Sonderbericht über den Generalstreik und die Proteste in Popayán 2021

Liebe Paten und Freunde der Kinderhilfe,

aus aktuellem Anlass kommt hier ein Lagebericht aus Popayan, wo die Kinderhilfe inmitten von Chaos und Schrecken weiterhin für so viele Kinder und Familien Hoffnung und Sicherheit bedeutet.

Wir alle sind Ihnen sehr dankbar für Ihre treue Unterstützung, die auch in diesen bürgerkriegsähnlichen Zeiten dort unermüdliche Hilfe möglich macht.

Ihre Ute Sonntag und Ihr Detlef Hammel

Ein weiteres Mal möchten wir über die so schwierige Lage in unserem Land berichten, in dem über 6 Millionen Kolumbianer in extremer Armut leben. Die Pandemie vergrößerte noch ihre Not, da viele ihre Arbeit verloren und deshalb nichts zu essen hatten. Ihr Leben wurde nicht wieder wie zuvor. Die Familien hatten Schulden machen müssen, waren durch Misshandlungen zerrüttet, und es kostete sie viel, sich wieder zu erholen und eine gewisse Stabilität zu erreichen. Da ist für viele Familien die Existenz der KINDERHILFE ein großes Glück. In diesen schweren und hoffnungslosen Zeiten hat der Verein finanziell sowie emotional geholfen, die größte Not zu lindern und sie nicht der Resignation überlassen. Er half ihnen monatlich mit lebenswichtigen Vorräten, bei der Zahlung der Miete und deren Nebenkosten und verfolgte dabei auch sein wichtigstes Ziel – die Ernährung der Babys, Kinder und Jugendlichen. Als gerade alles wieder zur Normalität zurückzukehren schien und sich viele Familien stabilisierten, begannen die „Übergriffe” der Regierung auf die armen und mittelständischen Bevölkerungsgruppen.  

Die neuen Gesetze, die sie verabschieden wollte, waren offenkundig widerrechtlich, wie etwa die geplante Steuerreform, die Gesundheits- und die Rentenreform. Sie waren Auslöser für massive Proteste in ganz Kolumbien. Vor allem die armen und mittelständischen Bevölkerungsgruppen haben es gewagt, ihre Stimme zu erheben. Das hat schon zu sehr vielen Toten und hunderten von Verletzten und Verschwundenen geführt, weil der Staat mit Gewalt gegen sie vorging. Anstatt mit der Bevölkerung zu verhandeln, bekämpfte die Regierung die Demonstranten mit Hilfe des Militärs. Durch diese Verletzungen der Menschenrechte in Kolumbien, die immer mehr zugenommen haben mit all den Übergriffen der Regierung, wurde die Weltöffentlichkeit alarmiert. Die Folgen davon lassen nicht auf sich warten, denn die wenigen Betriebe, die sich gerade wieder erholten, nachdem sie alles in der Pandemie verloren hatten, sind wieder am Ende durch die Straßensperrungen, Proteste und Kundgebungen gegen den Staat. Alle fordern, dass die Regierung handeln soll, um die Lebensbedingungen der Allerärmsten zu verbessern und die Korruption zu verhindern. Politiker sollen sich nicht mehr an den Steuern vergreifen, die in der Mehrzahl von der mittleren und armen Bevölkerungsschicht getragen werden. Die Korruption verursacht, dass es zynischerweise gerade diese Menschen sind, die das Land Aufrecht erhalten, weil die Reichen und die soziale Oberschicht kaum Steuern zahlen. Weil das Volk es leid ist, sagt es jetzt: ES REICHT. Der Streik hat die Zahl der Armen noch weiter ansteigen lassen. Aber es ist nicht nur die Armut, sondern auch die Pandemie mit sehr viel mehr Infizierten. Die Krankenhäuser und Intensivstationen sind am Limit. Die Proteste und ständigen Zusammenstöße lassen keinen Raum für eine Desinfektion oder Schutzmasken. Die Menschen wollen jetzt lieber kämpfend sterben als durch einen Virus umzukommen oder zu verhungern. Überall im Land hört man jetzt: „Hier ist die eigene Regierung gefährlicher als das Virus“, und das ist sehr hart, besonders für die Kinder. Deshalb können wir einmal mehr sagen, dass die Kinderhilfe ein Licht und Hoffnung für jene ist, die keine Hoffnung mehr haben. Hier lässt man soviel Not nicht zu, weder Hunger noch, dass sie Opfer dieses Staates und einer gleichgültigen Umwelt werden, in der es keine Chancen für ihre Vorfahren gab. Wir hoffen, dass möglichst viele Kinder durch die KINDERHILFE diese Familiengeschichten durchbrechen werden, indem sie die Ketten der Armut und des Elends zerbrechen. All das hat zu einer wachsenden Nachfrage für die Aufnahme von Kindern geführt.  

Jeden Tag klopfen Leute an die Türen der KINDERHILFE und bitten darum, ihnen mit einem Platz für ihre Kinder zu helfen, für Jugendliche, kleine Kinder und Babys. Aber leider erlauben die Bedingungen der Pandemie und der Schutz, den der Verein den einzelnen Kindern gewähren muss, nicht einmal die Wiederkehr aller Kinder aus unseren Gruppen. Außerdem haben sich die schulischen Anforderungen fast verdreifacht, weil die KINDERHILFE gleichzeitig für jedes Kind die Schule ersetzt und dafür noch Nachhilfe geben muss. Deshalb haben wir gründlich geprüft, welches Kind besonders dringend Schutz, Betreuung und Hilfe benötigt und welches zuhause, in der Obhut der Familie bleiben kann, um dadurch mehr Platz für Kinder im Verein zu schaffen, denn weder die Räumlichkeiten noch das Personal sind ausreichend. Auch müssen wir Ansteckungen und einen Ausbruch des Virus verhindern, um den anwesenden Kindern optimale Bedingungen zu schaffen. Sonst würden wir riskieren, dass der Verein zeitweilig geschlossen würde, was wir nicht zulassen möchten. Wegen des Nationalstreiks hat der Verein in diesem Monat die Nahrungsmittel für die Ernährung der Kinder sehr teuer bezahlen müssen. Alles ist sehr knapp geworden und kostet oft das Doppelte oder Dreifache, denn die Blockaden der wichtigsten Straßen des Landes lassen keine Lebensmittel passieren. Die Händler nutzen dies aus, um ihre wenigen Vorräte sehr viel teurer zu verkaufen. Der öffentliche Transportverkehr ist schwierig, weil es keinen Treibstoff mehr gibt. Deshalb können Eltern, die als Motorradtaxifahrer arbeiten, zurzeit kein Geld verdienen, und die Mitarbeiterinnen des Vereins müssen oft von weit her zu Fuß zur Arbeit kommen.

Aber sie kommen, denn sie fühlen sich für die Kinder verantwortlich, und so kann Verein weiterhin Betreuung, Schutz und Ernährung anbieten, was bei der Not in den Familien jetzt besonders wichtig ist. In der momentan chaotischen Lage hier gibt es sehr viel mehr Notlagen und jetzt auch neue Aufnahmen, denn die KINDERHILFE versucht, sich umzuorganisieren und Raum zu schaffen für die besonders Bedürftigen. Um einen Platz für ganz besondere Notfälle zu schaffen, betreuen wir Kinder zu Hause, deren Mütter gerade keine Arbeit haben und zu Hause sind. So haben wir jetzt drei Mitarbeiterinnen in der Babykrippe, um dadurch noch neue Babys aufnehmen zu können. Natürlich steigen damit auch wieder die Kosten, denn Babynahrung und Pflege sind sehr teuer. Aber diese neuen Babys leben in so großer Not, dass wir damit Leben retten können und ihnen mit einer guten Ernährung und unter menschenwürdigen Bedingungen einen besseren Start in dieses Leben ermöglichen können.

Auch wenn es unvorstellbar erscheint, sind sie, weil es nichts anderes bei ihnen zu essen gab, mit gesalzenen Suppen, ohne jeden Nährwert, gefüttert worden oder mit einem flüssigen Brei aus Kochbananen oder sogar mit reiner Kuhmilch, was schon Schäden an Ihren Mägen verursacht hat. Schäden, die man später nicht mehr beheben kann. Wir hoffen, dass sie noch rechtzeitig in die Kinderhilfe gekommen sind.  

Anhang vom 29.05.2021: Die Situation im Land ist völlig chaotisch. Mit den Demonstrationen vom 28. Mai zeigte sich, wie die Gewalt täglich zugenommen hat. An diesem Tag dauerte der nationale Generalstreik einen Monat und die Kundgebungen und Demonstrationen wurden immer überzeugender.

Millionen Menschen sind auf die Straße gegangen, um weiter für ihre Rechte zu demonstrieren und gegen die Korruption der Regierung zu protestieren. In vielen Städten hat es Kämpfe gegeben, immer mehr Studenten sind verschwunden und immer mehr Menschen sind durch die Hand der Streitkräfte umgekommen. Insgesamt kann man sagen, dass Popayan eine der am stärksten betroffenen Städte des Landes war. Dadurch wird jeder neue Tag auch ungewiss, weil wir nicht wissen, was passieren wird. Der 28. Mai war sehr dramatisch, voller Schrecken, Schreie und Angst wegen der Detonation der Gasgranaten, der Schüsse auf Zivilisten, die etliche Studenten getötet haben. Viele wurden verletzt und sind zum Beispiel erblindet, obwohl die Polizei und der Staat ihre Waffen als nicht tödlich bezeichnen. Am Ende sind sie es aber doch. Die Zusammenstöße zwischen Zivilisten und den bewaffneten Streitkräften haben dazu geführt, dass die Bevölkerung nach Möglichkeiten sucht, um sich zu verteidigen. Deshalb verteidigen sie sich auch mit selbstgemachten Waffen gegen die Sicherheitspolizei, die Sondertruppe, die vor allem gegen die Demonstrierenden vorgeht. Aber da diese auch die stärkeren Waffen und mehr Kräfte besitzen, wird am Ende wieder die Zivilbevölkerung am schlimmsten betroffen sein. Wie wir in Kolumbien sagen „Die Toten werden weiter bleiben, und sie werden weiterhin aus der Bevölkerung kommen“. Aber dem Volk ist das inzwischen egal, denn jetzt ist es mehr denn je zuvor verletzt und all das leid, was die korrupte Regierung im Land anstellt. An diesem Tag war in Popayan der Himmel vom Rauch verdunkelt, denn die Lage war so eskaliert, dass mehrere Gruppen sie ausnutzten, um den Durchgangsparkplatz in Brand zu stecken. Dort befanden sich tausende von Motorrädern, die die Behörden von Leuten eingezogen hatten, die die Mopeds zum Arbeiten brauchten.

Motorradtaxis sind in der Stadt verboten und viele hatten auch keine gültigen Papiere oder fuhren an einem Tag, an dem es für sie, wegen der Pandemie, verboten war. Und da die Besitzer der Motorräder arme Leute sind, hatten sie nie das Geld, um die Strafen zu zahlen, die sehr hoch sind, weshalb ihre Motorräder auf diesem Parkplatz stehen blieben. Auch nutzten viele Banden die Situation, um Supermarktketten auszurauben, wie den „Exito“. Die Lage in der Stadt ist so gespannt, dass heute, am 29. Mai, der Präsident in der Stadt ist, und es wird befürchtet, dass er den Befehl geben wird, das Militär einzusetzen, was nur zu noch mehr Gewalt und Toten führen würde. Besonders schmerzlich ist dabei, dass dieser Nationale Streik für mehr Gerechtigkeit eintritt, für eine bessere Lebensqualität extrem armer Menschen, für Bildung, für Gesundheit und für ein menschenwürdiges Leben, denn die Demonstrierenden sind genau jene, die in diesem Land keine Chancen hatten und die wie wir eine bessere Zukunft wollen. Und da dies die Mehrheit ist, wird das Land weiterhin streiken und demonstrieren, wenn es keine Lösungen gibt. Inmitten dieser Situation gibt sich die Kinderhilfe weiterhin alle Mühe, um die Kinder betreuen zu können, sie zu behüten, zu schützen und mit den nötigen Nahrungsmitteln zu versorgen. Im Weiteren werden auch die von diesen neuen sozialen Problemen besonders betroffenen Familien, mit Nahrungsmitteln versorgt und allem, was sie brauchen, um noch größere Not und Leid zu verhindern. So zeigen wir, dass inmitten von Chaos und Gewalt die Kinderhilfe weiterhin unsere Lebenshoffnung bleibt. Und wieder bleibt uns nur unendlicher Dank für Ihre Spenden und Hilfe, dass Sie Licht, Hoffnung und Leben sind für so viele notleidende Kinder und Familien, für die ohne Sie das Leben sehr traurig und hoffnungslos wäre.  

Sandra Yicel Medina Sanchez