Haus Ursula in Popayan: Erster Quartalsbericht 2021

Die Pandemie stellt erhebliche Anforderungen an die KINDERHILFE, die sich in vielen Bereichen neu erfinden muss, um weiterhin hilfsbedürftige Kinder betreuen zu können. Ganz besonders im Haus Ursula, in dem es eine Babykrippe und eine Kita für Kleinkinder gibt. Hier benötigen die ganz Kleinen eine besonders umsichtige Fürsorge. Inzwischen betreuen wir hier mehr als die Hälfte der Gruppe, während das für die anderen Kinder immer noch zu Hause bleiben müssen. Dabei kümmern wir uns auch ständig darum, wie es diesen Kindern geht. Wir schicken ihnen Material, das die Betreuerinnen in ihrer Freizeit vorbereitet haben, denn während der Arbeitszeit ist es zu aufwendig die Kinder vor der Pandemie zu schützen. Dieses Material bekommen die Eltern zusammen mit dem Lebensmittelvorrat, einer Nahrungsmittelhilfe für die Kinder, denn die Ernährung ist ein wichtiges Anliegen des Vereins.

Zusätzlich bekommen Familien mit Kleinkindern und Babys altersgemäß die sehr teure Babynahrung, Windeln und auch die Grundnahrungsmittel, um einen gesunden Babybrei selbst herzustellen. Diese Hilfen für die Kleinsten bedeuten zusätzliche Kosten für die KINDERHILFE. Die Fürsorge, Liebe und Zuwendung hier in der KINDERHILFE sind nur möglich durch die Unterstützung unserer Spender, die auch weiterhin die Lage Kolumbien im Blick haben. Die KINDERHILFE ist für viele Familien unersetzlich, denn sie ist die einzige Chance, den Teufelskreis aus Drogen, Gewalt und Analphabetismus zu durchbrechen, dabei dem Leben einen Sinn zu geben und den Kindern, die zu uns kommen, eine Zukunft.

Um die Arbeit des Vereins zu veranschaulichen, stellen wir hier von uns betreute Kinder vor, deren Namen wir zu ihrem Schutz geändert haben. Wir beginnen mit ihrem Vater Mario, der in einem der gefährlichsten Viertel, in El Suizo, geboren wurde. Vor ungefähr 30 Jahren lernte seine Mutter einen Mann aus dem Nariño kennen, mit dem sie in die Stadt Pasto zog. Dort lebten sie sehr gut, denn der Mann kam aus einer guten Familie und ihre finanziellen Verhältnisse waren stabil. Er handelte mit Kartoffeln, was ihnen genug für ein angenehmes Leben einbrachte. Bis eines Tages die Gewalt, die es immer Kolumbien gegeben hat, ihnen den Vater entriss. Auf dem Marktplatz wurde er von bewaffneten Männer ermordet. Sie raubten ihm das Geld, mit dem er Kartoffeln kaufen wollte.

Das war der schlimmste Moment für die Mutter und mit dem Tod ihres Mannes endeten alle ihre Träume. Die Familie des Vaters der Kinder zeigte ihnen die kalte Schulter und schloss sie aus. Sie musste in ihren Heimatort Popayán zurückkehren. Nach einiger Zeit lernte die Mutter ihren neuen Mann kennen, mit dem ihre Geschichte eine radikale Wende nahm. Er ließ ihre Kinder schon mit 5 Jahren in seiner Werkstatt arbeiten, wo Lederhüllen für Messer und Macheten hergestellt wurden. Dabei misshandelte er sie, wenn sie sich nicht geschickt genug anstellten. Er schlug sie mit Stöcken und mit dem Leder, das sie verarbeiteten. Mit 7 Jahren mussten sie zusätzlich auch noch Autos in verschiedenen Gegenden der Stadt bewachen. Das Geld, das sie dafür verdienten, nahm der Mann ihnen für das Essen weg, dass sie sich seiner Meinung nach verdienen mussten. Die Mutter ließ all das zu und schlug und misshandelte sie ebenfalls. So wuchsen die Kinder mit viel Bitterkeit, Hass und Groll auf und das in einem Viertel, wo sie an allen Ecken sahen wir ihre Freunde Marihuana und Bazuco rauchten oder Kleber inhalierten. Das Schlimmste dabei war, dass sie selbst mit diesem Kleber arbeiten mussten. Schließlich probierte es Mario im Alter von 8 Jahren selber aus, was ihn ganz schnell abhängig machte. Während der Arbeit war er jetzt immer berauscht, zum einen damit er die Schläge seines Stiefvaters ertragen konnte, zum anderen, um sich um 3 oder 4 Uhr morgens aus dem Bett quälen zu können, um in der Kälte Autos zu bewachen. Danach musste er zur Schule gehen, was ihm damals nicht gefiel, weshalb er dort nur schlechte Leistungen hatte. Schließlich nahm ihn der Stiefvater in der fünften Klasse von der Schule; aber wie hätte er auch gut in der Schule sein können, misshandelt, hungrig, frierend und schon in kindlichem Alter unter Drogen stehend? Mario wuchs voller Hass auf wegen der Misshandlungen, die er, seine Geschwister und auch die Mutter erlitten. All dessen überdrüssig probierte er im Alter von 12 Jahren eine Tages Alkohol kombiniert mit Drogen und kam in diesem Zustand nach Hause. Als der Lebensgefährte der Mutter ihn wieder schlagen wollte, drehte Mario durch und verteidigte sich zum ersten Mal, indem er mit einem Messer auf den Mann einstach. So war er von diesem Alter an in Erziehungsanstalten, wo alle schlecht behandelt wurden und nur Badeschlappen und kurze Hosen tragen durften. Aber es war auch der einzige Ort, wo er etwas zu essen bekam.

Nach diesem Angriff auf ihn, verließ der Stiefvater die Mutter, weshalb sie auf Mario böse war und ihm die Schuld daran gab. Das belastete ihn schwer, er wurde kriminell, raubte andere aus und landete immer wieder im Gefängnis. Im Alter von 18 Jahren erstach er in einem Streit um Drogen, einen Jugendlichen, was ihm eine weitere Gefängnisstrafe einbrachte. Zynischerweise war das Gefängnis der einzige Ort, wo er die Schule besuchen, die Sekundarstufe beenden und andere Dinge lernen konnte. Wie er sagt, war er das harte Leben mit den ständigen Aufenthalten im Gefängnis leid. Er saß seine siebenjährige Strafe wegen des Mordes an dem Jugendlichen ab. Als er herauskam wurden zwei Attentate auf ihn verübt, die er überlebte. Er blieb weiter kriminell und war immer wieder im Gefängnis. Damals kannte er schon die Mutter seiner Kinder und der älteste Sohn war schon geboren. Er berichtet, dass er eines Tages im Gefängnis einen Streit hatte und deshalb lange in Einzelhaft musste. Das war der Moment, in dem er zur Besinnung kam und sich fragte, ob er für seine Kinder dasselbe Schicksal wolle. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Mutter seiner Kinder die Beziehung zu ihm beenden wollte.

Marios Freundin hatte eine ähnliche Geschichte wie er, auch sie musste in „Erziehungsanstalten“ leben, weil ihre eigene Mutter sich nie um sie gekümmert hatte. Die junge Frau überließ Mario, als sie ihn verlies, das Sorgerecht für den ältesten Sohn, worauf dieser in eine schwere Depression geriet. Er berichtet von der schlimmsten Zeit seines Lebens, in der er nur die Wahl hatte, sich entweder das Leben zu nehmen oder es zu ändern und für eine Zukunft mit seinen Kindern zu kämpfen. Er entschied sich zu kämpfen und suchte Zuflucht bei einer christlichen Freikirche. Auch die KINDERHILFE begann, ihn zu beraten, denn seine Kinder kamen immer seltener oder zu spät in die Betreuung. Als wir nachforschten, erfuhren wir von den riesigen Problemen der Eltern der Kinder, denn die Mutter hatte begonnen, mit Drogen zu handeln. Im Augenblick erwartet sie ihre Strafe dafür und für Mario begann eine schlimme Zeit. In dieser Phase unterstützte der Verein ihn nach Kräften. Während der Pandemie brachten wir ihm Nahrungsmittel für seine Kinder, vor allem damit er nicht in Versuchung käme, wieder auf die Straße zu gehen, um zu stehlen, um irgendwie das Essen für die Kinder zu besorgen.

Er hat es geschafft, anständig zu bleiben und seit über einem Jahr weder Drogen noch Alkohol konsumiert. Die KINDERHILFE betreut diese Familie weiterhin engmaschig, damit er seine beiden Kinder regelmäßig und pünktlich in den Verein bringt und sich auch darum bemüht, aus dem Umfeld, in dem sie leben, fortzukommen. Im Augenblick wohnen sie in einer Hütte aus Strohmatten, in die Ratten und Kakerlaken eindringen, unter ganz entsetzlichen Lebensbedingungen. Er arbeitet als Motorradtaxifahrer und wir haben ihm klar gemacht, dass er, weil er die beiden Kinder ja tagsüber im Verein hat, etwas von seinen Einnahmen sparen kann, um ein Zimmer zu mieten und damit ihre Wohnsituation zu verbessern.

Weil dieser Vater ein so hartes Leben hatte, hatte er keine Ahnung davon, wie er seine Kinder erziehen sollte und verlor schnell die Autorität über seinen ältesten Sohn. Dieser verlangte von ihm ein Handy für den Schulunterricht, das auf dem neusten Stand der Technik sein sollte. Um ihm dieses kaufen zu können, arbeitete der Vater bis spät in die Nacht. Er möchte, dass seine Kinder alles bekommen, was er nie gehabt hat. Im Augenblick versuchen wir vom Verein ihm jedoch klarzumachen, dass es besser sei, den Kindern beizubringen, dass man alles durch Anstrengungen und mit Prinzipien und Werten erreichen muss. Vor allem, dass man mit Materiellem niemals die Zuwendung und Liebe kompensieren kann, die man den Kindern geben möchte. Wenn wir im April im Haus Ursula wieder neue Plätze schaffen, wird daher sein ältester Sohn der erste sein, den wir aufnehmen, denn vor der Pandemie wurde er schon in einer Sondergruppe betreut. Wegen der beschriebenen Probleme werden wir darauf achten, dass er hier lernt mit Arbeitsplänen und -blättern zu arbeiten, damit er unabhängiger vom Handy wird. So unterstützen wir den Vater bei der Erziehung seines Sohnes, wie wir ihm bei dem anderen Sohn in der Kita geholfen haben, wo er alles bekommt, was er braucht. Das Wichtigste dabei ist, dass dieser Vater sich beraten und helfen lässt. Er hat versprochen, dass er tagsüber, wenn die Kinder im Verein sind, arbeiten geht, um dann, wenn er sie hier abgeholt hat, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Wir werden dabei weiterhin ganz eng mit ihm zusammenarbeiten und alles dafür tun, um diese Kinder zu fördern, damit sie einen anderen Blick aufs Leben und eine Zukunft bekommen. Natürlich hoffen wir auch, dass der Vater es schafft, stabil zu bleiben und nicht wieder der Versuchung der Drogen und Kriminalität erliegt. Er hat jetzt erklärt, dass er nicht mehr in dieser Hütte unter den so schrecklichen Bedingungen leben will.

Die Umstände, in denen sie leben, sind so schrecklich, dass die KINDERHILFE sie durch ständige Beratung und Beistand begleiten wird, um zu erreichen, dass er mit den Kindern die Unterkunft zu wechseln kann, denn das Viertel, in dem sie wohnen, ist extrem gefährlich. Alles was sie dort erleben, sind nur Drogenprobleme, Prostitution, Alkoholismus und Kämpfe von Drogenbanden.

Angesichts solcher Schicksale können wir nur wieder bekräftigen, dass die KINDERHILFE im Augenblick die einzige Hoffnung für viele Kinder ist, den Kreislauf aus Misshandlungen und Drogen zu durchbrechen. Sie werden mit der Liebe betreut und behütet, die ihnen ihre eigenen Eltern oft nicht geben können, weil sie selber diese nie erfahren haben. Hier in der KINDERHILFE ist uns die Zuneigung für die besonders Bedürftigen sehr wichtig, weil genau sie es sind, die unsere Zuwendung und Schutz brauchen, da sie wegen der Situation ihrer Eltern in noch größerer Not sind. Die Arbeit der KINDERHILFE bedeutet die Hoffnung auf ein neues Leben und ist fähig, die Perspektive jedes Menschen zu verändern, der unsere Räume betritt. Wir bedanken uns dafür, dass SIE das ermöglichen. Ohne IHRE Unterstützung, IHRE Spenden und IHRE Anstrengungen, wäre nichts davon möglich.

Sandra Yicel Medina Sanchez