HAUS URSULA IN POPAYAN Bericht über die Monate April, Mai und Juni 2023

Ein Land, das mehr Geld für Waffen und Militär ausgibt, als für soziale Programme, nähert sich dem spirituellen Tod

Martin Luther King

Täglich gibt es in Kolumbien mehr vorzeitig beendete Leben, neue Waisen, neuer Horror, neue Einsamkeit. Gleichzeitig gibt es in Kolumbien Rohöl, das dem Leben die Farbe des Todes verleiht. Es gibt brennende Wälder, Kinder, die beim Bellen der Hunde zittern. Es gibt eine unaufhaltsame Welle der Gewalt und des Todes. Aber zur selben Zeit gibt es auch Hoffnung, den Wunsch und den Willen zum Frieden, gibt es Vertrauen. Es gibt Leben, und das Ziel ist es, dieses zu verteidigen, zu erleichtern, gemeinsam zu gestalten, zu verbessern. Das Ziel ist es, dass unsere Kinder unsere Hoffnungen erben, nicht unsere Schrecken. (Zitate aus Zeitungen)

Wie zu erwarten war, gehen in Kolumbien die Katastrophen weiter – politisch, wirtschaftlich sowie sozial. Unser Department Cauca gehört weiterhin zu den Gewalttätigsten. Erneut sind unsere Jugendlichen und Kinder die ersten, die unter den Folgen dieses Krieges leiden. Die Zahlen der Opfer werden nie glaubwürdig sein, denn es lässt sich nicht leugnen, dass weiterhin die Angaben gefälscht werden. Täglich tauchen neue Daten auf, und immer noch kommen diese nicht an die Wirklichkeit der Verbrechen des Krieges und der dadurch verschwundenen Personen heran. So wurden zum Beispiel in den letzten beiden Jahren offiziell mindestens 213 Kinder hier gewaltsam rekrutiert, darunter Kinder im Alter von 7, 10 und 11 Jahren. Das Problem ist riesig, und es ist bekannt, dass man Angst haben muss Verbrechen anzuzeigen, Angst vor der Rache der bewaffneten Gruppen und der Bedrohung von Familien und Gemeinschaften. So kommt es, dass das Cauca weiterhin an der Spitze der Departements im Krieg liegt, wo es die höchste Zahl an Morden gibt. Nach Angaben der Behörden hat es im Jahr 2023 schon mehr als 329 Morde gegeben, in den entlegenen Gegenden wurden 21 massive Vertreibungen registriert. Das hatte die Entwurzelung von mehr als 14.000 Personen zur Folge, vor allem im pazifischen Gebiet.

Und wenn wir auf die Darstellung von Menschen verweisen, die Tag für Tag solche Verletzungen der Menschenrechte bekämpfen wollen, so sind zwischen 2018 und 2023 -23 Einnahmen von Dörfern durch die bewaffneten Gruppen registriert worden. In diesem Jahr sind hier schon fünf Vertreter ermordet worden, zwei Massaker registriert und ungefähr 164 Morde, 22 Selbstmorde und mehr als 50 bewaffnete Zusammenstöße in verschiedenen Gegenden des Departments.

Wir befinden uns in einer Schlüsselposition für mögliche Reformen, und obwohl die Veränderungen hart sein können, gibt es manche, die sehnlichst darauf hoffen, dass unsere Regierung endlich etwas täte. Aber die bisherigen Ergebnisse enttäuschen uns sehr, denn schon wurde angekündigt, dass zu den drei Departments, deren Stromrechnungen erhöht werden sollen, das Cauca gehört. Und natürlich werden sie auch für die unteren Bevölkerungsschichten erhöht werden, wo sie bisher subventioniert wurden. Obwohl diese Nachricht erst Mitte des Monats bekannt wurde, die für die kommenden Monate gelten soll, kommen die Rechnungen sofort mit einer starken Erhöhung, obwohl nicht einmal vierzehn Tage seit der Ankündigung verstrichen sind. So werden überall in unserer Gesellschaft die Grenzen überschritten, denn wo es wirklich nicht einmal etwas zu essen gibt, kann man viel weniger noch so viele Steuern bezahlen. Es geht uns schlechter als während der Pandemie, schlechter als zu Zeiten des Generalstreiks. Deshalb gibt es auch wieder so viel mehr Gewalt und eine Konzentration von ungesetzlichen Gruppen. Das ist etwas, auf das diese Regierung keinen Einfluss hat; diese Befriedungsversuche sind ihr total entglitten. Es gibt immer mehr Verbitterung, und unser Department hat schon Angst um seine Jugendlichen und Kinder, weil all das die Zunahme von Rekrutierungen noch steigen lassen wird. Auch werden die Kosten für Privatbesitz weiter steigen, denn die Grundsteuer ist für einige Besitztümer um bis zu 400 % gestiegen.

Angesichts dieses Panoramas ist es ein großes Risiko, Kinder zu haben, es ist das Risiko, dem sich die Kinderhilfe täglich stellt mit der Erziehung der Kinder zur Menschlichkeit, mit den vielfachen Veränderungen während der Pubertät, und dies zusammen mit der Anleitung ihrer Familien und indem sie so viel Vernachlässigung betreut, die sich durch Dekaden immer wieder vererbt. Zu den sozialen Problemen, die sie täglich absorbieren, kommt das schwere Leben hinzu, das ihre Eltern führen mußten, die keinerlei gefühlsmäßige Grundlagen haben, auf die sie sich berufen könnten, um ihre Kinder zu erziehen. Und das ist das Panorama, das wir immer in Kolumbien haben, wo Krieg und Not die Familie total zerstört hat.

All das möchten wir am Beispiel einer jungen dysfunktionalen Familie verdeutlichen, mit einer so schwierigen Vergangenheit, dass man kaum glauben kann, wie aus den Erfahrungen so vieler Vernachlässigungen und Verwahrlosung eine Familie entstehen kann, mit so viel materieller Not und so wenigen grundlegenden Prinzipien. Ihre Tochter ist bei uns in der Babykrippe, wo sie in einem ganz anderen Umfeld aufwächst, das nur die Kinderhilfe bieten kann. Aber wenn sie wieder nach Hause kommt, ist sie erneut in ihrem schwierigen Umfeld.

Die junge Mutter, die wir Maria nennen wollen und der junge Vater, den wir Pedro nennen, begannen ihre Beziehung, als sie sich inmitten von Kriminalität und Drogen kennenlernten. Maria erinnert sich aus ihrer Kindheit nur daran, dass sie in der Obhut des Jugendamtes aufwuchs bei zeitweiligen Pflegemüttern. Sie blieb nicht in einer Pflegestelle, sondern wechselte zwischen verschiedenen und konnte so zu keinem Menschen eine stabile Beziehung aufbauen. Denn sie erlebte ein vorübergehendes Kommen und Gehen. Manchmal versuchten Mitglieder ihrer Familie, sich um sie zu kümmern; aber sie hatten alle ganz viele Probleme mit etlichen Mitgliedern, die den Drogen und dem Alkohol ergeben waren und schon in die Kriminalität abrutschten und in den Krieg zwischen den Banden verwickelt waren. Außerdem lebte ihre Mutter zu der Zeit selber auf der Straße, vollkommen von Drogen bestimmt. Sie misshandelte ihre Töchter schwer, brachte soziale und psychische Probleme in die Familie und Bedrohungen; sie näherte sich dieser nur, um sie mit schmutzigen Wörtern zu beschimpfen und zu schlagen. Es gab also keinerlei Möglichkeit, dass das Mädchen von jemandem erzogen werden würde. Deshalb hatte diese junge Mutter in ihrer Kindheit niemals Liebe empfangen, noch konnte sie diese für jemanden empfinden. Sie wuchs jenseits von allem auf und so verlassen, dass unser Staat sie, kaum dass er die Möglichkeit hatte, sie aus seinen Programmen zu entlassen, dies auch tat und sie erneut auf die Straße setzte. Dort begann die Jugendliche ebenfalls, Drogen zu konsumieren.

Und in diesem schlimmen Umfeld wurde die Jugendliche schwanger. Der Vater des Babys entzog sich der Verantwortung und wollte es niemals anerkennen. Obwohl sie ein weiteres Mal verlassen wurde, war dies der Anlaß, sich vollkommen von den Drogen freizumachen.

Die junge Frau begann mit ambulanten Verkäufen und für ihr tägliches Überleben zu kämpfen, wobei ihr Baby mit wenig Erziehung aufwuchs inmitten ihrer Aufsässigkeit, täglichen Anstrengungen und großer Not.

Wieder begann Dona Maria eine Beziehung und wurde erneut schwanger, und dieses Mal beschloss sie, sich operieren zu lassen, um keine weiteren Kinder mehr zu bekommen. Sie kam in unsere Babykrippe und bat um die Aufnahme des Babys, das sie bei ihren ambulanten Verkäufen mitnehmen musste. Eines Tages stürzte sie aus Schwäche, fiel mit dem Baby hin, und der Karren (mit den Waren) ging kaputt. So hatte sie keine Arbeit mehr und war täglich in Gefahr. Ihr Leben folgte derselben Linie ihrer Eltern, denn ihr augenblicklicher Partner ist ein junger Mann, der Drogen konsumiert. Sie wohnten in einer Hütte, die ihre Schwiegermutter auf besetztem Land gebaut hatte und zahlten dort Miete. Aber immer, wenn der Mann eine Überdosis genommen hatte, gab es Angriffe und Streit, und Dona Maria musste mit ihren beiden Töchtern flüchten. Aber der junge Mann träumte von einem Heim und liebte außerdem seine Tochter sehr. Auch wenn er keine Ahnung davon hat, wie ein guter Vater zu sein hat, merkt man, wie stark seine Gefühle für sie sind. Auch für ihn ist es schwer, da er als Kind von seinem Erzeuger verlassen und angeleitet wurde, mit seinen Brüdern zu arbeiten, um ihrer Mutter Geld zu bringen, die selbst keiner Arbeit nachging. Aber sie schickte sie zum Singen in den Bussen, um Erdnüsse zu verkaufen und sich als Clowns verkleidet auf den Straßen zu betätigen und in den öffentlichen Transportmitteln, um dafür Geld zu bekommen. Am Morgen mussten sie das Geld ihrer Mutter bringen, damit diese ihnen etwas zu essen machte, und nachmittags mussten sie wieder mit ihren Betätigungen weitermachen. Deshalb konnten er und seine Brüder nicht lange zur Schule gehen und bekamen weder Liebe noch Erziehung und hatten auch keinerlei Vorstellungen von ihrem zukünftigen Leben. Ihr tägliches Anliegen war zu sehen, welcher der Brüder seiner Mutter mehr Geld nach Hause bringen konnte, die ebenfalls sehr unter Vernachlässigung gelitten hatte. Als verlassene Mutter flüchtete sie sich in die Ausbeutung ihrer Kinder, weil sie weder Arbeit fand noch irgendeine Unterstützung, um etwas anfangen zu können.

Diese ganze Situation in einer Gegend von Landbesetzungen, Drogenkonsum, Krieg und fehlender Liebe, war der Grund dafür, dass dieser junge Mann und seine Brüder ganz schnell den Drogen verfielen. Einer davon ist so schwer süchtig, dass er auf der Straße gelandet ist, der andere Bruder konnte zwar davon loskommen; aber wegen seiner mangelnden Schulbildung und fehlender Kenntnis einer Tätigkeit, muss er täglich versuchen, seinen Lebensunterhalt mit schweren und schlecht bezahlten Arbeiten zu verdienen. Dagegen hatte unser junger Vater immer Drogen genommen und dabei gearbeitet. Dadurch ist er nicht total auf der Straße gestrandet. Aber seit der Geburt seines Babys hat er von verschiedenen Drogen die Finger gelassen und beschränkt sich jetzt nur auf den Konsum von Marihuana. All das bewirkte, dass Pedros Mutter anfangen musste, Müll zu sammeln, denn sie hatte ebenfalls weder eine Ausbildung noch eine Arbeit, die sie verrichten konnte.

Bei all den Problemen zwischen diesen Eltern kämpfen sie, damit sich ihre Geschichte nicht bei ihren Kindern wiederholt. Aber unbewußt behandeln sie diese auf ungute Art. Dona Maria kann ihrer älteren Tochter nicht bei den schulischen Aufgaben helfen. Das Mädchen ist in der zweiten Klasse und hat schlechte Leistungen. Sie fehlt häufig und hat Konzentrationsschwächen. Auch ist sie nicht imstande, sie zu erziehen, sondern bestraft sie hart, wenn sie etwas falsch gemacht hat, und hinzu kommt noch eine minimale Ernährung.

Ganz anders ergeht es ihrer Schwester, die als Baby in die Babykrippe kam. Sie begann ihr Leben in einem guten Umfeld, wo sie sich friedlich ausschlafen, sich gesund ernähren kann und umgeben ist von Spielen, Kameraden, viel Liebe und Fürsorge. Sie hat die Zuneigung von uns allen gewinnen können und hat einen einzigartigen und guten Charakter. Zwar neigt sie dazu, sich zu streiten, ist schnell darin, den anderen Kindern die Spielsachen wegzunehmen, auch beißt und kratzt sie. Aber das alles kommt daher, dass sie jeden Tag in ihr familiäres Umfeld zurückkehren und lernen muss, sich dort zu verteidigen. Dadurch wird sie sehr stark und kann sich gut zur Wehr setzen. Aber in der Kinderhilfe können wir ihr, mit der Unterstützung der studierenden Patenkinder, eine personalisierte Betreuung ermöglichen, damit es unter den Babys der Sala Cuna nur Lachen und Freude gibt. Diese Jugendlichen helfen uns, die Babys mit noch mehr Liebe und Geborgenheit zu umgeben, und sie haben es geschafft, von den Babys akzeptiert zu werden, denn diese sind sehr aufrichtig und können es gut zeigen, wenn sie jemanden nicht mögen.

Diese Familie kämpft inmitten von so viel Gewalt ums Überleben und ist dabei noch nicht in kriminelle Handlungen verwickelt gewesen. Sie sind wieder zusammengezogen in dem Versuch, ein Heim zu gründen. Viel können wir nicht von ihnen verlangen; aber etwas haben sie schon geschafft, nämlich, ihre Kinder nicht zu verlassen, wie es ihnen geschehen ist. Dona Maria hat nie wieder Drogen genommen, und Don Pedro hat seinen Konsum verringert und die Hoffnung, ihn ganz zu lassen, denn ihre Not und Bedürftigkeit ist sehr groß. Und ohne kriminell zu werden, kann man sich den Kauf der Drogen nicht leisten. Auch ist es eine Erleichterung und ein Trost gewesen, dass das Baby in der Krippe ist. Sie bekommen Anleitung und Rat und haben erfahren, dass es doch ein anderes Vorbild für ihre Töchter gibt. Sogar die Urgroßmutter des Babys ist zu uns gekommen, um sich für dessen Aufnahme zu bedanken, mit der Bemerkung, dass das Baby allein durch die Ernährung in der Krippe am Leben erhalten wird.

Seit der Aufnahme des Babys bis jetzt kann man eine bemerkenswerte Veränderung der Eltern erkennen, die langsam aber sicher vorangeht. Dem Vater sieht man an seinem Gesicht das vielfache Scheitern schon an. Obwohl er noch sehr jung ist, wirkt er schon erschöpft durch die Drogen. Aber er hat inzwischen gelernt, sich höflich zu äußern, bis hin zum Ausdruck seiner Unzufriedenheit ohne Aggressivität und ohne die Stimme zu heben. Und Dona Maria ist in jeder Hinsicht ihren Verpflichtungen in der Kinderhilfe nachgekommen und zeigt schon viel mehr Vertrauen in den Verein.

Und so erleben wir die Spuren der Gewalt und des Krieges, denn all die Lager und Armenviertel, in den die Gewalt herrscht, haben ihre Vorgeschichte in diesen Ursachen und hinterlassen starke Spuren, die in Verwahrlosigkeit, Vernachlässigung und Einsamkeit münden. Und die Schwächsten reagieren mit Sucht, wobei sie das suchen, was sie nie gehabt haben. Und inmitten von so viel Elend, das scheinbar keine Heilung findet, erscheint unsere geliebte Kinderhilfe, die sich bemüht, unschuldigen neuen Wesen das Leben zu verändern, um in ihnen die Probleme zu heilen, unter denen ihre Familien durch Generationen gelitten haben.

Während in Kolumbien weiterhin Geschichten des Krieges geschrieben werden, schreibt die Kinderhilfe immer noch die der Hoffnung, indem sie ermöglicht, dass unsere Kinder lernen und spielen können. Im Augenblick haben wir sechs Kleinkinder, die lernen, ihre körperlichen Ausscheidungen zu kontrollieren. Bis dieses gelingt, haben wir sehr viel mehr Arbeit und Wäsche, aber die Mütter sind dafür sehr dankbar, weil sie selber dazu nicht imstande sind und nicht einmal wissen, wie sie anfangen sollen, ihre Kinder zu erziehen. Auch lernten diese grade, Salate und Gemüse zu essen, und dieses große Ziel war ein totaler Erfolg. Grade Familien, wie die oben vorgestellte, sind so sehr dankbar, denn, wenn sie diese Unterstützung nicht hätten, müßten sie ihre Babys zwangsweise nur mit Mehl und Fett ernähren.

Wir sind allen Spendern sehr dankbar, die uns aus Deutschland ermöglichen, so viel Freude mitzuerleben, so viele Fortschritte, so viel Erleichterung für Eltern und so viele Lebensveränderungen, die Tag für Tag unseren Familien und Kindern Hoffnung bringen. Sie alle sind so schwer geschlagen von so schlimmen Ereignissen, dass nur eine Einrichtung, wie die, die SIE unterhalten, noch Hoffnung säen kann.

DANKE FÜR ALL DAS, WORIN SICH IHRE HILFE BEI UNS WIDERSPIEGELT!

Yaneth Rocio Rivera Pantoja