HAUS URSULA IN POPAYAN – Viertes Quartal 2023

Traurigerweise spiegelt sich Kolumbien derzeit in den herzzerreißenden Geschichten der Gewalt wider, die in unserem Land passieren. Es ist beschämend, dass es zu den Regierungsvorhaben gehört hat, eine Rekordzahl an Toten vorzugeben, Toten unter uns selber, die wir aus ein und demselben Land sind. Dabei wurden sie unter den verletzlichsten und unschuldigsten ausgesucht, um sie als militärische Objekte zu präsentieren, indem man Gott spielte und den Tag und die Stunde ihres Todes bestimmte.

Man gibt sich den Anschein, die Macht zu haben den „Feind“ zu besiegen. Dabei ist in unserem Land die Moral verloren gegangen, nur mit dem Ziel aus Kolumbien ein gewaltfreies Land zu machen. Es gibt niemals einen Grund, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Trotzdem wurden zu unrecht Personen beschuldigt, die NIEMALS eine Waffe in der Hand hatten, sie hätten als Mitglieder bewaffneter Gruppen bei verschiedenen Guerilla-Angriffen Zivilisten umgebracht.

In einem neu erschienen Bericht der Sonderjustiz für den Frieden (JEP) wurde am 31. Juli 2023 der Oberst im Ruhestand Publio Hernan Mejia Gutierrez schriftlich beschuldigt, Tötungsdelikte an Schutzbefohlenen, Folter und gewaltsames Verschwinden begangen zu haben. Während seiner Tätigkeit als Kommandant des Bataillons La Popa de Valledupar war er verantwortlich für 72 ungesetzliche Hinrichtungen. Gemäß der schriftlichen Beschuldigung „hat Publio Hernan Mejia Gutierrez zwischen Dezember 2001 und November 2003 über einen illegalen Machtapparat einen verbrecherischen Plan erdacht, entworfen und ausgeführt, der darin bestand, Zivilpersonen zu ermorden und sie als im Kampf Gefallene zu präsentieren. Damit wollte er der Gesellschaft ein falsches Gefühl von Sicherheit geben und sich den Anschein des besten Offiziers des Nationalen Heeres.“ Die mit der Untersuchung Beauftragten der betreffenden Einheit stellten fest, dass dem illegalen Machtapparat, den Majira Gutierrez erfand und nutzte, immer die gleichen Menschen zum Opfer fielen: Jugendliche ohne finanzielle Mittel, Arbeitslose, die in vielen Fällen aus zerfallenden Familien kämen, wegen derer es keine größeren Untersuchungen geben würde und Indigene sowie Landbevölkerung aus den Gegenden, in denen der Staat nicht präsent sei,  sondern nur illegale bewaffnete Gruppen.

Die Autoritäten haben bitterarme Jugendliche aus Familien, die keinen Zugang zur Justiz haben, missbraucht. Menschen, die um ihre Angehörigen weinten, wurden gezwungen zu akzeptieren, dass diese Guerilleros waren. Zusätzlich wurden sie trotz ihres Kummers bedroht, so dass sie zusammen mit ihren Angehörigen sämtliche Hoffnungen begraben mussten. Viele Kinder wurden zu Waisen, Mütter alleingelassen und Familien auseinandergerissen. Wieviel Leid herrscht in Kolumbien!!

Auf der anderen Seite wurden Offiziere und Oberste unserer kolumbianischen Streitkräfte belohnt und ausgezeichnet für die „Gefallenen aus den ungesetzlichen Gruppen“, während in Wirklichkeit in Kolumbien dieselbe Gewalt weitergeht.

Die Untersuchungen der staatlichen Behörden stellten fest, dass bei den begangenen Taten (Morde, Folter und Verschwundene) in den meisten Fällen der Tatort manipuliert wurde und vieles vertuscht wurde, um die Handlungen des illegalen Machtapparates glaubwürdig zu machen, den der Oberst Mejia Gutierrez erdacht und angeführt hatte.

So kam es, dass einige Staatsanwälte und Rechtsanwälte es nach wenigen Tagen vorzogen, diese Untersuchungen wegen des Mordes an unschuldigen Personen an die militärische Strafjustiz zu übergeben, damit sie dort endgültig archiviert wurden.

Man muss bedenken, dass wir einen Friedensprozess hatten mit riesigen Anstrengungen und Kosten für das Land und noch ruhenden Prozessen, weil Kolumbien nicht gegen die Menge von Toten und Verschwundenen ankommt, die immer noch registriert werden; und die Hoffnungen  waren wieder gleich Null, als der Staat versuchte, ein Friedensabkommen mit einer unserer bewaffneten Gruppen zu schließen. Das alles hat nichts genützt, es gibt weiterhin Entführungen und andere Verbrechen gegen die Menschenrechte und das sogar durch diesen selben Staat.

Es ist fürchterlich, dass es in Kolumbien nicht nur so schlechte soziale Klassen gibt, sondern auch die Verletzungen, grausame Taten und die Verschleierung derselben. So gewiss es ist, dass unser Land auf einem der ersten Plätze der Ignoranz weltweit steht, so sicher ist es auch, dass unser Staat und die Gesellschaft nichts tun, um daran etwas zu ändern. In Kolumbien suchten Bürger ihre eigenen Landsleute auf, die eigenen Nachbarn, um sie zu ihrem eigenen Nutzen umzubringen, ihre Habe zu rauben und mehr, denn Zeugen berichten, wie sie ihre Opfer abholten, mit ihnen redeten und Vertrauen einflößten, um ihnen zu angemessener Stunde den Gnadenschuss zu geben.

Und ja, es gab welche, die sich diesen Verbrechen widersetzten. So wie im Falle des jungen Polizisten, für dessen Tod sein Vater sich bis zum letzten Tag seines Lebens bemühte, Gerechtigkeit zu erlangen. Aber bevor irgendjemand die Verantwortung für diese Taten übernehmen musste, starb er.

Das ist unser Kolumbien, wo wir zwar von diesem schrecklichen Kapitel wussten, wo jetzt aber erneut genaue Details ans Licht kommen, die eine Gänsehaut erzeugen. Angesichts der kritischen wirtschaftlichen Lage, die sich hier immer weiter verschärft, fürchten wir um den Erhalt unserer Gesellschaft. Inzwischen gibt es in unserer Stadt Kämpfe um einen Platz für Straßenverkäufer oder einfach nur wegen Schulden. Der Handel mit Drogen und das Fehlen legaler Arbeitsplätze hat zu Gewalt, Verbitterung und Rache geführt. Im Dezember steigerte sich das alles, so dass man in Erholungsgebieten und auf Kinderspielplätzen viel schreckliches erleben kann.

Angesichts dieser Aussichten, kann daraus ein Umfeld für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen entstehen? Natürlich nicht! Es ist nicht möglich, dass sich unter diesen Umständen die Jugend gut entwickeln kann. Es gibt viele Bildungseinrichtungen, die die Kämpfe und Nachstellungen in den Schulen nicht mehr verhindern können, sodass schon viele Kinder nicht mehr zur Schule gehen.

Aber auf die vorige Frage können wir nur antworten, dass die KINDERHILFE sich da auszeichnet. Unser Verein ist angesichts von so viel Not standhaft geblieben. Die Entwicklungen und Möglichkeiten in diesem Jahr haben unseren Familien zeigen können, dass jemand Vertrauen in uns setzt, dass es Menschen gibt, die diese Veränderungen möglich machen. Deshalb werden wir ganz schnell von einigen positiven Entwicklungen erzählen, denn alle unsere Familien sind unendlich dankbar für das Viele, das sie erhalten haben, und das gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Zuwendung.

Da ist erst einmal  Doña Andrea, die nicht wusste, wie sie ihr Baby zur Welt bringen sollte und die definitiv beschlossen hatte, ihr Universitätsstudium abzubrechen. Sie hatte sich seelisch damit abgefunden, Putzen zu gehen und im Straßenverkauf zu arbeiten. Dadurch wurde sie völlig mutlos und sie zog ihre Kinder mit in die Depression, wobei sie keine feste Unterkunft besaß. Aber dank des Vereins gab es neue Möglichkeiten für sie. Denn seit ihre Tochter hier aufgenommen wurde, übernahmen wir die Kosten für die Matrikelgebühren an der Universität. Dann wurde nicht nur Valentina aufgenommen, sondern auch ihr Baby bekam gleich einen Platz in der Babykrippe. Sogar sie selbst fand hier einen Platz zum Lernen. Wir hatten mitbekommen, wie sie für ihre letzten Prüfungen die Nächte durcharbeitete, dann zu Gruppenarbeiten in die Universität ging oder um bei den Professoren Ratschläge einzuholen. Aber wie konnte sie das schaffen?? Das war nur möglich, weil sie beruhigt sein konnte, dass die KINDERHILFE ihre Kinder betreute. Sie bekamen zu essen und konnten sich anders entwickeln als mit der Depression, die ihre Mutter überwältigt hatte. Außerdem bekam auch Doña Andrea in der KINDERHILFE ihre festen Mahlzeiten.

Mit den dreien ging es aufwärts. Doña Andrea schaffte es, alle Fächer ihres Studiums zu beenden. Jetzt muss sie ihre Abschlussarbeit fertigstellen und die Prüfung in Englisch bestehen. Für all dies hat sie neue Kräfte gefunden, denn die KINDERHILFE hat ihr während dieser Zeit die Miete bezahlt und sie mit der Lebensmitteln für die Abende und Wochenenden zuhause unterstützt. Dabei hat sie wieder Lachen gelernt und hilft in der Gruppe der Schulkinder. Diese kennen und lieben sie schon als neue Betreuerin, und sie ist sehr geduldig darin, ihnen bei den Aufgaben zu helfen. Die Zuneigung der Kinder hat ihr Selbstwertgefühl schon sehr gesteigert.

Die beiden kleinen Kinder haben ebenfalls ihre Schüchternheit überwunden, sind aufgeschlossen und zutraulich. Die Ärzte, bei denen sie zu Kontrolluntersuchungen waren, hatten immer nur negative Beobachtungen gemacht, sind jetzt aber überrascht über ihre Fortschritte. Und Dona Andrea ist jetzt viel konzentrierter und hat uns mehr Details aus ihrem Leben verraten, wodurch wir ihr helfen können, sich sicherer und geborgen in einer Familie zu fühlen.

Eine andere wichtige Geschichte ist die von Doña Leidy. Dank der Spenden und der Möglichkeit, in der Kinderhilfe in der Küche zu arbeiten, hat sie aufatmen können. Jetzt hat sie die finanziellen Möglichkeiten, nach und nach von ihren Schulden loszukommen, obwohl das noch lange dauert. Aber jetzt hat sie die Hoffnung, dass das eines Tages möglich sein wird, denn bevor sie die Arbeit in der Kinderhilfe bekam, drehte ihr Leben sich immer wieder um die Schulden, die sie immer aufs Neue machen musste, um die alten zu bezahlen, die durch ständig steigenden Zinsen immer weiter anwuchsen. Sie hatte nicht einmal das Geld, um die Nebenkosten zu bezahlen oder etwas zu essen, und ihre Einkünfte wären nie ausreichend gewesen. Nicht in zehn Jahren hätte sie ihre Schulden zurückzahlen können, und gleichzeitig erlebten ihre Söhne Dinge, die alles übertrafen und sich auf ihr Verhalten auswirkten, und nur in der Kinderhilfe hat man sie jetzt betreuen können.

In Kürze wird dieses Erlebnis, das sie mit dem Betrug hatte, Geschichte sein, was durch die Bemühungen und geschickten Spenden möglich wurde. Diese Frau hat jeden erhaltenen Peso gut eingeteilt und gleichzeitig eine neue Chance gefunden  und hier diese Möglichkeit, sich alles von der Seele zu reden.  Durch all das Leid ihrer Kindheit hat sie alles im Leben mit sich selber ausgemacht, weshalb ihr niemals jemand helfen konnte. Aber jetzt hat sie gelernt, daß die Lasten leichter zu tragen sind, wenn man sie teilen kann. Auch wenn sie Hilfe für ihre Söhne bekommt, wissen wir nicht, wie lange deren Probleme andauern werden. Aber jetzt hat sie in der Kinderhilfe eine Familie und keine Probleme mehr mit der Gastritis, unter der sie gelitten hatte. Auch wenn ihr Leben weiterhin anstrengend und schwer ist, denn sie bereitet immer noch an den Wochenenden Speisen zu, um sie zu verkaufen, ist sie weiterhin die Starke und der Halt ihrer Familie, auch für ihren geistig behinderten Schwager und den alten Schwiegervater. Dank der Spenden konnte sie endlich die alte, schmutzige und übel riechende Matratze ihres Schwagers durch eine neue austauschen.

Und hier wollen wir jetzt auch das Patenkind Sara Tatiana hervorheben. Sie kam als ganz kleines Kind in die Kinderhilfe und wuchs in einer Familie auf, deren Mitglieder Drogen konsumierten. Sie war so stark unterernährt, dass sie heute immer noch unter den Folgen leidet. Aber nur der Kinderhilfe ist es zu verdanken, dass sie mit zwei Jahren wegen dieser Unterernährung nicht ins Krankenhaus musste.

Und nach all den Jahren einer guten Entwicklung  bei uns und dem Wunder, das Gott damit hat geschehen lassen, hat sie sich heute für ein Studium an der Universität entscheiden können.  Sie hat ärztliche Behandlungen bekommen und war das ganze letzte Jahr hindurch eine tolle Hilfe in der Babykrippe. Für jene Babys, die so dringend Zuwendung brauchten und Verhaltensprobleme hatten, war sie von vitaler Bedeutung in ihrer Entwicklung. Auch war sie es, die die Babykrippe geschmückt  und immer da in den Gruppen geholfen hat, wo es nötig war. Aber uns macht es Freude, ihre Entwicklung zu sehen, ihr pünktliches Kommen und sogar ihre Eifersucht bei den Babys und in der Gruppe. Dabei ist sie gleichzeitig ein Vorbild für alle unsere Jugendlichen in der weiterführenden Schule, die alle diese Zuwendung spüren und sich nützlich fühlen mit ihrer Hilfe. Es ist wunderschön, ihr Vertrauen in uns zu erkennen und wie sicher sie sich fühlen.

Auch müssen wir unbedingt das Patenkind Nikol Daniela Chavez erwähnen, die sich in ihrer Persönlichkeit sehr gut entwickelt hat. Sie wirkt jetzt reifer und toleranter all ihren emotionalen und familiären Problemen gegenüber, die vom Drogenmissbrauch  und dem Machoismus ihrer Angehörigen bestimmt sind. Unabhängig von ihrer Lage ist sie konzentriert und gibt den Kindern Zuwendung und eine angemessene Behandlung. Sie ist ein Vorbild für die Jugendlichen, handelt gemäß der Bedürfnisse und kann inzwischen von ihrem Problem erzählen, ohne dass es sie noch schmerzt. Für uns ist es schön, dieses Wachsen und Reifen durch die Unterstützungen, die SIE als Spender geben können, zu erleben. Sie fühlt sich hier gut untergebracht und empfindet das Haus Ursula schon als ihre wichtigste Aufgabe. Aber sie hilft auch gelegentlich bei den Schulkindern und kennt sich in allen Gruppen gut aus, in denen sie immer eine wertvolle Hilfe ist.

Und als letzte wollen wir auch noch Karol Yuliana vorstellen, die mit der Alphabetisierung (von der Schule vorgeschrieben) in der Kita begonnen und sich in kurzer Zeit durch ihre Führungsqualitäten und Fürsorge als eine verantwortungsbewußte Jugendliche ausgezeichnet hat. Sie zeigt hier neue Fähigkeiten, die vorher wegen ihrer vielen Verpflichtungen nicht zu erkennen waren. Aber sie kann von der Entwicklung der Kinder lernen und gleichzeitig Zuwendung schenken und empfangen, was ihr zuhause nicht so möglich ist.

In dieser Weihnachtszeit können unsere Kinder die kreativen Beschäftigungen des Advents genießen, anstatt auf der Straße zu sein, mißbraucht zu werden oder arbeiten zu müssen. Es ist eine Freude, wenn alle Gruppen sich für eine Weile vereinen können, wobei unsere Babys immer besonders verwöhnt werden. Bei den Aktivitäten helfen die Größeren immer den Kleinen.

Für unsere Kinder ist es schwer, nach Hause zu kommen, wo es normalerweise unendlich viele Probleme gibt. Das Zusammenleben ist dort überall schlecht und das Essen knapp. Deshalb ist die Kinderhilfe für alle unsere Kinder und Jugendlichen der richtige Ort, damit sie sich wirklich gut entwickeln können. Jede unserer Mütter ist sehr dankbar, und wir könnten von jeder von ihren Fortschritten in diesem Jahr berichten. Im Haus Ursula haben wir helfen und den Hunger stillen können, unter dem man in unserer Stadt leidet, und immer hören wir von der wunderbaren Tätigkeit, die SIE in jeder Familie wirksam werden lassen.

Es sind unsere Kinder, die am verletzlichsten sind, und grade an ihnen handelt unser eigener Staat besonders gewalttätig. Wenn nicht die Kinderhilfe wäre und SIE, liebe Spender, könnten diese Kleinen zu den vielen gehören, die als „falsos positivos“ begraben wurden, genau wie ihre Eltern und Geschwister. Aber jetzt haben SIE den Unterschied aufzeigen und ihnen eine bessere Zukunft ermöglichen können.

Wir werden nie müde werden zu sagen:  VIELEN DANK!

Yaneth Rocio Pantoja Rivera