PROGRAMM „KINDERHILFE”, PASTO Quartalsbericht Oktober – Dezember 2023

An der Grenze zwischen Kolumbien und Ecuador

Der Menschenhandel ist das drittlukrativste Verbrechen, gefolgt vom Waffen- und Drogenhandel. In der kolumbianischen Rechtsprechung sind damit zwei Tatbestände gemeint: einerseits das Schleusertum über Landesgrenzen, andererseits die Entführung von Menschen innerhalb des Landes mit dem Ziel, sie als Arbeitskräfte auszubeuten bzw. sie als Bettler einzusetzen (Art. 188 Strafgesetzbuch). Diese Praxis mündet in einer Verletzung der Menschenrechte, da die Freiheit und der Wille der Betroffenen auf das Gröbste missachtet wird, ganz besonders, wenn diese Menschen als SexarbeiterInnen für Touristen ausgebeutet werden, wovon Kinder, Frauen und Jugendliche am stärksten betroffen sind.

Orte wie der Park „Ileras“ in Medellín, der von einer Mauer umschlossene Stadtkern von Cartagena oder das Viertel „La Candelaria“ in Bogotá sind bekannt für die Verfügbarkeit von Sextourismus. Auch Minderjährige müssen hier für solche „Dienste“ herhalten. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurden zwischen Januar und August 2023 521 Fälle von Menschenhandel registriert, von denen 255 Migration und 266 Zwangs-prostitution betrafen, auch von Minderjährigen; dies entspricht einem Anstieg von 56,9 %. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums werden täglich mindestens zwei Opfer registriert, aber nach Angaben des UNODC (United Nations Office of Drugs and Crimes) entspricht diese Zahl nicht der Realität, da viele Opfer keine Anzeige erstatten oder sich nicht an die zuständigen Behörden wenden können, daher wird die Dunkelziffer zehnmal höher geschätzt. Nach Angaben der UN sind Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren am meisten gefährdet. Kolumbien steht an der beschämenden vierten Stelle dieser Verbrechensstatistik.

Dem Innenministerium zufolge sind die Departements Candinamarca, Valle del Cauca, Nariño und Antioquia am schlimmsten betroffen.

Der allgegenwärtige bewaffnete Konflikt in der Region Nariño hat die geschlechtsspezifische Gewalt begünstigt und zur Regel werden lassen. Viele Kinder und Jugendliche werden von Guerillatruppen wie der FARC und der ELN entführt und ihre Körper werden damit zu „Kriegsbeute“.

Gruppen wie die ELN („marx.-lenin. Befreiungsarmee“) und der „Tren de Aragua“, die mit diesen Verbrechen ihre Ziele finanzieren, nutzen Pfade und Wege in den Regionen, um ihre Opfer in Staaten wie Ecuador, Peru oder Chile zu verfrachten, um sie dort an Zuhälter oder andere Ausbeuter zu verkaufen. Nariño ist hierfür strategisch günstig gelegen, denn es hat eine Küste am Pazifik und eine Grenze nach Ecuador – die Behörden haben die besondere Gefährdungslage für die Bevölkerung erkannt. Die Städte Tumaco (wegen ihrer Küstenlage), Pasto und Ipiales sind am stärksten gefährdet.

Ein hohes Risiko tragen die Angehörigen der einkommensschwachen Schichten, ihr Druck, ihre Familie zu ernähren macht sie anfällig für falsche Versprechen bzgl. Arbeit und Einkommen. Gerade junge Frauen, die ihre Kinder durchbringen müssen, geraten leicht in dieses Netz aus Lügen, in dem sie ihrer Freiheit beraubt werden und als Prostituierte arbeiten müssen, auch ihre Kinder werden als Bettler oder billige Arbeitskräfte eingespannt.

Die Organisation „KINDERHILFE“ ist ein Hoffnungsschimmer, der vielen Frauen finanzielle Hilfe bietet und damit beiträgt, dass diese in ihrer schwierigen wirtschaftlichen Situation solcher modernen Sklaverei nicht zum Opfer fallen. Für eine Mutter ist es das Wichtigste, dass ihre Kinder einen sicheren Ort haben, an dem sie betreut und versorgt werden, so dass sie selbst einer Arbeit nachgehen und für ihre Familie sorgen kann. Diese Form der Hilfe brauchen die Frauen, um in der kritischen Lage, die zurzeit herrscht, ihr Leben zu meistern und die Kinder großzuziehen.

Inklusion als Teil der Philosophie der KINDERHILFE

Inklusion ist die Voraussetzung für Chancengleichheit für alle Schüler und Studenten in der Bildung, besondere Aufmerksamkeit gilt jenen, die bislang weiter außen vor sind. Hierfür ist vor allem wichtig, dass die entsprechenden Institutionen sich an

diese Anforderungen anpassen und ihre Ideologie dahingehend ändern, dass sie die Bedürfnisse aller Lernenden erfüllt. Sie müssen hierzu erkennen, dass Diversität ein Gewinn für alle ist, und dürfen sie nicht mehr als ein Hindernis betrachten. Werte wie Rücksicht, Toleranz und Akzeptanz der Unterschiede sollen gestärkt werden, Unterschiede sollten als Qualitäten und Bereicherung gewertet werden, als Eigenschaften, die jeden von uns einzigartig und wertvoll machen.

Diese alternative Sichtweise der Bildung bricht mit den traditionellen Modellen, die Schüler mit besonderen Bedürfnissen und physischen oder psychischen Lernproblemen ausgesondert hat. Statt dessen sollen Gleichheit und Gerechtigkeit im Bildungswesen gesucht und gefördert werden.

In der KINDERHILFE wird diese Art der mitmenschlichen, solidarischen Bildung uneigennützig gepflegt, ohne die Unterschiede zu bewerten, die bei vielen Gelegenheiten zu Hänseleien, Diskriminierung und Ausgrenzung führen. In unseren Gruppen stehen Werte wie Akzeptanz, Hilfsbereitschaft, Zusammenarbeit und Rücksichtnahme im täglichen Miteinander an erster Stelle.

Herausragende Einzelfälle für diesen Prozess sind z.B. Michael Quenoran, der an einer dramatischen Skoliose leidet, Sara Cruz Melo, die stark schielt und deren Kiefer nicht richtig schließt, Dilan de la Cruz, dessen Beine schief gewachsen sind, Jorge Andrés Erazo, der geistig leicht zurückgeblieben ist und Andrea Cortes, die afroamerikanischer Abstammung ist. Diese Kinder haben, nur aufgrund ihrer physischen Besonderheiten, häufig Aggressionen erfahren, die ihr Selbstwertgefühl geschwächt haben und so zu schlechterer Leistung in der Schule geführt und ihr soziales Leben insgesamt stark beeinträchtigt haben.

Wir in der KINDERHILFE behalten diese Werteentwicklung unserer Kinder im Auge, wir betonen Gleichbehandlung und das Zusammenleben der Gruppenmitglieder nach den o.g. Werten – Gesten oder Äußerungen von Diskriminierung werden nicht geduldet. Auf spielerische Weise und durch geeignete Lektüre bringen wir den Kindern nahe, dass jeder Mensch in seiner Individualität wertvoll ist und unabhängig von seiner Hautfarbe, seiner religiösen Ausrichtung, seiner körperlichen Verfassung oder seiner sexuellen Orientierung das Recht hat, in seiner Würde geachtet und geschützt zu werden.

Im Sinne der Philosophie der KINDERHILFE werden wir auch in Zukunft unsere Kinder dahingehend erziehen, dass sie empathische und tolerante Menschen werden, und dass sie jeden Einzelnen, ohne Vorurteile und unabhängig von seinen Eigenarten, als Mitmenschen wertschätzen.

Unser Dank

Die Jungen und Mädchen der KINDERHILFE bedanken sich von ganzem Herzen bei der Organisation “KINDERHILFE” für die bedingungslose Unterstützung, die Akzeptanz und die beispielhafte Inklusion, die sie praktiziert. Sie stärkt auch damit das Selbstwertgefühl und die Lebensbedingungen all unserer Kinder.

♥♥♥ ¡MIL GRACIAS PADRINOS! ♥♥♥OMAYRA VILLOTA B.

Sozialarbeiterin – PASTO

(übersetzt von Anette Bauer)