Hoffnung für Kinder ohne Zukunft in Popayán: Drittes Quartal 2022

Der Verein KINDERHILFE ist, war und wird in Kolumbien für viele Menschen die Chance sein, ihre Familiengeschichte zu ändern. In diesem Land, voller sozialer Probleme, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, gibt es unendlich viele Familien die es niemals geschafft haben, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Sie haben nie eine Chance gehabt und auch niemanden, der ihnen gezeigt hätte, dass es irgendwo jenseits ihres Umfeldes andere Lebensweisen gibt, dass man mit Anstrengungen, Beständigkeit und Beharrlichkeit weiterkommen kann. Die Probleme in den Armenvierteln nehmen täglich weiter zu. Der Staat tut nichts, um Lösungen zu finden und Alternativen anzubieten. Das betrifft vor allem die besonders vernachlässigten Gebiete, denn dort gibt es nicht einmal eine gute Bildung, die normalerweise ein Recht für alle sein sollte.

Bei der KINDERHILFE ist das anders. Sie befindet sich an strategisch günstigen Orten der Stadt. Nur so war es möglich, dass im Laufe der Jahre hunderte von Kindern eine andere Lebensweise kennenlernen konnten. Sie haben für sich und ihre Familien andere Wege gefunden, mit denen sie den Kreislauf durchbrechen konnten. Sie haben alle gezeigt, dass man auch hier vorankommen und positiv zur Gesellschaft beitragen kann.

Die KINDERHILFE kennt viele solcher Werdegänge, und einen davon stellen wir diesmal vor. Um ihre Identität zu schützen, wurde der Name der Hauptperson geändert.

Ana kam im Alter von 2 Jahren in die Kita in Haus Ursula. Wie bei den meisten Kindern ist ihre Familiengeschichte recht chaotisch. Sie ist die jüngste Tochter einer Mutter, die aus Bolivar, Cauca stammt. Als diese nach Popayán kam, geriet sie in schlechte Kreise. Ihre neuen Freunde verführten sie zum Drogen- und Alkoholkonsum. Oft hatte sie nichts zu essen, so dass die Drogen ihr halfen, den Hunger zu ertragen. Ihre Mutter stellte jede Hilfe ein, als sie erkannte, dass sie in schlechte Gesellschaft geraten waren und nichts tat, um zur Schule zu gehen oder anders voranzukommen. Die Frau musste sehr hart auf den Feldern in Bolivar arbeiten und fand es nicht richtig, ihren Kindern ein Leben auf der Straße und die Drogen zu finanzieren. Natürlich war es auch ihr Fehler, dass sie sie so jung in die Stadt geschickt hatte. Denn die Einsamkeit und falsch genutzte Freiheit hat vielen Jugendlichen geschadet, wie man an diesem Beispiel sieht.

Anas Mutter probierte in ihrem Leben viele bewusstseinserweiternde Substanzen und Alkohol, sogar während ihrer Schwangerschaften. Sie bekam drei Kinder aus verschiedenen Beziehungen. Die Väter ihrer Kinder hatten eines gemeinsam: Sie konsumierten mit ihr Drogen und misshandelten sie. Die Beziehungen waren stürmisch, voller Gewalt und dauerten deshalb auch nicht lange. In dieser Zeit hatte sie eine Menge Probleme, die sie immer wieder auf der Straße leben ließen. Auch war sie etliche Male im Gefängnis, und ihre Kinder erlebten alle diese schlimmen Erfahrungen mit. Eine Ausnahme war ihre älteste Tochter, die die Großmutter schon ganz früh zu sich geholt hatte. Sie wollte nicht alle Kinder zu sich nehmen, weil sie fand, dass deren Mutter für ihr Verhalten verantwortlich sei. Deshalb erlitt ihr zweites Kind, ein Sohn, alle Konsequenzen des schlimmen Umfeldes in dem er aufwuchs, und lebte schließlich – genau wie die Mutter – auf der Straße und nahm Drogen. Er wurde kriminell und landete viele Male im Jugendgefängnis.

Zum Glück fand Ana mit 2 Jahren bereits Zuflucht in der KINDERHILFE. Anfangs brachte ihre Mutter das Kind regelmäßig und pünktlich in den Verein. Sie selbst erhielt Hilfe und Rat und hatte Zeiten, in denen sie von den Drogen loskam und als Straßenverkäuferin Obstsalate verkaufte. Damals versuchte sie auch, ihrem Sohn zu helfen. Das war aber nicht möglich, denn er war schon zu sehr vom Leben der Straße geprägt und beeinflusst.

Als Anas Mutter wieder rückfällig wurde, brachten ihre Großmutter und ihre ältere Schwester sie in den Verein und kümmerten sich um sie, damit sie nicht das gleiche Schicksal erlitt wie ihr Bruder. Dadurch war Ana in den letzten 5 Jahren überwiegend in der Obhut der beiden, die für sie auch ein gutes Vorbild waren. Ihre Mutter zog sich mit ihren vielfältigen Problemen völlig zurück.

Im Leben Anas gab es viele Schicksalsschläge. So konnte sie für eine Weile eine familiäre Beziehung zu ihrem Vater aufbauen. Dieser liebte sie sehr, holte sie vom Verein ab und brachte sie in die Schule. Die Wochenenden verbrachten sie zusammen, und er schenkte ihr viel Zuwendung. Er litt jedoch an Prostatakrebs und starb wenig später daran. Für Ana war es sehr hart, den Vater zu verlieren, und sie trauerte lange, was sich dann auch auf ihre schulischen Leistungen auswirkte. Bei ihrer Mutter konnte sie keinen Trost finden, da sie schließlich wieder im Gefängnis saß.

Anas Gesundheit ist sehr belastet durch die Unterernährung, an der sie schon im Mutterleib litt. Ihre Mutter nahm während der Schwangerschaft Drogen und hatte nur wenig zu essen. Dadurch bekam sie eine lebenslange Hautkrankheit, vor allem auf der Kopfhaut. Sie ist sehr klein und dünn und wirkt schwach und zerbrechlich. Die KINDERHILFE hat ihr durch Spenden und finanzielle Unterstützung geholfen Arztbesuche und Medikamente zu bezahlen. Und mit ganz viel Liebe, Zuwendung und Betreuung hat sie sich gut entwickelt und ist heil durch die einzelnen Phasen ihrer Kindheit gekommen.

Sie wird die Schule mit guten Noten und dem Abitur beenden. Über die Jahre hat sie ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zum Verein entwickelt, in dem sie so lange betreut wurde. Dank der KINDERHILFE hatte ihr Lebens im Umfeld von Drogen, Misshandlungen und Kriminalität keinen Einfluss auf sie und konnte ihr nicht schaden. Heute wünscht sie sich eine Ausbildung machen, um eine bessere Zukunft zu haben und ihre Lebensqualität zu verbessern.

Dies ist eine weitere Lebensgeschichte, mit der wir Erfolg hatten. Denn die KINDERHILFE hat ein weiteres Leben gerettet.

Um gute Arbeit zu leisten, verfügt die KINDERHILFE über gut ausgebildetes Personal mit einem sozialen Gewissen, dessen Tätigkeit immer Erziehung und Bildung jener zum Ziel hat, die zu uns kommen. Bei jeder Mitarbeiterin sind, auch bei den noch so einfachen Tätigkeiten, Liebe, soziale Verantwortung und ganz viel Zuwendung zu den Kindern eine absolute Notwendigkeit. Nur so können sie sich zuhause und geliebt fühlen, spüren, dass sie für jemanden wichtig sind. Das motiviert sie zum Durchhalten.

Im Haupthaus des Vereins wird weiterhin schulische Nachhilfe angeboten, mit Schwerpunkt auf jene Kinder, die leistungsmäßige Probleme haben. Einige haben sich immer noch nicht nach dem virtuellen Unterricht umstellen können, mit dem sie mehr als zwei Jahre lernen mussten. Das hat bei ihnen große Wissenslücken hinterlassen und viele unverstandene Themen. Deshalb müssen unsere Betreuerinnen Möglichkeiten finden, um ihnen zu helfen, in der Schule besser zu werden. Leider haben einige Kinder so große Lernschwierigkeiten, dass es ihnen schwer möglich ist diese vollkommen aufzuholen – egal wie viel Hilfe wir ihnen auch gaben. Fächer, wie Mathematik, Spanisch und Sozialkunde sind dabei die schwierigsten. Hier ist Geduld und Hingabe der Mitarbeiterinnen besonders gefragt, damit sie von den Kindern verstanden werden.

Dazu muss unbedingt die Arbeit von Señora Carmen Lilian an den Samstagen erwähnt werden. Sie hilft jenen, die die größten leistungsmäßigen Schwächen haben. Es ist eine sehr persönliche Nachhilfe, denn wir können nicht allen Kindern die Woche über einzeln so viel Zeit widmen. Es sind zu viele Kinder mit den verschiedensten Hausaufgaben in den Gruppen. Daher sind das Lesen und Schreiben wichtige Themen an diesem Tag.

Wir sind allen Spendern unendlich dankbar, dass sie uns dabei helfen so viele Leben zu retten, denn ohne die Existenz der KINDERHILFE gäbe es diese schönen Geschichten nicht zu erzählen. Das Lächeln und die Zufriedenheit über ein besseres Leben sind der größte Dank, den man über die Entfernung hinweg geben kann.

Sandra Yicel Medina Sanchez