die Familie Munoz Pillimue betroffen, denn abgesehen von den extrem schlechten Verkäufen, wird fast jede Nacht in ihrem Kiosk eingebrochen. Deshalb muss die Senora Pillimue diesen nachts bewachen und kehrt gegen 5 Uhr morgens in ihre Hütte zurück, die in der Nähe liegt, um sich fertigzumachen und wieder zur Arbeit zu gehen. Schon hatte sie als Inhaberin dieses kleinen Geschäftes ernsthaft daran gedacht, es zu schließen, aber sie ist sehr frustriert, denn anscheinend sind alle ihre Anstrengungen für eine finanzielle Sicherheit ihrer Familie vergeblich gewesen. Das Schlimmste ist, dass sie auf das Geschehen keinerlei Einfluss hat, weil es nicht von ihrem Wollen abhängt. Wie immer ist und bleibt die Kinderhilfe die Zuflucht für diese Familie und die Hoffnung, dass die Jugendlichen ihre Lebensziele erreichen und sich normal entwickeln können, was ihnenbei all dem Elend der Familie sonst nicht möglich wäre. Die beiden Jugendlichen dieser Familie und die übrigen Kinder und Jugendlichen, die besonders dringend auf Betreuung, Ernährung und Hilfe in der Schule angewiesen sind, kommen weiterhin in die einzelnen Häuser der Kinderhilfe in Popayan, wo sie gut behütet werden. Jene aber, die immer noch zuhause bleiben müssen, weil die Räumlichkeiten nicht ausreichen, um die nötigen Abstandsregeln einzuhalten, sind weiterhin in Kontakt mit den betreffenden Betreuerinnen, die ihnen jeden Monat die nötigen Lebensmittel aushändigen und in anderen schlimmen Notlagen helfen, wenn sie auftreten.

Bei allen Kindern und Jugendlichen, die zu uns kommen, wird auf strikte Einhaltung der Hygienevorschriften geachtet, das richtige Tragen und Wechseln der Masken, das ständige Waschen der Hände, Abstandhalten und den Gebrauch von Visieren, wenn die Kinder sich beim Spielen etwas näherkommen wollen. Die Normalität, zu der man angeblich zurückgekehrt war, wurde in den letzten drei Monaten des Jahres deutlich, als die Kinder im Wechselunterricht wieder in die Schule gingen. Den Schülern gefiel das gut und es konnten auch einige Unklarheiten im Lehrstoff beseitigt werden. Aber es war auch der Moment, in dem festgestellt wurde, was sie gelernt hatten, und leider gibt es riesige Lücken im Wissen der Schüler. Deshalb war es im Verein nötig, mit den Wiederholen und der Nachhilfe für die Kinder weiterzumachen, damit sie das Schuljahr schaffen konnten. Das war schwere Arbeit sowohl für die Kinder, wie für die Betreuerinnen des Vereins, denn sie mussten lange Anleitungen mit Erklärungen in ihre Hefte abschreiben und die betreffenden Aufgaben zu jedem Thema. Und die Betreuerinnen im Verein suchten nach Strategien, damit jedes Kind das es betreffende Thema verstehen konnte, denn weil sie alle in verschiedenen Schulen und Klassen sind, konnte man es nicht verallgemeinern.

Etliche Kinder hatten leider nicht immer die nötigen Mittel, um dem virtuellen Unterricht folgen zu können, und außerdem konnten sie sich nicht an diese Form des Lernens gewöhnen. Deshalb werden sie im nächsten Jahr die Klasse wiederholen müssen. Wegen der schulischen Belastung hatten die Kinder und Jugendlichen nur sehr wenig Zeit zum Spielen. Aber immer, wenn sich ihnen eine Möglichkeit bot, nutzten sie den Moment, um sich zu entspannen und abzulenken mit dem, was jedes von ihnen am liebsten macht.

Im Casita 2 werden natürlich auch immer noch kleine Kinder liebevoll betreut, die noch nicht zur Schule gehen. Das ist sehr wichtig, denn abgesehen davon, dass sie lernen, mit Gleichaltrigen umzugehen, unter Einhaltung von festen Regeln und Werten, bekommen sie das nötige Grundwissen vermittelt als Vorbereitung auf den Schulbesuch. In dieser Gruppe geschieht all dies natürlich auf spielerische und kreative Weise, die den Kindern, die Freude am Lernen zu spüren lässt, die das Spiel verursacht.

Weiterhin wird eine Gruppe ganz liebevoll und bereitwillig von Dona Carmen Lilian betreut, die für den Verein etwas ganz Besonderes ist und aus handarbeitenden Frauen besteht. Jeden Freitagnachmittag treffen sich hier umschichtig Frauen, um gemeinsam zu handarbeiten, stricken oder sticken, womit sie ihrem so stressigen und verzweifelten Alltag entkommen können, der mit das Ankunft von Corona noch viel schlimmer geworden ist.
Dieser Bericht fällt in die schönste Zeit des Jahres mit dem Advent und Weihnachten. Dann können unsere Kinder und alle Mitarbeiterinnen der Kinderhilfe die

Freude dieser Zeit genießen, inmitten von Lachen und dem gemeinsamen Vergessen der schlimmen Krise, in der wir leben, aber ohne die Hygieneregeln zu vergessen und in der Hoffnung, weiterhin gesund

zu bleiben. Jedes Lächeln ist der aufrichtigste Ausdruck von DANK an alle, die es möglich machen, dass das Leben so vieler Jungen und Mädchen leichter

und schöner wird, trotz der harten Wirklichkeit, mit der sie jeden Tag fertig werden müssen. Dank allen Spendern der Kinderhilfe für ihre Liebe und Großzügigkeit, die uns ermöglicht, die Hoffnung auf ein besseres

Morgen für unsere Kinder und ihre Familien zu bewahren.
Nelcy Lucia Meneses I