Hoffnung für Kinder ohne Zukunft Popayan: 2. Quartalsbericht Juli  2022

In der Geschichte der KINDERHILFE lassen sich immer wieder die positiven Auswirkungen erkennen, die diese über die Jahre hinweg auf die betreuten Kinder hatte. Oft hat ihre Begleitung im Babyalter begonnen und bis zur Universität gedauert. Dabei wurden viele ausgezeichnete Fachkräfte ausgebildet, die heute mit ihrem Leben und ihren Kenntnissen wertvoll für die Gesellschaft sind. Besonders gute Beispiele dafür sind die meisten Mitarbeiterinnen des Vereins.

So ein Neuanfang beginnt üblicherweise, wenn eines Tages irgendein Vater oder eine Mutter in den Verein kommt mit der Bitte, ihr Kind aufzunehmen, voller Verzweiflung, ohne Hoffnung und auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Lebenschancen verbessern zu können, um zu überleben.

In diesem Bericht möchten wir an die Macht der Veränderung erinnern, die die KINDERHILFE immer gehabt hat. Deshalb stellen wir jetzt eine Jugendliche vor, die mit 3 Jahren in den Verein kam. Nach der Kita kam sie als Schulkind in die Gruppe HOFFNUNG und dann in das Patenprogramm. Inzwischen ist sie 18 Jahre alt, und dank der KINDERHILFE basiert ihr Leben heute auf Werten, Prinzipien und einer Lebenseinstellung, für das sie sich eine positive Zukunft vorstellen kann. Das alles bewirkte hauptsächlich die KINDERHILFE, denn von ihrer Familie hatte sie, wegen unendlicher sozialer Probleme und bitterster Armut, nichts zu erwarten. In dieser Familie konnte die KINDERHILFE auch nur etwas erreichen, weil es einen Menschen gab, der für das Kind kämpfen wollte.

Es ist kaum möglich über die vielen traurigen Erlebnisse im Leben dieses jungen Menschen zu berichten; aber wir wollen versuchen, zusammenzufassen, wie die KINDERHILFE fundamental für ihr Leben wurde, um ihre vielen schweren Rückschläge zu überwinden. Die Mutter des Mädchens begann in ihrer Jugend, genau wie alle ihre Cousins und Cousinen, Drogen und bewusstseinserweiternde Substanzen zu konsumieren. Als sie jedoch schwanger wurde, hörte sie damit auf. Der Vater des Kindes kam aus demselben Umfeld und hatte jedoch kein Interesse daran, für seine Tochter zu sorgen, während die Mutter seines Kindes noch dabei war, einen Drogenentzug zu machen.

Inmitten all der Unsicherheiten und Schutzlosigkeit ging die junge Mutter mit dem Neugeborenen in eine weit abgelegene ländliche Gegend, wo sich ihre Lebensbedingungen sehr verschlechterten. Dort gab es nicht einmal Zugang zu irgendwelchen Bildungsmöglichkeiten. Deshalb bat die Großmutter um Hilfe vom Verein und fuhr dorthin, um das Kind zurückzuholen, das sie seitdem bei ihr aufwuchs. Möglich war das aber nur, weil sie sich auf einen so beständigen Verein, wie die KINDERHILFE, verlassen konnte.

Leider haben sich die Cousins der Mutter nicht dazu entschlossen, rechtzeitig von den Drogen zu lassen, was zu fatalen Folgen für ihr Leben führte. Das wirkte sich auch auf die nächsten Generationen aus. Unsere Jugendliche entdeckte den Leichnam eines Cousins, der sich das Leben genommen hatte. Ein weiterer Cousin wurde ermordet, nur weil er sich in diesem kriminellen Umfeld aufgehalten hatte. Sie musste immer wieder den Kummer und Schmerz der Großmutter und der Urgroßeltern erleben und der Tanten, die ihre Kinder als Drogenkonsumenten verloren und mit deren Tod sie ständig rechnen mussten. Im Laufe der Jahre starben immer mehr Cousins, und die nächste Generation dieser Familie brachte in ihren Beziehungen nur noch mehr Kinder zur Welt, um zu leiden und diese Lebensform weiterzuführen. Der Sohn des jungen Mannes, der sich das Leben nahm, stammte aus einer Beziehung mit einer jungen Frau, die ebenfalls kriminell wurde. Diese junge Frau ist wegen etlicher bewaffneter Überfälle zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Ihre Mutter muss jetzt für ihre andere Tochter sorgen und gleichzeitig ihre Tochter im Gefängnis mit allem Nötigen unterstützen. Die Großmutter unserer Jugendlichen im Verein dagegen hat den älteren Sohn übernommen, der sich leider inzwischen rebellisch zeigt. Er hat begonnen zu rauchen, und man muss leider befürchten, dass er sich das Verhalten der Familie und des Umfeldes angewöhnen wird, denn er zeigt sich jetzt schon seinen Angehörigen gegenüber rücksichtslos.

Dabei muss diese Jugendliche, die in der KINDERHILFE aufgewachsen ist, ständig ihre persönlichen Dinge bewachen. Sie muss immer die Tür abschließen, wenn sie das Haus verlässt, sogar wenn sie ins Bad geht, denn ihre Urgroßmutter hat einem der drogenabhängigen Cousins erlaubt, bei ihnen zu wohnen. Dieser wird von Jugendbanden bedroht und nutzt jede Gelegenheit, die Tür zum Zimmer der Jugendlichen und ihrer Großmutter gewaltsam zu öffnen, um ihnen etwas zu stehlen, das er gegen Drogen eintauschen kann. So hat dieses Mädchen nicht einmal in ihrem eigenen Zimmer Ruhe. Sie ist immer sehr bedrückt, wenn zuhause wieder so etwas passiert. Dennoch ist sie sehr stark, denn wenn sie in der KINDERHILFE ist, schafft sie es, den Kindern schöne und lehrreiche  Momente zu ermöglichen. Hier kann sie abschalten und sich vom schlechten Umfeld entfernen, in dem es leben muss. Zuhause schließt sie sich ein und geht nur hinaus, um ihre Wäsche zu waschen und bei der Hausarbeit zu helfen. Niemals sieht man sie auf der Straße. In ihrem eigenen Viertel wird sie als andersartig gesehen. Sie hat hohe Erwartungen an ihre Zukunft, und deshalb war sie auch sehr enttäuscht, als sie die Prüfungen zur staatlichen Universität nicht bestand, denn sie möchte etwas sinnvolles erlernen. Sie möchte eines Tages ein Häuschen haben, um mit ihrer Großmutter diese Gegend verlassen zu können. Diese Träume treiben sie an sich über alles  hinwegzusetzen und die Richtung nicht zu verlieren. Sogar ihre Familie hat ihr vorgehalten, dass sie wegen der Unterstützung der KINDERHILFE das beste Beispiel sein müsste, während man von ihren Cousins und Cousinen, die diese Chance nicht hatten, auch nichts verlangen könnte. Natürlich ist das ungerecht, denn sie versucht, nach Kräften zuhause zu helfen und Probleme zu vermeiden, während ihre Cousins nur zum Essen kommen, frech werden und die Sachen wegschleppen. Außerdem bringen sie das Leben ihrer Angehörigen in Gefahr, wenn sie bei Angriffen mit Waffengewalt verfolgt werden. Jeden Dezember oder an anderen Festen lebt sie in Angst und Schrecken, weil ihre Angehörigen alkoholisiert Verbrechen begehen, für die sie bis ins Haus hinein verfolgt werden. Im Verein kann sie sich immer Kraft holen. Wenn sie jedoch abends von der Universität nach Hause kommt, ist es abends in ihrem Viertel sehr gefährlich, auch wegen der eigenen Angehörigen. Dennoch ist sie fest entschlossen, eine Ausbildung zu machen.

So sehr sie Gefühlsbekundungen von Angehörigen ausweicht, so stark ist ihr Vertrauen aber in die KINDERHILFE, wo sie die Nähe der Betreuerinnen sucht. Und so ist der Verein zu ihrem Zuhause geworden, wo sie ein starkes Zugehörigkeitsgefühl entwickelt hat und sich aktiv in allen Gruppen beteiligt. Sorgen macht sie sich natürlich um die Finanzierung ihrer Ausbildung, während sie aber alle sozialen Kontakte zu anderen Jugendlichen meidet und vor allem keine emotionalen Bindungen eingehen will. Das sind die Folgen ihrer Erlebnisse mit den Cousins und des Aufwachsend ohne Vater, den sie zwar kennt und der in ihrer Nähe lebt, der sich aber nie ernsthaft um sie gekümmert hat.

Diese Jugendliche konnte gerettet werden aus einer Welt der Kriminalität, der Drogen, Mörder, Morde, Rebellion und Misshandlungen, wo sie ihrer Freiheit beraubt ist. Sie bringt jetzt den Willen auf, eine Ausbildung zu machen, um dem Umfeld ganz zu entkommen. Möglich wurde das nur, weil sie dank der Spender in Deutschland schon ganz früh in ein anderes Umfeld kommen konnte. Spender wie SIE ermöglichen durch die frühzeitige Betreuung unserer Kinder die Veränderung ihres Lebensweges.

Wir konnten ihre Sicht auf das Leben so verändern, dass sie selber Angst hat, ihr gefährliches Viertel abends zu betreten und dass sie von ihren Nachbarn nicht anerkannt wird, weil sie sich nicht auf der Straße aufhält oder dort Freunde hat. Sie ist nur mit den Jugendlichen der KINDERHILFE zusammen und möchte unbedingt vorankommen. Sie kommt voller Begeisterung in den Verein, ihrem eigentlichen Zuhause, wo sie jetzt täglich hilft, als Gegenleistung für alle Unterstützung, die sie bekommen hat. Damit sie weiterhin hier helfen kann, hat sie sich an der Universität im Abendunterricht angemeldet, wo sie ihre Kenntnisse und Vision vom Leben noch mehr erweitern können wird. Hier bei uns hilft sie in den Kitas und bei den Schulkindern bei der Betreuung, bei der Anfertigung des didaktischen Materials und auch bei der Hausaufgabenhilfe, indem sie all das weiter gibt, was sie in vielen Jahren hier erfahren hat.

An diesem einen Beispiel können wir zeigen was wir bewirken und den Unterschied zwischen denen, die hier bei uns sein können und jenen, die diese Möglichkeit nicht haben und weiter inmitten vieler familiärer Probleme aufwachsen müssen, in einem  chaotischen Umfeld, in Hunger und Elend.

Hunderte von Kindern, wie dieses  haben schon diese Chancen bekommen und haben ihre Zukunft und Lebensgeschichte ändern können. Inzwischen haben wir zum Glück mehr positive Geschichten zu erzählen, Geschichten von Kämpfen, von Veränderungen und Durchhaltevermögen, als von Versagen. Aber wir müssen auch bekennen, dass es trotz der großen Anstrengungen Fälle gibt, in denen wir nicht viel erreichen können. Dies geschieht vor allem dann, wenn die Eltern sich nicht an den Bemühungen des Vereins beteiligen, denn gegen die Familie können wir kaum etwas erreichen. Deshalb betonen wir auch so sehr den Verdienst der Großmutter unserer vorgestellten Jugendlichen, denn diese war es, die sie zu uns brachte und immer unterstützte. Ohne sie wäre die Geschichte des Mädchens anders ausgegangen.

Insgesamt ist es in der Gruppe den Jugendlichen schwer gefallen, dem erneuten Präsenzunterricht zu folgen nach dem langen virtuellen Unterricht. Sie hatten große Probleme, sich daran zu gewöhnen, und fast ein Drittel unserer Schulkinder zeigte schlechte Leistungen und Lücken in vielen Fächern.  Deshalb mussten wir in diesem Quartal nach Strategien suchen, damit die Kinder aufholen, weiterkommen und ihre Lücken schließen konnten.

Daher geht auch der Nachhilfeunterricht an den Sonnabenden bei unserer Mitarbeiterin Carmen Lilian weiter, die Extraunterricht in Spanisch und Mathematik für die Kleinen gibt. Wir geben uns große Mühe, damit sie eine gute Basis bekommen und das Schuljahr schaffen.

Auch halten wir fest an den Vorsorgemaßnahmen wegen Covid-19, denn in den Schulen gibt es keine Kontrollen mehr, und im Moment steigt die Zahl der Infizierten wieder an, weshalb wir alles tun, um gesund zu bleiben.

Am Ende dieses Berichtes möchten wir noch erwähnen, dass in unserem Land eine große Erwartung herrscht, weil zum ersten Mal in der Geschichte ein linker Präsident gewählt wurde. Dieser verspricht viele Dinge, und zu seinen ersten Vorhaben gehört, die Bildung zu fördern und dabei besonders an die Allerbedürftigsten  zu denken. Deshalb hoffen wir, dass er etwas Produktiveres hervorbringt und die Korruption bekämpft wird, die bisher die traditionelle Politik ausmacht. Es wäre ideal, wenn es wirklich einen Wandel gäbe, denn im Moment bleibt uns nur zu hoffen und weiter zu arbeiten für unser Leben und das unserer Familien.

Wir sind unendlich dankbar für die so riesige Hilfe, denn nur mit dieser ist es möglich, solche Veränderungen von Leben zu erreichen.

Sandra Yicel Medina Sanchez